China-Doku "Drachenmädchen": Die Kampfschülerinnen

Von Oliver Kaever

Polyband

Schlaf? Kaum. Freizeit? Nie. Druck? Immer. "Drachenmädchen" zeigt den knallharten Alltag in der größten Kung-Fu-Schule der Welt. Die Kino-Doku erzählt von China zwischen Turbo-Wachstum und Unterwerfungszwang. Und von drei Mädchen, deren Kampfkraft ihr einziges Kapital ist.

Die größte Kung-Fu-Schule der Welt liegt in unmittelbarer Nähe zum legendären Shaolin Tempel, der vom Jahr 527 an zur Keimzelle der Kampfkunst wurde. Das Shaolin Tagou Kung Fu Institute ist dagegen jung, es eröffnete 1978. Heute trainieren hier rund 26.000 Schüler, viele belegen bei nationalen und internationalen Wettbewerben vordere Plätze - Jungen wie Mädchen.

Schulleiter Liu Heike formuliert das Leitideal seiner Schule so: "Wir festigen die kollektive Mentalität." Man könnte auch sagen: Hier wird Kindern mit unbarmherzigem Drill eingeimpft, dass sie selbst nichts sind, das Kollektiv aber alles. Dass sie alles zu geben haben, um die Gemeinschaft voranzubringen. Und dazu sind paradoxerweise exzellente inidividuelle Leistungen unerlässlich.

Regisseur und Kameramann Inigo Westmeier, der mit "Drachenmädchen" sein abendfüllendes Film-Debüt vorlegt und mehrere Wochen an der Schule drehte, findet für diesen Kollektivgedanken gleich eingangs bestechende Bilder: Ein Kamerakran schraubt sich über einem Appellplatz in die Höhe, auf dem Tausende Schüler absolut synchron Bewegungsabläufe proben. Der Einzelne wird so Teil eines großen Körpers, die Masse zum Muster.

Was wie für die Kamera einstudiert wirkt, findet jeden Sonntag statt. Eine sinnliche Repräsentation eines Weltbilds, das grundverschieden ist von der individualistischen Sicht des Westens. Was diesen Unterschied ausmacht, spürt Westmeier anhand des Schicksals von drei Mädchen nach, deren Lebensinhalt Kung Fu ist. Erzwungenermaßen.

Schelte für den zweiten Platz

Für Xin Chenxi, neun Jahre alt, und Chen Xi, 15, beginnt der Tag um 5.40 Uhr. Er besteht aus Training, Schulunterricht, einem kurzen Mittagessen. Freizeit oder Pausen sind unbekannt. Das Essen ist miserabel, auch im eiskalten Winter wärmt keine Heizung. Dennoch würden die beiden Mädchen sich nie beklagen. Schließlich sind ihre Eltern arm und arbeiten rund um die Uhr, um das Schulgeld von 300 Euro im Jahr aufzubringen.

Oft bleibt nicht einmal Zeit für ein Telefongespräch. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder es einmal besser haben. Dafür verlangen sie Höchstleistungen. Als sich Xin Chenxi, die im Eliteteam trainiert, den Arm bricht, steht sie wenige Tage später wieder auf der Matte und verbeißt sich den Schmerz. Und Chen Xi, die nach Wochen harten Trainings bei einem Wettbewerb "nur" den zweiten Platz belegt, muss sich von ihrem Vater am Telefon schelten lassen.

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Kinofilm "Drachenmädchen": Das Ich muss draußen bleiben
Xin Chenxi und Chen Xi leben an einem Ort, der Widerspruch nicht duldet und Entfaltung unterdrückt. Und doch begehren einige Schüler auf. So wie Huang Luolan, 17. Sie hasste die Schule und floh - wie zahlreiche Schüler zuvor. Westmeier spürt sie in ihrer Heimatstadt Shanghai auf, wo sie bei ihrem Vater lebt und davon träumt, ein Nagelstudio zu eröffnen. Huang lacht fast nie. Ihre trotzige Mimik erzählt davon, wie viel Kraft es in China kostet, einen individuellen Lebensweg zu gehen.

Westmeier erzählt von diesem Kampf, ohne zu bewerten. Mit unvoreingenommener Neugier nähert er sich dem Leben an der Shaolin Tagou und fängt es in kraftvollen Bildern ein, die in ihrer Komplexität und Tiefe jede TV-Doku in den Schatten stellen, also unbedingt ins Kino gehören. Aber sie zeigen nicht nur militärischen Drill und Kinder in Kampfpositur, sondern auch eine Spontandisco im Schlafsaal oder Wasserschlachten im Sommer.

Die Grenze zwischen Leben und Tod

Der Filmemacher spürt auch den Verwerfungen innerhalb der chinesischen Kultur nach, wenn er Interviews mit dem Schulleiter und dem nebenan im Shaolin Tempel lehrenden Mönch Shi Yan Zhuang gegeneinander schneidet. Dabei wird deutlich, wie das mittlerweile ultrakapitalistisch geprägte, totalitäre Gesellschaftsystem eine alte Tradition aushöhlt und instrumentalisiert. Denn Kung Fu hat ungefähr so viel mit Kampfsport zu tun wie Yoga mit Bodenturnen. Ursprünglich wollten buddhistische Mönche keine Gegner umnieten, sondern ihre Meditationsfähigkeit steigern. "Durch Kung Fu begreift man den Sinn des Lebens und überwindet die Grenze zwischen Leben und Tod", sagt Shi Yan Zhuang.

