Kinofilm "Das Glück der großen Dinge": Bricht Herzen mit Köpfchen

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Sind Eltern auch automatisch die richtigen Erzieher für ihr Kind? Das Scheidungsdrama "Das Glück der großen Dinge" mit Julianne Moore und Alexander Skarsgård überzeugt als kluges und einfühlsames Plädoyer für ein Modell, das viel zu oft verdammt wird - die Patchwork-Familie.

Selbstverständlich wollen alle nur das Beste. Die Mutter: Will, dass ihre kleine Tochter möglichst viel Zeit mit ihr verbringt, möchte ihr ein tolerantes, musikaffines Umfeld bieten, Freiheiten erlauben, nicht die Durchschnitts-Spießermama sein und liebt ihre 6-Jährige von ganzem Herzen. Der Vater: Bringt Maisie gern zum Lachen, ist qua Herkunft - als Engländer in den USA - schon außergewöhnlich, würde sie am liebsten in seine Heimat mitnehmen und ist genauso vernarrt in seinen kleinen Schatz. Beruflich haben beide ebenfalls einiges zu bieten, Susanna ist ein Rockstar samt Fans, irren Klamotten, teuren CD- und Videoproduktionen und langen Tourneen, Beale handelt im großen Stil mit Kunst, hat die wichtigsten Galeristen und Künstler der Welt in seinem Smartphone und ist darob viel unterwegs.

Nun kommen aber die Probleme. Maisies Eltern haben sich getrennt. Und dabei, nach ihrem Empfinden, genug Opfer gebracht. So wird Maisie, die Hauptperson in Scott McGehees und Davis Siegels Adaption eines Henry-James-Romans von 1897, zum Spielball zwischen den enormen Egos zweier in vielen Dingen bestimmt großartiger Menschen. Obwohl beide garantiert nie so selbstbezogen werden, ihre Schwierigkeiten auf dem Rücken ihrer Tochter austragen, und das Kind stets vor Streit und schlechter Stimmung bewahren wollten.

Anrührend auch ohne Kindertränen

Doch wenn das Schloss ausgetauscht wurde und Papa nachts verzweifelt an der Haustür rüttelt, während Mama drinnen an der Wand zusammenbricht; oder wenn Mamas Eifersucht über die Lebenswelt ihrer Tochter hinwegbrettert wie ein Orkan, dann kriegt Maisie das natürlich mit. Wie sie alles mitbekommt, überhaupt: Die große Stärke von McGehees und Siegels sensiblem Film, dessen Drehbuch von Nancy Doyne und Carroll Cartwright die Geschichte aus dem 19. Jahrhundert glaubhaft im Jetzt verankert, ist die konsequent kindliche Sichtweise auf das Verhalten der Eltern.

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"Das Glück der großen Dinge": Sechs Jahre und ganz schön schlau
Erkennbar werden Überlebensstrategien einer sehr hellen 6-Jährigen, die zwar viel weiß, aber wenig versteht - deshalb heißt der Film im Original auch "What Maisie Knew". Ohne Kindertränen über Kinderbäckchen kullern zu lassen, schaffen es die Regisseure und Drehbuchautorinnen, dass einem das Herz zu brechen droht, wenn Maisie den Mist ihrer Eltern klaglos wegsteckt, einfach weil sie nicht anders kann: Kinder sind auf ihre Eltern angewiesen, auch Maisie muss mit dem Jetsetter-Kunsthändler-Papa und der Rockstar-Tour-Mama auskommen.

Als Maisies Vater ihr Kindermädchen Margo und damit die wichtigste Konstante in Maisies Leben heiratet und die Mutter daraufhin mit der Verbindung zu dem jungen Barkeeper Lincoln kontert - dahinter steckt neben erwachsenen Trotz- und Rachegefühlen vor allem Kalkül in Sachen Sorgerecht -, spitzt sich die Situation zu. In der Romanvorlage wie im Film findet Maisie schließlich einen unkonventionellen, nicht unbedingt in der Keimzelle der Gesellschaft verwurzelten Weg, um für sich selbst die erträglichste Situation herauszuhandeln. Angerührt stellt man fest, dass das Mädchen, das um das emotionale Überleben kämpft, mit seinen sechs Jahren intuitiv schlauer als seine erfolgreichen Eltern ist.

Beiläufig radikal

Neben der vorsichtigen, viele Situationen beiläufig einfangenden und nie den Blick der Protagonistin aus den Augen lassenden Inszenierung bescheren vor allem die fünf genauen und engagierten Darsteller dem Film Relevanz - und einen gruseligen Déjà-Vu-Effekt für viele Eltern, seien sie nun getrennt oder nicht: Julianne Moore als Musikerin, die zwar ein Stadion voller Menschen begeistern kann, aber Schwierigkeiten mit ihr nahestehenden Personen hat; Steve Coogan als sich in Job und Erfolg verlierender britischer Geschäftsmann; Alexander Skarsgård ("True Blood") als schlaksiger, ungebildeter Barkeeper Lincoln mit großem Herzen; Joanna Vanderham als Kindermädchen Margo, das seine Bedürfnisse hinter die des Kindes stellt; allen voran Onata Aprile als Maisie, die viel mehr tut, als nur zuzugucken, auch wenn es nach außen hin so wirkt.

