Kinodoku "Pornografie & Holocaust" Pulp mit scharfen Nazibräuten

Zwischen Eichmann und "Inglourious Basterds": Die Kinodokumentation "Pornografie & Holocaust" erzählt von den Stalag-Groschenheften, die Anfang der sechziger Jahre in Israel große Auflagen erzielten - und harten Sex vor KZ-Kulisse beschrieben.

Moviemento

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Wer damals für "Eis am Stiel" ins Kino gegangen ist, hat zumindest schon einmal den Umschlag eines "Stalag"-Heftes gesehen: Einer der Helden der auch hierzulande äußerst erfolgreich gelaufenen israelischen Teensex-Komödienreihe liegt masturbationsbereit in der Badewanne, als er von der Mutter gestört wird. In der freien Hand hält er eines der stimulierenden Groschenwerke.

Man könnte sagen, die ab Anfang der sechziger Jahre publizierten "Stalag"-Geschichten hatten in Israel ungefähr die Verbreitung und Funktion wie im Rest der westlichen Welt der "Playboy": Die männliche Jugend, für die reale weibliche Quellen oft noch unerreichbar erschienen, arbeiteten sich hier in ihre Sexualität ein. Doch statt zart entkleideter Frauen, boten die "Stalag"-Hefte ausschließlich harten S/M-Sex - das verzerrt die Wahrnehmung des anderen Geschlechts natürlich noch mehr als die geschönten "Playboy"-Aufnahmen. 80.000 Exemplare gingen davon schon mal pro Ausgabe über die Ladentheke; für ein kleines Land wie Israel Auflagen, von denen die meisten Verleger nur träumen konnten.

Aufgebaut waren die Geschichten zumindest in den frühen Tagen des Genres immer gleich: Ein ansehnlicher britischer oder amerikanischer Fallschirmspringer springt während des Zweiten Weltkriegs über Deutschland ab, gerät in Gefangenschaft und wird schließlich in ein Stammlager der Nazis gesteckt. Doch nicht männliche Stalag-Aufseher regieren hier, sondern weibliche SS-Offiziere in weit aufgeknöpften schwarzen Blusen und glänzenden Stiefeln, die den Fallschirmspringer so lange demütigen, foltern und sexuell erniedrigen, bis der sie schließlich selbst vergewaltigt und umbringt.

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Kino-Doku "Pornografie & Holocaust": Eros, Trauma und KZ
Die reißerischen Cover mit den scharfen Nazi-Bräuten kopierte man von US-Billigheften, und auch die Autorensynonyme suggerierten einen amerikanischen Ursprung: "Ralph Longshot" etwa lautete eines. Der Duktus der Storys war teilweise so gehalten, als habe man sie ein bisschen ungeschickt aus dem Englischen übersetzt - dabei handelte es sich bei den Stalag-Autoren fast ausschließlich um junge Israelis; um die Kinder von Holocaust-Überlebenden zumeist.

Einer von ihnen war Eli Keidar, der 1961 die allererste Stalag-Novelle verfasst hat und der in "Pornografie & Holocaust" nun ausgiebig über die Anfangstage des schmuddeligen Massenmediums berichtet. Keidars Mutter hatte die gesamte Familie im KZ verloren; gesprochen hat sie darüber nicht, dafür weinte sie sofort, wann immer der Sohn ihrer Meinung nach etwas falsch gemacht hatte. Der Genozid war kein Thema, die grausamen Erinnerungen fanden kein Ventil. An anderer Stelle des Films - die Familiengeschichten ähneln sich - heißt es aus dem Mund eines weiteren Kreativen aus der Stalag-Produktion: "Man atmet die dicke Luft des Verdrängens, des Unterdrückens."

Die Vorläufer der "Inglourious Basterds"

Waren die Wichsvorlagen also tatsächlich Spiegel eines kollektiven Traumas? Der Filmemacher Ari Libsker, Jahrgang 1972, kann den Stoff für seine Dokumentation aus der historischen Distanz betrachten. Er kommt nicht umhin, das Erscheinen der ersten Stalag-Hefte 1961 mit dem Eichmann-Prozess in Tel Aviv im selben Jahr in Beziehung zu setzen. Bei der langwierigen Verhandlung zu den Verbrechen des Genozid-Logistikers wurden zum ersten Mal dezidiert in der israelischen Öffentlichkeit die Greuel in den KZ thematisiert; die SM-Szenarien der Stalag-Literatur lassen sich da wie die brüske Erotisierung eines jahrelang unterdrückten Traumas lesen.

Die zermürbenden Ausführungen der realen Grausamkeiten im Eichmann-Prozess und die bunten Blut-und-Sperma-Fantasmagorien der Stalag-Hefte, das waren zwei Bilder ein und desselben gesellschaftlichen Ausbruchs. 1962, nach der Hinrichtung Eichmanns, verdeutlichte sich das noch einmal auf der Hülle eines der populärsten Magazine des Landes: Auf dem Cover wurde der Tod des Nazi-Managers durch den Strick gefeiert, auf der Rückseite warb man für ein besonders brutales Stalag-Heft.

Die israelische Gesellschaft, die bis in die späten fünfziger Jahre in Sachen Sexualmoral äußerst rigide war, sah sich auf einmal mit zwei Öffnungsbewegungen konfrontiert, die scheinbar nicht in Einklang gebracht werden konnten: Hier drangen auf einmal die Erinnerungen an die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs an die Oberfläche, dort manifestierten sich aufgestaute sexuelle Begierden, und beides stand in einem komplizierten Wirkungsverhältnis.

Denn wer konsumierte denn die Stalag-Hefte aus welchen Gründen? Filmemacher Libsker lässt sich bei der Beantwortung der Frage in seinem 90-Minüter gebührend Zeit: KZ-Überlebende, die ihre Sexualität nur über die Erotisierung der erlebten Schrecken leben konnte, also über die lustvolle Unterwerfung in einer SM-Anordnung, gehörten demnach genauso zum Leserkreis wie Nachgeborene. Dabei lässt Libsker bewusst die Frage offen, mit wem sich denn die Jungen identifizierten: Imaginierten sie sich beim Lesen gar in die Rolle der Täter(innen), die sadistisch die schweigende Elterngeneration vorführt?

So oder so stellten die Heftchen die Gesellschaft des jungen Staates Israel vor eine Herausforderung. Die Gewaltschraube des Genres wurde im Laufe der sechziger Jahre noch einmal drastisch angezogen: Werke wie "Ich war Oberst Schultzes Hündin" führten die Demütigungsszenarien in neue Dimensionen, zudem entstand ein Stalag-Untergenre, bei dem schon fast 50 Jahre vor Quentin Tarantinos Rache-Spektakel "Inglourious Basterds" auf höchst problematische Weise Genugtuung für den Genozid eingefordert wurde: Jüdische Männer missbrauchten und ermordeten deutsche Frauen.

Es ist die große Leistung von Ari Libsker, dessen Film im Original übrigens den sehr viel weniger reißerischen Titel "Stalags" trägt, dass er die pornografischen Novellen in ihrer gesamten Widersprüchlichkeit darzustellen vermag. Die Stalags waren für die fragile Gesellschaft Israels wahrscheinlich eben beides: Bedrohung und Rettung.



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