Dramödie "Vergiss mein ich" Die Achselhaare rasieren? Warum das denn?

In dem wunderbaren Kinofilm "Vergiss mein ich" muss eine Frau nach dem Gedächtnisverlust ihr Leben neu ordnen. Maria Schrader spielt diese Selbst-Findung so mitreißend, dass man neidisch auf ihre neu gewonnene Freiheit wird.

Real Fiction

"Ich will einfach nur ich selbst sein", schreit Lena ihren Mann an. "Woher hast du das denn, aus einer Vorabendserie?" motzt der zurück. Hat sie wahrscheinlich. Denn Lenas Problem ist, dass fast sämtliche Referenzen fehlen: Sie hat nach einer Hirnhautentzündung ihr biografisches Gedächtnis verloren, sie leidet seit einem Kollaps auf einer Party an "retrograder Amnesie".

In Jan Schomburgs zweitem Kinofilm "Vergiss mein ich" fängt also eine gestandene Frau wieder bei Null an. Wie Kinder gehen und sprechen lernen, übt Lena (Maria Schrader), in den Gesichtern ihrer Mitmenschen zu lesen, und referiert mit dem Krankenhausarzt vor ein paar Mimik-Bildern das Gelernte: "Augen geschlossen, Mund halb geöffnet - Erstaunen".

Vor allem will sie jedoch herausfinden, wer sie ist und war. Diese Lena, die mit ihrem Mann Torbe (Johannes Krisch) ein gutsituiertes Bohemien-Leben voller Bücher und Gespräche führte, die zum Thema Gender forschte, die einen festen Platz in ihrer Freundinnenclique innehatte, diese Lena läuft jetzt in einem lachsfarbenen Paillettentop mit Schmetterlingsmuster durch die Straßen und rasiert sich nicht mehr die Achselhöhlen, weil sie schlichtweg vergessen hat, dass das einst zu ihren Konventionen gehörte.

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"Vergiss mein ich": Frau trägt jetzt auch mal Bart
Auf dem irrlichternden Weg zum Ich, den sie mit Hilfe alter Tagebücher, Aufzeichnungen und Fotos zu meistern versucht, trifft Lena in den Straßen Kölns auf Roman (Ronald Zehrfeldt), einen schlitzohrigen Journalisten, dem die naive Ehrlichkeit der merkwürdigen Frau gefällt. Und Roman gefällt wiederum Lena: Wie ein Teenie in einen Boygroupstar verknallt sie sich in den schönen fremden Mann, um hernach, überfordert von den diffizilen Regeln beim Daten, Andeuten, Ausführen wie ein Teenie auf die Nase zu fallen.

Diese Fallhöhe, die Autor und Regisseur Schomburg für seine Heldin konstruiert hat, ist - den Regeln der Filmdramaturgie entsprechend - hoch, aber realistisch: Wie Lena sind viele - tief und langjährig verstrickt in soziale, emotionale und intellektuelle Netze, mit wenig Zeit für Pausen und verhältnismäßig wenig neuen Erfahrungen. Durch den Schock ihrer Amnesie verliert Lena nicht nur die Erinnerung an eine Identität, sie bekommt auch die Chance auf etwas Neues.

Pubertistin mit Liebeskummer

Maria Schrader spielt die forschende Lena mit ernster Neugier, ungehemmter Präsenz und kindlichem Schalk. Sie findet jeden Fettnapf und bringt ihre Umwelt durcheinander wie ein junger Hund eine Fleischerei. Ihre Figur wechselt aus der Phase der Verzweiflung über einen Verlust, der sich noch nicht mal genau benennen lässt und sich vor allem in den Reaktionen der Umwelt spiegelt, in eine Phase des Entdeckens. Noch später wird sie sich entscheiden müssen, wer sie denn jetzt sein will.

Dass Schomburg sich entschlossen hat, auch die sexuelle Wiedererweckung seiner Protagonistin erwachsenengerecht umzusetzen, ist konsequent: Sex tells - in diesem Fall von einer Frau, die sogar das Wissen darüber verloren hat, was alles am Mann unten dranhängt, und was man damit anstellen könnte.

Neben der angenehm unverkopften Reflexion darüber, was es denn nun eigentlich ist, das einen Menschen ausmacht, scheint es Schomburg zudem ein Anliegen zu sein, eine Paarbeziehung genauer zu betrachten, die der neuen Situation erst noch standhalten muss. Schließlich hatte Torbe sein Leben einst mit einer diskussionswütigen, frauenbewegten, wilden Hummel aufgebaut, nicht mit einer blankäugigen, im wahrsten Wortsinn selbstvergessenen Pubertistin mit Liebeskummer.

Bereits in seinem Debütfilm "Über uns das All" hatte Schomburg für seine Heldin einen ungewöhnlichen und nicht rollenklischierten Weg gefunden, mit einem Verlust, in diesem Fall dem ihres Mannes, klarzukommen: Sandra Hüller als Martha ließ nach dem unerklärlichen Gatten-Suizid einfach einen neuen Mann in die Wohnung und ihr Leben, tat so, als wäre er der alte, und machte mit dem amüsiert-überraschten Unbekannten weiter wie bisher.

Lena, die Protagonistin aus "Vergiss mein ich", bleibt nach der Amnesie-Diagnose ebenfalls nicht lange passiv. Sie hat sich zwar selbst verloren, doch die Karten wurden neu gemischt. Dass zum Wieder- oder Neuerfinden ihrer Identität zuweilen ein angeklebter Schnurrbart gehört, bringt gerade genug Drag-Appeal in die Geschichte, um ein progressives Geschlechterverständnis anzudeuten. Körperhaare sind manchmal eben auch Ausrufezeichen.

Vergiss mein Ich

    Deutschland 2014

    Regie: Jan Schomburg

    Buch: Jan Schomburg

    Darsteller: Maria Schrader, Johannes Krisch, Ronald Zehrfeld, Sandra Hüller, Martin Reinke, Peter Prager

    Produktion: Pandora Film Produktion

    Verleih: Real Fiction

    Länge: 93 Minuten

    Start: 01. Mai 2014

    FSK: ab 12 Jahren

  • Offizielle Webseite zum Film

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fastwriter 30.04.2014
1. Kein Grund für Neid
Zitat von sysopReal FictionIn dem wunderbaren Kinofilm "Vergiss mein ich" muss eine Frau nach dem Gedächtnisverlust ihr Leben neu ordnen. Maria Schrader spielt diese Selbst-Findung so mitreißend, dass man neidisch auf ihre neu gewonnene Freiheit wird. http://www.spiegel.de/kultur/kino/kino-vergiss-mein-ich-mit-maria-schrader-ueber-gedaechtnisverlust-a-966576.html
Ein wenig leichtfertig, die Begriffe Neid und Freiheit in Zusammenhang mit Gedächtnisverlust zu stellen. Wer tatsächlich Betroffene kennt, weiß, das Amnesie eine echte Qual ist und wenig mit neu gewonnener Freiheit zu tun hat. Ich habe einen Fall im engsten Freundeskreis und kann der Autorin versichern: Neid ist da absolut unnötig.
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