Ob und, wenn ja, in welchem Maße elterliche Trennungen für Kinder traumatisch sind, wird auf der ganzen Welt täglich diskutiert. "Das Glück der großen Dinge" erinnert an ein paar Basics in der Debatte: Kinder zu haben, bedeutet lebenslange Verantwortung; Kinder sind beim Thema Erwachsenenbeziehungen nicht verständig, sondern pragmatisch, und das Vermeiden von kindlichem Leid steht an erster Stelle. Dass uns das nicht mit erhobenem Zeigefinger aufgezwungen wird und am Schluss weder Hollywood-Happy-End noch Trauerspiel warten, macht den Film geradezu radikal. Obwohl er doch eigentlich nur eine kleine Familiengeschichte erzählt.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Obwohl er doch eigentlich nur eine kleine Familiengeschichte erzählt?
GSYBE 09.07.2013
Sorry, aber so einen Schmonzetenartikel kann wohl (leider) nur eine Redakteurin verfassen. Eine eheliche (Film-)Konstellation, die wahrscheinlich nur 1x in 100-200 Millionen geschlossenen Ehen vorkommt, für eine verklärte und verträumte Rezension zu nehmen ist schon starker Tobak. Wäre die Mutter Verkäuferin und der Vater Klempner, dann würde ein Schuh draus; oder eben auch nicht, denn es gäbe weder `tolerantes, musikaffines Umfeld, erlaubte Freiheiten, verachtetes Durchschnitts-Spießermama´ noch `Society-Galerist, schlaksige Barkeeper´. Fazit: eine Drebuchschmonzete von Frauen für Frauen; aufgehübscht und angepasst an Befindlichkeiten des Jahres 2013, trotzdem nur die Tradition von Pretty Woman, Dirty Dancing und ähnlichen Belanglosigkeiten fortführend.
2.
GilbertWolzow 09.07.2013
Zitat von sysopPandastorm PicturesSind Eltern auch automatisch die richtigen Erzieher für ihr Kind? Das Scheidungsdrama "Das Glück der großen Dinge" mit Julianne Moore und Alexander Skarsgård überzeugt als kluges und einfühlsames Plädoyer für ein Modell, das viel zu oft verdammt wird - die Patchwork-Familie. http://www.spiegel.de/kultur/kino/kinodrama-das-glueck-der-grossen-dinge-mit-julianne-moore-a-909803.html
Aufgrund der aktuellen Diskussion hätte ich erwartet, dass ein schwules/lesbisches Ehepaar auftaucht und sich als das bessere erzieherische Paar beweist... Das wäre doch dem Mainstream geschuldet, oder nicht?
3. das Kind, das wehrlose Opfer...
sok1950 09.07.2013
Dieses Hochjubeln einer Trennung auf dem Rücken des Kindes - dass kann offensichtlich nur eine Frau, welche offenbar selbst keine Kinder hat. Aber die weibl. Solidarität verlangt, dass das Ausperren des Vaters (Wechseln des Türschlosses durch die Mutter) im Endeffekt keine negativen Folgen für die Familie, für das Kind haben darf. Verantwortung sieht anders aus.
4. Familie ist eh Mist
Tomaire 09.07.2013
Kinder gehören vom Staat erzogen, sobald sie nicht mehr gesäugt werden müssen. Dann gibt es auch nicht mehr diese lächerlichen Beziehungsfilmchen.
5. optional
hansmaus 09.07.2013
hmm also wäre das ein deutscher Film wäre der Mann erfolgreicher Architekt und sie die Galeristin. Einer von beiden fährt dann einen Oldtimer. Ansonsten kann ich meinen Vorrednern nur beipflichten, der Artikel liest sich wie die ARD Schinken wo es sich 90 Minuten lang um Probleme dreht über die wir normalbürger nur mal müde lächeln können. Sok1950 wir haben doch die letzten Jahre gelernt das Männer (wenn sie nicht gerade schwul sind) immer die Deppen sind und nichts auf die Reihe kriegen. Ob nun in der Werbung wo der Mann bei Bankwerbungen immer extrem zurück geblieben ist oder das ein Mann nicht in der Lage ist ein Hemd zu bügeln oder was zu essen auf den Tisch zu stellen.....Frauen und schwule hams halt einfach drauf im Gegensatz zu stink normalen Männern
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Das Glück der großen Dinge

Originaltitel: What Maisie Knew

USA 2012

Regie: Scott McGeehee, David Siegel

Buch: Nancy Doyne, Carroll Cartwright nach einem Roman von Henry James

Darsteller: Onata Aprile, Julianne Moore, Alexander Skarsgård, Joanna Vanderham, Steve Coogan

Produktion: Red Crown Productions, Weinstock Productions et al.

Verleih: Pandastorm Pictures

Länge: 99 Minuten

Start: 11. Juli 2013