Kinodrama "Blue Valentine" Liebe in Fetzen

Wenn man aus den falschen Gründen liebt: Das Beziehungsdrama "Blue Valentine" erkundet in erschütternden Szenen, wie ein Paar nicht durch Gefühle, sondern die Umstände zusammenfindet. Die Hollywood-Stars Michelle Williams und Ryan Gosling gehen dafür an die Grenzen des Erträglichen.

Von

Senator

"Ich glaube, Männer sind romantischer als Frauen", sagt Möbelpacker Dean, während er mit einem Kollegen einen Laster entlädt. "Wenn wir heiraten, tun wir das, weil wir uns die ganze Zeit dagegen wehren, bis wir ein Mädchen treffen und denken: 'Ich wäre saublöd, wenn ich dieses Mädchen nicht heirate', weil sie so toll ist. Aber Frauen scheinen irgendwann an einen Punkt zu kommen, wo sie sich entscheiden: 'Oh, der hat 'nen guten Job.' Die verbringen ihr ganzes Leben damit, nach Prince Charming zu suchen, und heiraten dann den Typen, der einen guten Job hat und bei ihnen bleibt."

Wenige Wochen später wird Dean keine Möglichkeit mehr haben, sich solche grundlegenden Gedanken über Männer und Frauen zu machen, denn er wird fortgerissen werden von einer Welle aus Liebe, Ekel, Angst, Zärtlichkeit, Kälte und Gewalt, die ihn erst sechs Jahre später wieder freigeben wird. In dieser Zeit wird er die Highschool-Absolventin Cindy kennengelernt und sie geheiratet haben, er wird mit ihr eine Tochter bekommen und ein gemeinsames Haus bezogen haben. Doch am Ende wird er ein gebrochener Mann sein, der zu viel trinkt.

Unter der Regie von Derek Cianfrance spielen Ryan Gosling als Dean und Michelle Williams als Cindy in "Blue Valentine" bis an die Grenzen des Erträglichen. Wie an einem rohen Stück Fleisch reißen sie an ihrer Filmliebe, legen Sehnen, Muskeln und Nervenstränge frei. Blut fließt dabei nicht, und trotzdem lässt der Film einen erschüttert zurück. Eine Beziehung in Fetzen.

Ekstase gegen Ernüchterung

In einem Altenheim treffen Dean und Cindy das erste Mal aufeinander. Sie besucht ihre Großmutter, er räumt das Zimmer eines neuen Bewohners ein. Mit unendlicher Sorgfalt stellt er die Möbel auf und dekoriert Fotos und Nippes, damit sich der alte Mann in seinem neuen Zuhause wohlfühlt. Die Freude, die Dean bei dieser Arbeit erfährt, erfüllt ihn und lenkt seinen Blick schließlich auf das blonde Mädchen im Zimmer gegenüber. Sie sehen sich nur kurz an, doch für den euphorisch gestimmten Dean reicht das aus, um Cindy seine Nummer aufzudrängen.

Was aus dieser Begegnung erwächst, erzählt Cianfrance in einer nichtchronologischen Collage aus weitgehend improvisierten Szenen. Anfang und Ende von Dean und Cindys Liebe stehen hier unvermittelt nebeneinander, wachsende Nähe trifft auf eskalierende Gewalt, Momente der Ernüchterung setzen sich grell gegen Ekstase ab.

Michelle Williams ("Brokeback Mountain") und Ryan Gosling ("Half Nelson") lassen sich bedingungslos auf dieses Ausloten der Extreme ein. Vor allem Williams gelingt es, den Wandel vom schutzsuchenden Mädchen zur arbeitenden Mutter, die bei ihren Ansprüchen ans Leben nicht zurückstecken will, glaubhaft zu vollziehen. Zu Recht wurde sie in diesem Jahr als beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert.

Gosling, der wahrscheinlich wandlungsfähigste männlichste Star, den Hollywood zurzeit zu bieten hat, steht ihr dabei schauspielerisch in nichts nach. Nur Maske und Kostüm haben es mit der Transformation von Dean übertrieben: In den ersten Momenten ist er ein gutaussehender Charmeur in engen Jeans und Kapuzenpullover. Zum Schluss ziehen sich Geheimratsecken durch sein dünnes Haar, zusätzlich zum Alkohol vernebeln blaugefärbte Brillengläser seinen Blick. Das wirkt dicker aufgetragen als nötig, nimmt dem Film aber letztlich nichts von seiner Wucht.

Wenn Gefühle nicht über die Liebe entscheiden

Als Zuschauer nimmt einen das Pendeln zwischen den Extremen nämlich noch auf eine andere Weise mit. Da man weiß, dass diese Liebe nicht halten wird, sucht man alsbald danach, welche Szene bereits ihr Gegenteil in sich trägt, wo Zärtlichkeit schon den Verrat umfasst, welche Nähe später die Liebe ersticken wird. Dieser Wissensvorsprung gegenüber den Figuren macht es sogar schwer erträglich, Dean und Cindy in Momenten des Glücks zu zuschauen. Sind sie zu naiv, um das heraufziehende Unglück zu bemerken - oder schauen sie bewusst weg?

