Kinofilme übers Deutschsein: Prost, beleidigte Leberwurst!

Von Julia Daumann

Büffeln oder besaufen? Zwei neue Kinodokus stellen die Frage, was Deutschsein bedeutet. "Werden Sie Deutscher" zeigt den Alltag in einem Integrationskurs, "Beerland" stürzt sich in die hiesige Trinkkultur. Egal, ob man nüchtern ist oder blau - beide Filme machen Spaß.

"Ich arbeite viel und komme immer spät nach Hause. Am Wochenende ruhe ich mich aus. Und wenn am Abend ein guter Krimi im Fernsehen kommt, bin ich glücklich."

Eine gruselige Selbstbeschreibung. Doch die Teilnehmer des Berliner Integrationskurses schreiben diese Sätze einfach nur konzentriert mit - schließlich kommen sie von einer CD und sollen ihnen Grundkenntnisse der deutschen Sprache vermitteln.

Britt Beyers Dokumentarfilm "Werden Sie Deutscher" ist einer von gleich zwei Filmen zum Thema Deutschsein und Deutschwerden, die in dieser Woche in die Kinos kommen. Unabhängig voneinander und mit denkbar unterschiedlichen Methoden nähern sich die Regisseure dem rätselhaften deutschen Wesen: Beyer über die Sprache, Matt Sweetwood in "Beerland" über - was sonst - das Bier.

"Beerland" ist eine Forschungsreise in die Tiefen der deutschen Bierkultur - und die perfekte Ausrede für einen feucht-fröhlichen Selbstversuch. "Bier war der Schlüssel, um verschiedene Regionen zu sehen und zu erleben", so der US-Filmemacher Matt Sweetwood. Mit einem Augenzwinkern trinkt er mit am Kneipenstammtisch, feiert die Wahl einer Hopfenkönigin und besucht Brau-Experten im ganzen Land. Schnell wird dabei klar, dass die Deutschen es einfach nicht lassen können: Selbst beim Biertrinken stellen sie Regeln auf und tragen penibel Sorge dafür, dass diese eingehalten werden. Seien es Geldbußen, die undisziplinierte Trinkbrüder an ihren Schützenverein entrichten müssen, oder die zahlreichen Varianten des Zuprostens, die sich von Weizensorte zu Weizensorte unterscheiden - was auf den ersten Blick absurd erscheint, entpuppt sich im Laufe des Films als Ritual, das Menschen und Generationen auf den Bierbänken verbindet.

Trinkrituale der Germanen

Der Befund am Ende: Es gibt kein "typisch deutsch", die Menschen sind so vielfältig wie ihr Bier. Ein wohlwollendes - wenn auch analytisch etwas dürftiges - Porträt einer herzlichen Biertrinkernation also. Was "Beerland" dennoch interessant macht, ist die Perspektive eines Fremden, der über den Rummel des Oktoberfestes hinaus schaut - auf die kuriosen Eigenarten einer 3000-jährigen Bauereigeschichte. Wer dachte, das Nationalgetränk selbst am besten zu kennen, kann sich von kurzen Animationsfilmchen belehren lassen: Trinkrituale der Germanen, Bierkriege und auch die deutsche Besessenheit in puncto Reinheitsgebot werden genauestens erklärt.

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Bier contra Sprache: Expeditionen in die deutsche Seele
Nicht weniger heiter und doch etwas substantieller nähert sich Britt Beyers Film "Werden Sie Deutscher" Fragen wie: Kann man "Deutschsein" lernen? Dem Blickwinkel des vergnügungssüchtigen Filmtouristen stellt Beyer den Alltag Berliner Integrationskurse gegenüber. Zehn Monate lang begleitete sie drei Teilnehmer aus Argentinien, Palästina und Bangladesch beim "deutsch werden".

Anhand von Redewendungen wie "Zeit ist Geld", "Beleidigte Leberwurst" und "Auf die Minute genau kommen" sollen den Immigranten landestypische "Regeln und Verhaltensweisen" nahegebracht werden. Die dabei entstehende Situationskomik lebt nicht bloß von charmanten Versprechern und Akzenten, sondern von selbstironischen und humorvollen Protagonisten, durch die die gelungene tragisch-komische Erzählweise der Dokumentation erst möglich wird. Als sich der Argentinier Jorge zum Beispiel in einen strengen Polizisten verwandelt und die Palästinenserin Insaf die uneinsichtige Verkehrssünderin gibt, entwickelt sich ein erzieherisches Rollenspiel schnell zum Spiel mit Vorurteilen.

