Kapitalismus-Groteske "Zeit der Kannibalen" Absturz der Alphamännchen

Lächelnd Milliarden versenken - oder Tausende arbeitslos machen: In seiner brillanten Kinogroteske "Zeit der Kannibalen" führt Johannes Naber drei Unternehmensberater an ihre persönlichen Abgründe. Und an die des Spätkapitalismus.

Von Kirsten Rießelmann

Farbfilm

Frank Öllers (Devid Striesow) und Kai Niederländer (Sebastian Blomberg) sind Unternehmensberater. Aus Luxushotels in Drittwelt- und Schwellenländern heraus wickeln sie Produktionstandorte ab und verpflanzen sie an lukrativere Orte ("Everyone loves India - how boring. Pakistan is future!"). Sie hantieren im Auftrag ihrer Kunden mit Milliardenbudgets und machen in zehnminütigen Meetings Abertausende arbeits-, ja existenzlos - und das alles, ohne die ewiggleichen Konferenzräume in den ewiggleichen Hotels je zu verlassen.

Das Draußen ist schließlich sowieso nur Gefahr: "first class human resources" zwischen Smog, Müll, Armut, gelegentlichen Terroranschlägen und Erschießungskommandos. Für Öllers und Niederländer aber zählen nur die Zahlen. Und der gewisse, dem Kunden gut verkäufliche Abenteuergeist. So begegnen sie ihren Businesspartnern mit sandgestrahltem Haifischlächeln und gnadenlosem Zynismus, denn sie wissen, dass das, was sie tun, "nicht schön" ist. Aber einer muss es ja machen.

In ihrem mit mathematischer Präzision ablaufenden Arbeitsalltag - Telefonate mit der Travel Agency und dem Back Office ("Schickt mal die Milestones rüber, aber pronto!"), Continental Breakfast, Meeting, Flieger, Rollkoffer-Rollen über dezent sounddesignte Hotelflure, Massage - haben beide so ihre Neurosen entwickelt: Niederländer packt seinen Koffer nach der Uhr und demütigt Hotelangestellte wegen Nichtigkeiten. Öllers führt recht unbeherrschte Telefonate mit seiner Frau und bezahlt danach die Roomservice-Dame für Casual Sex.

Spiel mit den Affen

Aber dann brechen beiden die beruflichen Gewissheiten und ihr mit dem Herrscherhabitus des männlichen Alphatiers ausgelebtes Selbstverständnis Stück für Stück weg. Erst befördert ihre "Company" den dritten Mann ihres Teams zum Partner und ersetzt ihn durch Bianca März (Katharina Schüttler), eine junge, ehrgeizige Frau, die das Spiel mit den beiden "Affen", wie sie selbst sagt, recht souverän beherrscht. Und die noch ein Ass im Ärmel hat, mit dem sie die beiden in ihren Karriereplänen schon leicht Düpierten strategisch gegeneinander ausspielt.

Großartig ist, wie "Zeit der Kannibalen" seine drei Hauptfiguren in einem Kammerspielsetting - der ganze Film spielt ausschließlich in Hotelzimmern, -suiten und -lobbys - mit wenigen Pinselstrichen vieldimensional entwickelt. Niemand ist hier ausschließlich stereotypes Abziehbild der fiesen Heuschrecke. Alle drei haben ihre Abgründe, ihre Empfindsamkeiten, ihre Vergangenheiten und ihre ursprünglich einmal idealistischen Motive zwischen NGO, Krötensammeln und Grünen-Mitgliedschaft. Alle tun das, was sie tun, weil sie "etwas tun" wollten. Wie der Film sie dabei grell comedyhaft überzeichnet, ihnen gleichzeitig aber eine fast melodramatische Tiefe gibt, das ist das Resultat des geradezu fabelhaften Ineinandergreifens von Buch, Regie und Schauspielern.

Und Drehbuchautor Stefan Weigl verschiebt gemeinsam mit Regisseur Johannes Naber ("Der Albaner") den Plot stoisch immer weiter ins Katastrophische. März, die auf moralisch so festem Grund Öllers' Sexualpraktiken als Ausbeutung geißelt, wird selbst Opfer von Sexismus, Öllers und Niederländer werden in ihrer Karrieregeilheit Opfer eines miesen Verkaufsbetrugs und plötzlich per internationalem Haftbefehl gesucht. Vor dem Fenster wird das MG-Geknatter immer lauter, ein Bürgerkrieg bricht aus. Das Hotel im nigerianischen Lagos, bislang der vor der belächelten, ach so irrealen Welt da draußen schützende Bunker, wird zur Falle.

Mit zunächst noch schadenfrohem Grinsen schaut man zu, wie aus großmäuligen Besserwissern drei wimmernde, kotzende Bündel werden, die Angst um ihr erbärmliches Leben haben. Und das Grinsen wandelt sich, fast ohne dass man es merkt, in Entsetzen. "Zeit der Kannibalen" ist eine großartig geschriebene und gespielte Groteske, eine tiefschwarze Komödie, wie man sie in ihrer Klug- und Gewitztheit, aber auch in ihrer kompromisslosen Härte aus Deutschland nicht erwartet hätte.

Zeit der Kannibalen

Deutschland 2014

Regie: Johannes Naber

Buch: Stefan Weigl

Darsteller: Devid Striesow, Sebastian Blomberg, Katharina Schüttler

Produktion: Studio-TV-Film GmbH, WDR, Arte, BR

Verleih: Farbfilm-Verleih

Länge: 93 Minuten

Start: 22. Mai 2014

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
mr.feelgood 26.05.2014
1. Gut geschrieben!
Entweder, diese Rezension ist außerordentlich gut, poiniert und mitreißend geschrieben, oder es handelt sich tatsächlich um eine besondere, deutsche, satirischen Verfilmung inzwischen international handelsüblicher Geschäftsszenarien. Für den Normalo muss es eine Lust sein, Voyoristisch zuzusehen, wie die Protagonisten auf den Boden der Realität landen. Da bin ich schon sehr neugierig, ob dieser Film hält, was er verspricht!
Criticz 26.05.2014
2. ...und dann kommen die Alphamädchen
Zitat von sysopFarbfilmLächelnd Milliarden versenken - oder Tausende arbeitslos machen: In seiner brillanten Kinogroteske "Zeit der Kannibalen" führt Johannes Naber drei Unternehmensberater an ihre persönlichen Abgründe. Und an die des Spätkapitalismus. http://www.spiegel.de/kultur/kino/kino-zeit-der-kannibalen-mit-devid-striesow-und-katharina-schuettler-a-969159.html
...und alles wird ganz bestimmt besser. Oder? Fragen wir mal Yahoo-Mitarbeiter...
Buttercup 26.05.2014
3.
ich habe den Film vor einigen Wochen in der Sneak Preview gesehen. Ich war vom Film einfach nur gefesselt. Ich konnte sogar 2 Nächte nicht schlafen, weil mich dieses Thema so beschäftigt hat.
u.lose 26.05.2014
4. schönes Wort:
Spätkapitalismus, klingt toll. Vor allem weil es ein Ende suggeriert bzw. in Aussicht stellt. :)
Sugafoot 26.05.2014
5.
Den Film kenne ich nicht, aber zwei Dinge sind ungewöhnlich wie hier beschrieben: 1. Das Backoffice hat sicherlich keinen Meilensteinplan, das hat immer der Project Manager/Engagement Manager/Case team leader 2. Welcher Unternehmensberater hat denn unter der Woche Zeit für Massagen und casual sex?
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