Die größte Kung-Fu-Schule der Welt liegt in unmittelbarer Nähe zum legendären Shaolin Tempel, der vom Jahr 527 an zur Keimzelle der Kampfkunst wurde. Das Shaolin Tagou Kung Fu Institute ist dagegen jung, es eröffnete 1978. Heute trainieren hier rund 26.000 Schüler, viele belegen bei nationalen und internationalen Wettbewerben vordere Plätze - Jungen wie Mädchen.
Schulleiter Liu Heike formuliert das Leitideal seiner Schule so: "Wir festigen die kollektive Mentalität." Man könnte auch sagen: Hier wird Kindern mit unbarmherzigem Drill eingeimpft, dass sie selbst nichts sind, das Kollektiv aber alles. Dass sie alles zu geben haben, um die Gemeinschaft voranzubringen. Und dazu sind paradoxerweise exzellente inidividuelle Leistungen unerlässlich.
Regisseur und Kameramann Inigo Westmeier, der mit "Drachenmädchen" sein abendfüllendes Film-Debüt vorlegt und mehrere Wochen an der Schule drehte, findet für diesen Kollektivgedanken gleich eingangs bestechende Bilder: Ein Kamerakran schraubt sich über einem Appellplatz in die Höhe, auf dem Tausende Schüler absolut synchron Bewegungsabläufe proben. Der Einzelne wird so Teil eines großen Körpers, die Masse zum Muster.
Was wie für die Kamera einstudiert wirkt, findet jeden Sonntag statt. Eine sinnliche Repräsentation eines Weltbilds, das grundverschieden ist von der individualistischen Sicht des Westens. Was diesen Unterschied ausmacht, spürt Westmeier anhand des Schicksals von drei Mädchen nach, deren Lebensinhalt Kung Fu ist. Erzwungenermaßen.
Schelte für den zweiten Platz
Für Xin Chenxi, neun Jahre alt, und Chen Xi, 15, beginnt der Tag um 5.40 Uhr. Er besteht aus Training, Schulunterricht, einem kurzen Mittagessen. Freizeit oder Pausen sind unbekannt. Das Essen ist miserabel, auch im eiskalten Winter wärmt keine Heizung. Dennoch würden die beiden Mädchen sich nie beklagen. Schließlich sind ihre Eltern arm und arbeiten rund um die Uhr, um das Schulgeld von 300 Euro im Jahr aufzubringen.
Oft bleibt nicht einmal Zeit für ein Telefongespräch. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder es einmal besser haben. Dafür verlangen sie Höchstleistungen. Als sich Xin Chenxi, die im Eliteteam trainiert, den Arm bricht, steht sie wenige Tage später wieder auf der Matte und verbeißt sich den Schmerz. Und Chen Xi, die nach Wochen harten Trainings bei einem Wettbewerb "nur" den zweiten Platz belegt, muss sich von ihrem Vater am Telefon schelten lassen.
Westmeier erzählt von diesem Kampf, ohne zu bewerten. Mit unvoreingenommener Neugier nähert er sich dem Leben an der Shaolin Tagou und fängt es in kraftvollen Bildern ein, die in ihrer Komplexität und Tiefe jede TV-Doku in den Schatten stellen, also unbedingt ins Kino gehören. Aber sie zeigen nicht nur militärischen Drill und Kinder in Kampfpositur, sondern auch eine Spontandisco im Schlafsaal oder Wasserschlachten im Sommer.
Die Grenze zwischen Leben und Tod
Der Filmemacher spürt auch den Verwerfungen innerhalb der chinesischen Kultur nach, wenn er Interviews mit dem Schulleiter und dem nebenan im Shaolin Tempel lehrenden Mönch Shi Yan Zhuang gegeneinander schneidet. Dabei wird deutlich, wie das mittlerweile ultrakapitalistisch geprägte, totalitäre Gesellschaftsystem eine alte Tradition aushöhlt und instrumentalisiert. Denn Kung Fu hat ungefähr so viel mit Kampfsport zu tun wie Yoga mit Bodenturnen. Ursprünglich wollten buddhistische Mönche keine Gegner umnieten, sondern ihre Meditationsfähigkeit steigern. "Durch Kung Fu begreift man den Sinn des Lebens und überwindet die Grenze zwischen Leben und Tod", sagt Shi Yan Zhuang.
Aber sicher nicht an der Shaolin Tagou. Umso mehr bewegen und überraschen Westmeiers Interviews mit den jungen Protagonistinnen. Obwohl die Gespräche fast ständig von einem Aufpasser der Schule überwacht wurden, reflektieren die Mädchen ihr Leben mit entwaffnender Offenheit. Chen Xi bekennt: "Wir Kinder sind oft sehr einsam. Eltern sollten öfter bei ihren Kindern sein. Arbeit ist wichtig, aber Kinder sind noch wichtiger."
Chen Xi trifft damit einen Punkt, der "Drachenmädchen" so ungemein berührend macht. Der Film zeigt, welchen Preis eine Gesellschaft zahlt, die ihren Kindern keine Zeit schenkt und das Familienleben dem wirtschaftlichen Aufstieg opfert. Das Glück, es wird auf später verschoben. Für immer. Xin Chenxis Vater, ein armer Melonenverkäufer, sagt traurig: "Die Zeit kann ich nicht mehr nachholen. Ich hoffe, sie wird mir das später einmal verzeihen."
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