Sprachlos vor Verzweiflung

Beyer zeigt auch das Familien- und Privatleben ihrer Hauptdarsteller. Wie wichtig die Aufenthaltserlaubnis für manche ist, wird vor allem am Schicksal von Shipon aus Bangladesch klar, der als 17-Jähriger allein nach Deutschland kam. Der Anspruch auf Sozialhilfe und Arbeitserlaubnis ist ihm bei der Einbürgerung nicht so wichtig - er will vor allem bei seiner deutschen Ehefrau und deren Tochter bleiben. Nächtliche Kontrollen von der Ausländerbehörde, die den beiden eine Scheinehe unterstellt, sind dennoch keine Seltenheit. In Erinnerung bleibt besonders eine Szene während des Wartens auf die endgültige Entscheidung der Behörden: Shipon ist so verzweifelt, dass ihm buchstäblich die Stimme versagt.

Einfühlsam erzählt Beyer vom Hin-und-Her-Gerissensein der Migranten, vom Wunsch zu bleiben und vom inneren Widerstand gegen die Forderung zur absoluten Integration. Beyer wirbt nicht nur um Verständnis für die komplexe Situation von Zuwanderern. Ihr Film zwingt auch die hier Lebenden zu überprüfen, inwieweit das Wunschbild, das Deutschland von sich selbst in den Integrationskursen zu vermitteln versucht, überhaupt zutrifft - oder doch eine unerreichbare Fiktion bleibt, besonders für Nicht-Deutsche.

Während man ihre Hauptpersonen dabei beobachtet, wie sie die Deutschen beobachten, erweisen sich beide Filme als mehr als ein Erklärungsversuch des "Deutschseins". "Beerland" und "Werden Sie Deutscher" führen dem Zuschauer vor Augen, was es bedeutet, als Fremder in diesem Land zu leben.

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Spitze!
JustusBrack 25.04.2013
Als ob man aus Western etwas über die Indianer lernt. Deutsch oder nicht deutsch, lernen kann man es nicht. Aber sich damit abfinden kann man.
2. Der beste Film...
gmxmathematicus 25.04.2013
...über das Deutschsein ist für mich immer noch Deckname Dennis, der die bekloppten Deutschen von rechts, links und irgendwo in der Mitte herrlich porträtiert. Besonderes Highlight: Mielkes Goldfisch "Klassenfeind" wird ersteigert...
3. Na klar,
blue.sky 25.04.2013
verordnetes "Deutsch nix gut". Es ist schon beschämend, wie unsere Medien und Politiker "Deutsch sein" als Untugend verklären. Eine derartig kampagnenhafte Herabwürdigung der nationalen Identität könnte irgendwann ins Gegenteil umschlagen - aus der Geschichte leider nichts gelernt.....
4.
wurzelbär 25.04.2013
zeigt den Alltag in einem Intrigierkurs, man arbeite viel für sehr wenig Geld und komme immer spät nach Hause. Am Wochenende ruht man sich aus. Und wenn am Abend ein guter Krimi im Fernsehen kommt, bin ich glücklich." (So leben viele Tierarten auf der Welt) Sprach der intelligenzbefreite, politisch Leibeigene, Zwangsabgaben zahlendes Arbeitstier, das sich ein Leben lang von einer kleinen Gesellschaftsschicht durch seine Dummheit ausbeuten läßt. Viele Menschen wissen nicht was Leben ist, da Sie ihr dahinsiechen und dem täglichen Überlebenskampf als ihr Dasein sehen. Es gibt andere, die reden Schwachsinn daher, belügen und betrügen Ihre Mitmenschen, haben Millionen durch diese Arbeitstiere auf dem Konto und genießen das wirkliche Leben ! Aber der Deutsche sagt sich, ich bin ich glücklich
5.
Oberleerer 25.04.2013
Zitat von blue.skyverordnetes "Deutsch nix gut". Es ist schon beschämend, wie unsere Medien und Politiker "Deutsch sein" als Untugend verklären. Eine derartig kampagnenhafte Herabwürdigung der nationalen Identität könnte irgendwann ins Gegenteil umschlagen - aus der Geschichte leider nichts gelernt.....
Vermutlich gabs Fördermittel von der Filmförderung. Die hätte man noch aufstocken können, wenn es was mit Neonazis zeigen kann.
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Beerland

D 2011

Buch und Regie: Matt Sweetwood

Produktion: Hoferichter und Jacobs GmbH

Verleih: Movienet

Länge: 85 Minuten

Start: 25. April 2013


Werden Sie Deutscher

D 2012

Buch und Regie: Britt Beyer

Produktion: Oktoberfilm in Koproduktion mit ZDF/Das kleine Fernsehspiel

Verleih: imFilm

Länge: 84 Minuten

Start: 25. April 2013