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Kinodesaster "Burlesque": Zum Heulen, diese Brüste und Keulen

Ein Musical wie ein Fleischsalat: In "Burlesque" verhackstückt Regisseur Steve Antin Gesang, Choreografie und Körperteile zum Sing-und-Ranz-Stück. Mit fatalen Folgen, meint Lars-Olav Beier - Cher sieht aus, als ob sie mit Gummimaske spielt, Christina Aguilera erinnert an einen Marshmallow.

Man wurde schon misstrauisch, als der Regisseur die Bühne betrat. Bei der Premiere von "Burlesque" Mitte Dezember in Berlin hoppelte ein dauergrinsender Kerl Anfang 50, der auszusehen versuchte wie Mitte 20, mit schwarzer Brille und weißem Jackett vor der Leinwand auf und ab wie ein Teenager im Red-Bull-Rausch.

An keinem Türsteher der Welt wäre Steve Antin an diesem Abend vorbeigekommen. Wie kann es sein, dass solche Pausenclowns in Hollywood 50-Millionen-Dollar-Filme drehen dürfen?

Wer Bilder von Steve Antin googelt, bekommt sofort ein paar Schwulen-Pin-ups auf den Schirm. Okay, schnell weiter. Auf der Filmdatenbank Internet Movie Data Base erscheint das Vorstrafenregister von Antin. 1982 spielte er in "Die letzte amerikanische Jungfrau" einen geilen Jüngling. Was ist daran schlimm, waren wir das nicht alle mal? 1999 schrieb er das Drehbuch zum John-Cassavetes-Remake "Gloria", ja, klar, kriminell schlecht, aber schon lange her. Hat nicht jeder eine zweite Chance verdient?

"Burlesque" ist also ein Reha-Film.

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"Burlesque": Ein Musical wie ein Fleischsalat
Neben Antin stand damals eine Frau mit langen schwarzen Haaren auf der Bühne, die keine Miene verzog. Sie konnte es auch nicht, denn sie hatte sich offenbar in irgendeinem Kostümverleih eine Gummimaske von der Sängerin Cher gekauft und über das Gesicht gezogen. Das sah nicht schön aus, ehrlich gesagt. Irgendwie taktlos. Was sollte Cher dazu sagen? Neben der Frau mit der Cher-Gummimaske stand Christina Aguilera, sie ist ein Popstar und sieht eigentlich ganz hübsch aus.

So geht man doch nicht mit schönen Frauen um!

Wie dieses seltsame Duo unter der Ägide von Antin zusammenspielt, bekommt ab Donnerstag auch das Massenpublikum zu sehen. Um es vorwegzunehmen: Es ist kein schöner Anblick.

Der Film beginnt, und Aguilera macht auf der Leinwand plötzlich den Eindruck, als habe sie eine dreimonatige Marshmallow-Diät hinter sich. Woran liegt das, wird der Film etwa im falschen Format vorgeführt? Nein, kann nicht sein, denn jetzt taucht die Frau mit der Cher-Gummimaske auf, und die sieht ganz normal aus, na ja, so normal, wie man eben mit einer Cher-Gummimaske aussieht, jedenfalls nicht übermäßig dick. Dann hüpfen auch noch ein paar Tänzerinnen in Dessous auf und ab, die sehen auch ganz gut proportioniert aus, aber man kann's nur ahnen, denn es geht alles viel zu schnell.

Ich weiß nicht, ob Sie schon mal in einem Chinarestaurant dabei zugesehen haben, wie der Koch das Gemüse zerkleinert. Steve Antin jedenfalls hat das Schneiden ganz sicher beim Chinesen gelernt. Da werden Schenkel und Brüste in winzig kurzen Einstellungen kleingehäckselt zu einem großen Fleischsalat. Was ist das für eine Art, so geht man doch nicht um mit schönen Frauen! Dazu singt die Cher-Gummimaske "You Haven't Seen the Last of Me", und das klingt echt bedrohlich. Dann doch lieber Marshmallow-Christina.

Wenn jemand ein Auto baut, das weder Räder hat noch einen Motor, weder Sitze noch ein Lenkrad, dem überdies auch noch die Karosserie fehlt, würde man sich irgendwann die Frage stellen, ob es sich überhaupt noch um ein Auto handelt. Leider gibt es eine solche allgemein akzeptierte Minimaldefinition für das Musical nicht. Deswegen darf jeder den Film "Burlesque" ungestraft als Musical bezeichnen. Dabei bestehen seine Figuren nicht aus Fleisch und Blut, sondern nur aus Gummi und Marshmallows, und kein einziger Dialog geht über eine bloße Lautäußerung hinaus. Es gibt auch keine Choreografie, die sich dem Betrachter erschließen würde.

Aber andererseits: Wenn Hollywood selbst jemandem wie Steve Antin einen Film anvertraut, der, obwohl er sich alle Mühe gibt, am Ende nicht mehr schafft, als die Intelligenz und das Schönheitsempfinden seiner Zuschauer fast zwei Stunden lang zu beleidigen, lässt uns das hoffen. Hollywood gibt jedem eine Chance. Auch dir.

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insgesamt 92 Beiträge
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1. °!°
jot-we, 05.01.2011
What the hack - Cher würde auch in jedem anderen Film aussehen wie gummimaskiert und C.Aguilera besitzt bewegungsästhetisch sowieso das Niveau eines Reha-Rollators mit Rotlicht - womit sie ungefähr im Windschatten von Beyoncé und Shakira segelt. Es hätte also eigentlich gar nicht erst dieses Films bedurft, um diese Frage aufzuwerfen: Ach nee, wo sind sie nur alle hin, die anmutigen girl-dancers?
2. Der
Nibbla 05.01.2011
Autor hat sichtlich Spaß an seinem Veriss. auf den Bilder wirkt die Christina meiner meinung nach aber nicht dick und mit stehenden Bilder sieht man auch das Gummimasken Phänomen auch nicht.
3. Wer ist hier zu dick?
Ghostwriter2020 05.01.2011
Auch wenn sich der Bericht des Autors mit meinen Erwartungen an diesen Film deckt (und ich ihn mir sicher nicht anschauen werde), so frage ich mich, wie man die immer noch schlanke - aber nicht mehr dürre - Aguilera als zu dick bezeichnen kann? Muss das wirklich sein?
4. Dick?
Flo!! 05.01.2011
Empfinde nur ich die Bezeichnung "übermässig dick" für dieses Popsternchen als absolut unangebracht, frech, dumm oder sogar als gefährlich? Gut, ich habe nur die Bilder des Artikels als Maßstab, aber dick ist sie da definitiv nicht und junge Mädchen, die sofort eine mehrjährige 0-Diät beginnen, wenn sie lesen, dass C.A. hier als übermässig dick bezeichnet wird, gehören sicherlich nicht zum Stammpublikum dieser Seite, aber trotzdem...
5. ...
Kanzleramt 05.01.2011
Was soll der Film eigentlich mit Burlesque zu tun haben... außer, dass die Darstellerinnen Strapse tragen?
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Burlesque

USA 2010

Regie: Steve Antin

Drehbuch: Steve Antin, Susannah Grant

Darsteller: Christina Aguilera, Cher, Stanley Tucci, Kristen Bell, Peter Gallagher

Produktion: De Line Pictures

Verleih: Sony Pictures

Länge: 118 Minuten

Start: 6. Januar 2011

Offizielle Website zum Film



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