"Ich arbeite viel und komme immer spät nach Hause. Am Wochenende ruhe ich mich aus. Und wenn am Abend ein guter Krimi im Fernsehen kommt, bin ich glücklich."
Eine gruselige Selbstbeschreibung. Doch die Teilnehmer des Berliner Integrationskurses schreiben diese Sätze einfach nur konzentriert mit - schließlich kommen sie von einer CD und sollen ihnen Grundkenntnisse der deutschen Sprache vermitteln.
Britt Beyers Dokumentarfilm "Werden Sie Deutscher" ist einer von gleich zwei Filmen zum Thema Deutschsein und Deutschwerden, die in dieser Woche in die Kinos kommen. Unabhängig voneinander und mit denkbar unterschiedlichen Methoden nähern sich die Regisseure dem rätselhaften deutschen Wesen: Beyer über die Sprache, Matt Sweetwood in "Beerland" über - was sonst - das Bier.
"Beerland" ist eine Forschungsreise in die Tiefen der deutschen Bierkultur - und die perfekte Ausrede für einen feucht-fröhlichen Selbstversuch. "Bier war der Schlüssel, um verschiedene Regionen zu sehen und zu erleben", so der US-Filmemacher Matt Sweetwood. Mit einem Augenzwinkern trinkt er mit am Kneipenstammtisch, feiert die Wahl einer Hopfenkönigin und besucht Brau-Experten im ganzen Land. Schnell wird dabei klar, dass die Deutschen es einfach nicht lassen können: Selbst beim Biertrinken stellen sie Regeln auf und tragen penibel Sorge dafür, dass diese eingehalten werden. Seien es Geldbußen, die undisziplinierte Trinkbrüder an ihren Schützenverein entrichten müssen, oder die zahlreichen Varianten des Zuprostens, die sich von Weizensorte zu Weizensorte unterscheiden - was auf den ersten Blick absurd erscheint, entpuppt sich im Laufe des Films als Ritual, das Menschen und Generationen auf den Bierbänken verbindet.
Trinkrituale der Germanen
Der Befund am Ende: Es gibt kein "typisch deutsch", die Menschen sind so vielfältig wie ihr Bier. Ein wohlwollendes - wenn auch analytisch etwas dürftiges - Porträt einer herzlichen Biertrinkernation also. Was "Beerland" dennoch interessant macht, ist die Perspektive eines Fremden, der über den Rummel des Oktoberfestes hinaus schaut - auf die kuriosen Eigenarten einer 3000-jährigen Bauereigeschichte. Wer dachte, das Nationalgetränk selbst am besten zu kennen, kann sich von kurzen Animationsfilmchen belehren lassen: Trinkrituale der Germanen, Bierkriege und auch die deutsche Besessenheit in puncto Reinheitsgebot werden genauestens erklärt.
Anhand von Redewendungen wie "Zeit ist Geld", "Beleidigte Leberwurst" und "Auf die Minute genau kommen" sollen den Immigranten landestypische "Regeln und Verhaltensweisen" nahegebracht werden. Die dabei entstehende Situationskomik lebt nicht bloß von charmanten Versprechern und Akzenten, sondern von selbstironischen und humorvollen Protagonisten, durch die die gelungene tragisch-komische Erzählweise der Dokumentation erst möglich wird. Als sich der Argentinier Jorge zum Beispiel in einen strengen Polizisten verwandelt und die Palästinenserin Insaf die uneinsichtige Verkehrssünderin gibt, entwickelt sich ein erzieherisches Rollenspiel schnell zum Spiel mit Vorurteilen.
Sprachlos vor Verzweiflung
Beyer zeigt auch das Familien- und Privatleben ihrer Hauptdarsteller. Wie wichtig die Aufenthaltserlaubnis für manche ist, wird vor allem am Schicksal von Shipon aus Bangladesch klar, der als 17-Jähriger allein nach Deutschland kam. Der Anspruch auf Sozialhilfe und Arbeitserlaubnis ist ihm bei der Einbürgerung nicht so wichtig - er will vor allem bei seiner deutschen Ehefrau und deren Tochter bleiben. Nächtliche Kontrollen von der Ausländerbehörde, die den beiden eine Scheinehe unterstellt, sind dennoch keine Seltenheit. In Erinnerung bleibt besonders eine Szene während des Wartens auf die endgültige Entscheidung der Behörden: Shipon ist so verzweifelt, dass ihm buchstäblich die Stimme versagt.
Einfühlsam erzählt Beyer vom Hin-und-Her-Gerissensein der Migranten, vom Wunsch zu bleiben und vom inneren Widerstand gegen die Forderung zur absoluten Integration. Beyer wirbt nicht nur um Verständnis für die komplexe Situation von Zuwanderern. Ihr Film zwingt auch die hier Lebenden zu überprüfen, inwieweit das Wunschbild, das Deutschland von sich selbst in den Integrationskursen zu vermitteln versucht, überhaupt zutrifft - oder doch eine unerreichbare Fiktion bleibt, besonders für Nicht-Deutsche.
Während man ihre Hauptpersonen dabei beobachtet, wie sie die Deutschen beobachten, erweisen sich beide Filme als mehr als ein Erklärungsversuch des "Deutschseins". "Beerland" und "Werden Sie Deutscher" führen dem Zuschauer vor Augen, was es bedeutet, als Fremder in diesem Land zu leben.
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