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Kinodoku "Die große Passion": Full Jesus Village

Von Jörg Schöning

Seit fast 400 Jahren gibt es die Passionsspiele von Oberammergau, jetzt sind sie das erste Mal im Kino zu sehen: Jörg Adolphs wunderbarer Dokumentarfilm "Die große Passion" zeigt die mühsame Entwicklung einer Mega-Inszenierung - und die brennende Leidenschaft eines Regisseurs.

Kinodoku "Die große Passion": Ein Dorf im Bann der Leidenschaft Fotos
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Die Zigarette muss sein. Sie zeigt an: Christian Stückl steht unter Dampf. Der 50 Jahre alte Regisseur ist das Kraftwerk, das die 377 Jahre alte "Passion" auch noch im 21. Jahrhundert vorantreibt. Ob er mit seinen zwei Jesus-Darstellern - denn in Oberammergau wird jede Rolle doppelt besetzt - den teleologischen Gehalt der Dialoge bespricht, sich über die Streichung lebender Ziegen von der Statistenliste echauffiert oder Prominente durchs Festspielhaus führt - so wie die Spitze seiner "Lucky" glüht, glüht dieser Mann auch innerlich.

Stückls Inszenierung der "Passion" von 2010 ist die erste jemals im Film dargestellte, bisher gab es keine längeren Filmaufnahmen. Dennoch ist die Geschichte Oberammergaus lange schon die Geschichte seiner medialen Vermarktung. Der Weltreisende Richard Burton (bekannt aus Ilija Trojanows "Weltensammler") zählte bereits 1880 "gut 30 Bücher und Broschüren", die das Bergdrama hervorgebracht hatte - ehe er ihnen sein eigenes hinzufügte. Dem Jesus-Darsteller des Jahres 1910 lag ein Hollywood-Angebot vor, das der bodenständige Akteur aber ausschlug. Immerhin durfte sich Cecil B. De Mille, Schöpfer legendärer Sandalenfilme wie "Die zehn Gebote" (1923), in Oberammergau zu seinen Mammutproduktionen inspirieren lassen.

Dem Dokumentarfilmer Jörg Adolph sind persönlicher Mitteilungsdrang und jeder Hang zur Monumentalität gänzlich fremd. Bei seiner Arbeit folgt er strikt den Geboten des "Direct Cinema". Das heißt, er verzichtet auf Kommentare und beschränkt sich auf die stille, passive Beobachtung. "Ich brauche im Film eine Lokomotive, die mich vorwärts zieht", kommentiert er die Wahl seines Protagonisten. "Ich selber forciere ja nichts." Trotzdem sind sportliche Qualitäten vonnöten, wie Ausdauer und Reaktionsschnelligkeit. Beides hat Adolph systematisch trainiert.

Lasst Bärte und Haare sprießen!

Im Jahr 2000 hat er die Tischtennis-Koryphäe Timo Boll porträtiert ("Klein, schnell & außer Kontrolle"), vier Jahre später in "Kanalschwimmer" eine Gruppe manischer Dauerkrauler vorgestellt. Seither hat er sich auf "Kanalschwimmer" im Kulturbetrieb spezialisiert. Für "Houwelandt - Ein Roman entsteht" (2005) ist er dem Hochleistungschreiber John von Düffel ein Jahr lang dicht auf den Fersen gewesen. Bei "How to Make a Book with Steidl" (2010) hat er in dem umtriebigen Göttinger Selfmade-Verleger Gerhard Steidl Star-Qualitäten entdeckt. Mit Christian Stückl, der als Intendant auch das Münchner Volkstheater leitet, hat er nun eine besonders produktive Zugmaschine aufgetan, die auf der Leinwand wiederholt für dramatische Zuspitzungen sorgt - ein Glücksfall für das häufig doch etwas dröge Dokumentarfilmgenre.

Denn nicht bei allen Mitgliedern des Oberammergauer Gemeinderats sind die Neuerungen des Kettenrauchers wirklich gern gesehen. Schließlich soll hier in erster Linie der Schornstein rauchen. Sprich: Die "Passion" ist der wesentliche Wirtschaftsfaktor des Dorfes. Die Schulden, die man hier in den passionsfreien Zeiten macht, muss das Stück alle zehn Jahre mit einem Schlag tilgen. Und da ist jede Veränderung - von der Farbgebung der Gewänder bis zur Verlegung der Anfangszeit - ein schwer zu kalkulierendes Risiko. Schon 1910 beklagte der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, dass in Oberammergau penetrant über Merkantiles gesprochen würde.