Indem "Blue Valentine" solche Fragen aufwirft, entsteht ein radikal anderer Blick auf die Liebe. Der Film erkundet nämlich, ob es nicht bewusste Entscheidungen sind, die Beziehungen viel stärker prägen, als es große Emotionen tun. Dass man sich einen Partner aussucht, weil er zum vorgefassten Beziehungskonzept passt oder zur jeweiligen Lebenssituation - und nicht weil die Gefühle für ihn so überwältigend sind.

Eine Szene verdeutlicht das besonders eindringlich. Da sitzt Cindy im gynäkologischen Stuhl einer Abtreibungsklinik. Sie ist bereits mit Dean verbandelt, doch das Kind ist noch von ihrer Highschool-Liebe Bobby. Ihre Beine sind schon gespreizt, und die Ausschablöffel liegen bereit, als es sich Cindy anders überlegt. In diesem Moment ist Dean an ihrer Seite, und er, der für jemanden da sein möchte, der Verantwortung übernehmen will, bestärkt sie in ihrer Entscheidung, überzeugt sie, dass sie es gemeinsam, als Familie schaffen können.

Sechs Jahre später steht Dean mit nichts da. Doch fast schlimmer als die Erkenntnis, dass seine Ehe gescheitert ist, ist die Frage, ob er nicht sein Verständnis von Romantik und von der Liebe verraten hat. Ob er nicht selbst sein Leben lang nach Princess Charming gesucht hat und sich dann doch für ein Mädchen mit einem Baby entschieden hat, das bei ihm bleibt. Für einige Zeit jedenfalls.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
WhereIsMyMoney 02.08.2011
1. ...
Es ist kein Glaube, es ist Fakt. Männer sind romantischer als Frauen. Die Geschichte in diesem Film ist nichts Besonderes, sowas passiert jeden Tag. Aber trotzdem hat mich das Ende dann doch ein bisschen mitgenommen. Man muss sagen, dass es ein guter Film ist, aber nichts Geniales.
westsahara 02.08.2011
2. Homo Faber
Habe den Film nicht gesehen, sie wohl aber auch nicht den Faber gelesen.
albert schulz 02.08.2011
3. kalter Kaffee
Gelegenheit macht Liebe. Warum Frauen lieben ist ohnehin unbekannt, aber ihre Schamlosigkeit ist einzig. Müßte aber jeder wissen, den mal eine Frau gemocht hat. Scheint nicht viele von der Sorte zu geben.
biggathanyou 02.08.2011
4. ui
Zitat von albert schulzGelegenheit macht Liebe. Warum Frauen lieben ist ohnehin unbekannt, aber ihre Schamlosigkeit ist einzig. Müßte aber jeder wissen, den mal eine Frau gemocht hat. Scheint nicht viele von der Sorte zu geben.
da ist wohl jemand ein gebranntes Kind? Ich glaube da spricht der Frust, aber Entäuschungen gehören wohl dazu...manche kommen drüber hinweg, manche graben sich drin ein...so ist das Leben, manchmal eine Sau und manchmal...etwas anderes ;)
albert schulz 02.08.2011
5. pawlowscher Hund
Zitat von biggathanyouda ist wohl jemand ein gebranntes Kind? Ich glaube da spricht der Frust, aber Entäuschungen gehören wohl dazu...manche kommen drüber hinweg, manche graben sich drin ein...so ist das Leben, manchmal eine Sau und manchmal...etwas anderes ;)
Na ja. Wenn man so auf die fünfzig zugeht, und die Mädels fangen an, sich wie ganz feine Damen mit hundert Empfindlichkeiten zu benehmen, fragt man sich natürlich, wo die flower power hin ist. Meine Ärzte haben mir Männer empfohlen. Aber ehrlich gesagt reicht es mir völlig, wenn ich die Typen nur ab and an zu Gesicht bekomme. Diese dreckigen, lauten und stinkenden Schweine sind was für Frauen. Die ertragen sowas ohne Murren. Also ganz theoretisch gesprochen. Es soll ja Männer geben, die sich alternd quälen lassen, oder sich Frauenkleider anziehen, um einmal noch beachtet werden. Eine Geschlechtsumwandlung erscheint mir effektiver. Da werden Männer irre vor Begehrlichkeit. Aber mal zum Thema: "unanständig" können Frauen. Die dürfen das. Ihnen gehört das Tabu. Sie setzen es eben nur ein, wenn es lohnt. Und nur so überschwenglich wie zweckmäßig. Wissen die jungen Männer sfbei Erford
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.