Aber sicher nicht an der Shaolin Tagou. Umso mehr bewegen und überraschen Westmeiers Interviews mit den jungen Protagonistinnen. Obwohl die Gespräche fast ständig von einem Aufpasser der Schule überwacht wurden, reflektieren die Mädchen ihr Leben mit entwaffnender Offenheit. Chen Xi bekennt: "Wir Kinder sind oft sehr einsam. Eltern sollten öfter bei ihren Kindern sein. Arbeit ist wichtig, aber Kinder sind noch wichtiger."

Chen Xi trifft damit einen Punkt, der "Drachenmädchen" so ungemein berührend macht. Der Film zeigt, welchen Preis eine Gesellschaft zahlt, die ihren Kindern keine Zeit schenkt und das Familienleben dem wirtschaftlichen Aufstieg opfert. Das Glück, es wird auf später verschoben. Für immer. Xin Chenxis Vater, ein armer Melonenverkäufer, sagt traurig: "Die Zeit kann ich nicht mehr nachholen. Ich hoffe, sie wird mir das später einmal verzeihen."

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Der Autor...
KnoKo 01.03.2013
Zitat von sysopDenn Kung Fu hat ungefähr so viel mit Kampfsport zu tun wie Yoga mit Bodenturnen. Ursprünglich wollten buddhistische Mönche keine Gegner umnieten, sondern ihre Meditationsfähigkeit steigern.
...hätte sich im Vorfeld besser mit der Bedeutung des Begriffs "Kung Fu" auseinandersetzen sollen. Dann würde er nicht so einen Unsinn schreiben.
2. Ach SPON
Jule29 01.03.2013
Im Text 26.000 Schüler im Video und der Videounterschrift 30.000 Schüler. Da fehlen doch 4.000! Sind wahrscheinlich Ninjas - die sieht man nicht, wie :-P (Jaja, Ninja, falsches Land, ich weiß...)
3. Die Vorurteilsrezension
Ursprung 01.03.2013
Zitat von sysopSchlaf? Kaum. Freizeit? Nie. Druck? Immer. "Drachenmädchen" zeigt den knallharten Alltag in der größten Kung-Fu-Schule der Welt. Die Kino-Doku erzählt von China zwischen Turbo-Wachstum und Unterwerfungszwang. Und von drei Mädchen, deren Kampfkraft ihr einziges Kapital ist. Kinodoku Drachenmädchen zeigt harte Kung-Fu-Schule in China - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/kinodoku-drachenmaedchen-zeigt-harte-kung-fu-schule-in-china-a-885842.html)
Die Floskel der "Kampfkraft als einziges Kapital" stellt der Verfasser einfach mal so in Raum und verkneift sich naehere Erlaeuterung zu dieser "Ansicht". Ebenso unerleutert bleibt, inwiefern er ein "Paradoxon" darin sieht, dass individuelle Leistungsfaehigkeit, die hier angeblich trainiert wird, nur einer Gemeinschaft dienlich sein kann. Sind etwa schlaffe Durchschnittstypen fuer eine Gemeinschaft und fuer sich selber "wertvoller"? Den Film habe ich noch nicht gesehen, kommt noch. Eine derartige einseitig gefaerbte und von der hiesigen Lebensweise mit Vorurteilen vollgespickte Rezension wie diese wird mich jedenfalls nicht davon abhalten.
4.
testthewest 01.03.2013
Zitat von sysopSchlaf? Kaum. Freizeit? Nie. Druck? Immer. "Drachenmädchen" zeigt den knallharten Alltag in der größten Kung-Fu-Schule der Welt. Die Kino-Doku erzählt von China zwischen Turbo-Wachstum und Unterwerfungszwang. Und von drei Mädchen, deren Kampfkraft ihr einziges Kapital ist. Kinodoku Drachenmädchen zeigt harte Kung-Fu-Schule in China - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/kinodoku-drachenmaedchen-zeigt-harte-kung-fu-schule-in-china-a-885842.html)
Gabs nicht schon x Dokus dazu (z.B. der deutsche Shaolin) auf SPON? Nichts neues mehr da?
5. Na und ...?
Alfons Emsig 01.03.2013
Erstens dürften wohl kaum alle chinesischen Eltern ihre Kinder in diese Eliteschule - so würde ich sie bezeichnen - schicken (dürfen), und zweitens scheinen die Mädchen trotz allen Drills die Fähigkeit zur Selbstreflexion nicht verloren zu haben, wie das Interview mit Chen Xi zeigt. Diese Mädchen verdienen unseren Respekt und sind beileibe keine Opfer, jedenfalls nicht mehr als viele unserer Kinder hierzulande es sind, deren Eltern ebenso möchten, dass aus ihnen "mal was Besseres" wird.
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Drachenmädchen

D 2013

Regie und Kamera: Inigo Westmeier

Buch: Inigo Westmeier, Benjamin Quabeck

Produktion: GAP Films, Open Window Film et al.

Verleih: Polyband

Länge: 90 Minuten

Start: 28. Februar 2013