Sechs Stunden dauert die Aufführung, mittendrin gibt es drei Stunden Pause. Das allein schon verlangt der Dokumentation einen langen Atem ab. Die Kinofassung von "Die große Passion" dauert 144 Minuten - aber keine davon ist vertan. Über zwei Jahre hinweg haben der Regisseur und sein kleines Team in Oberammergau gedreht. Dabei ist der chronologische Ablauf faktisch seit Jahrhunderten vorgegeben: Er reicht von der Erneuerung des Gelübdes, den Leidensweg Christi alle zehn Jahre nachzuspielen, mit dem sich die Dörfler im Pestjahr 1633 göttlichen Beistand erflehten, über den "Aufruf", der die auserkorenen Mitspieler ermahnt, sich Bart und Haare lang wachsen zu lassen, bis zur Premiere vor 5000 Gästen.

Klassenfahrt nach Israel

Gerade ebenso viele Einwohner hat Oberammergau. Knapp die Hälfte von ihnen ist in die "Passion" aktiv involviert, 2000 stehen auf der Bühne. So kommt es, dass alle zehn Jahre Männer mit Vollbart und Langhaar die dörfliche Szenerie dominieren. Doch an dem kuriosen Kontrast zwischen biblischer Erscheinung und fluktuierendem Fremdenverkehr ist Adolph weniger interessiert. Er bleibt dicht an der Inszenierung, auf deren heilsgeschichtliches Geschehen die profane Gegenwart doch immer wieder heftigen Einfluss nimmt.

Die Entscheidungsmacht des kommunalen Trägers - in Gestalt des konfliktfreudigen Gemeinderats - kommt dabei ebenso zur Sprache wie die Besorgnisse und Beschwerden jüdischer Organisationen, die vom Antisemitismus früherer Inszenierungen immer noch aufs Höchste alarmiert sind. Provinzielle Kleingeister, die den Dekalog ums öffentliche Rauchverbot erweitern möchten, gehören genauso dazu wie Fernreisen - zum Beispiel ins Heilige Land (um den Ensemblegeist zu stärken), zum Heiligen Vater (um den Papst als Werbeträger einzubinden) und nach Indien (um im Niedriglohnland Stoffe und Ausstattungsstücke einzukaufen).

Der "Schauder des Wahrhaftigen", den die Marketinggemeinschaft Oberammergau raunend beschwört - er stellt sich in Adolphs akribischer Beobachtung des Alltäglichen einfach nicht ein. In seinem absolut diesseitigen Film geht es um Kulturarbeit und Gruppenprozesse in ihrer lebendigen Widersprüchlichkeit. Das "Pandämonium des Lärmes und der Konfusion", als das Richard Burton vor 130 Jahren das Oberammergauer Treiben wahrnahm, wird hier transparent als ein Widerstreit zwischen individueller Vision und tendenziell beharrenden Partikularinteressen - ein mehr als 2000 Jahre alter Konflikt. Über ihm nicht in die Luft zu gehen, auch dabei hilft dem Stückl-Christian die Zigarette.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Peinliche Passionsspiel
eugencluster 16.11.2011
Was soll denn dieser überflüssige PR-Artikel über den überflüssigen Film einer überflüssigen Inszenierung. Glauben die Medien tatsächlich, sie könnten damit die vielbeschworene "Rückkehr der Religionen" forcieren? Das wird nicht gelingen, deshalb sollte sich der SPIEGEL liber den realen Dinge widmen und nicht diesen obsoleten und peinlichen Passionsspielen, die eh keinen interessieren.
2. Oberammergau interessiert niemand?
Gastone 17.11.2011
Zitat von eugenclusterWas soll denn dieser überflüssige PR-Artikel über den überflüssigen Film einer überflüssigen Inszenierung. Glauben die Medien tatsächlich, sie könnten damit die vielbeschworene "Rückkehr der Religionen" forcieren? Das wird nicht gelingen, deshalb sollte sich der SPIEGEL liber den realen Dinge widmen und nicht diesen obsoleten und peinlichen Passionsspielen, die eh keinen interessieren.
Naja, allein die Oberammergauer Spiele haben mehr als 500000 Zuschauer gesehen, unzählige andere haben keine Karten gekriegt. Und die Reaktionen waren praktisch einhellig begeistert - auch die der Feuilletonisten. Also war offenbar auch die Inszenierung alles andere als "obsolet und peinlich". Und der Film ist dafür ein sehr gut gemachter, ausgesprochen unterhaltsamer Beweis, der zugleich Oberammergau keineswegs beweihräuchert. Wer wie Sie all das ignoriert, ist nicht nur religiöser, sondern auch kultureller Analphabet. Mein Mitleid!
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"Die große Passion"

Deutschland 2011

Regie/Drehbuch: Jörg Adolph

Produzent: Ingo Fliess

Länge: 144 Minuten

FSK: ab 6 Jahren

Start: 17. November 2011


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