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Kinodrama "Das Lied in mir": Mein Schwiegervater, der Terror und ich

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Lost in Buenos Aires: Für "Das Lied in mir" verbindet Regiedebütant Florian Cossen die biografische Recherche einer jungen Frau und die Bewältigung des argentinischen Staatsterrors zu einem furiosen Selbstfindungsdrama. Wir sind, was wir erinnern - und immer noch ein bisschen mehr.

Kinodrama mit Jessica Schwarz: Lost in Buenos Aires Fotos
Schwarz Weiss Filmverleih

"Do you remember?" Foto um Foto halten ihr die aufgeregten Argentinier unter die Nase. Darauf zu sehen: Vater, Mutter, ein kleines Mädchen - fremde Menschen, die irgendwie sympathisch in die Kamera lächeln. Immer wieder fragen die Argentinier in abgehacktem Englisch, ob der jungen Frau denn nicht irgendetwas bekannt vorkomme? Nein, Maria (Jessica Schwarz) erinnert sich an nichts. Das Einzige was ihr vertraut erscheint, ist dieses Lied, das sie beim Transitstopp am Flughafen von Buenos Aires eine Mutter ihrem Kind vorsummen gehört hat. Ein Lied, das sie automatisch mitsingen musste, obwohl sie doch kein Wort Spanisch spricht.

Die Melodie hat etwas in ihr zum Schwingen gebracht, die Worte versetzen sie in eine diffuse Erregung. Jetzt irrt Maria durch Buenos Aires auf der Suche nach der eigenen Biografie: Wie sie erfahren muss, wurde sie einst von jenen Menschen, die sie bislang für Mutter und Vater hielt, aus Argentinien entführt.

Während der Schreckensherrschaft der Junta wurden ihre leiblichen Eltern wie Tausende andere Regimegegner verschleppt und ermordet. Seit sie drei Jahre alt war, wuchs Maria dann bei Anton (Michael Gwisdek) und seiner inzwischen verstorbenen Frau in Deutschland auf. Die beiden hatten zuvor in Argentinien gearbeitet, die verwaiste Kleine nahmen sie einfach mit in die alte Heimat. Über ihre Herkunft sprachen sie fortan nicht mehr. Eltern, Familie, Zuhause - ein Lied lässt bei Maria alle Sicherheiten ins Wanken geraten.

Sicher, das Erzählkonzept von "Das Lied in mir" ist gewagt, das Prinzip Zufall wird arg strapaziert. Wie der Spielfilmdebütant Florian Cossen aber diese biografische Schnitzeljagd in Szene setzt, das beweist Gespür für die Widersprüchlichkeiten und Konstruktionsfehler dessen, was wir Identität nennen: Wir sind, was wir erinnern. Und eben immer noch ein bisschen mehr.

Regisseur Cossen und sein Kameramann Matthias Fleischer sind so klug, das Aufschlagen Marias in der südamerikanischen Metropole nicht als sentimentales Coming-Home-Erlebnis auszukleiden. Buenos Aires ist bei ihnen ein flirrender, gefühlsentsättigter und grandios unterkühlt gefilmter Moloch, der der Filmheldin gar nichts anderes übrig lässt, als sich selbst zu finden, wenn sie darin nicht untergehen will. Der Staatsterror von ehedem hallt hier in jedem Winkel nach, die Wunden sind längst nicht verheilt.

Fremde Familie, vertrauter Fremder

Cossen geht (gemeinsam mit Co-Autorin Elena von Saucken) das plakative und potentiell aufwühlende Thema extrem feinnervig an: Scham und Wut über die Verstrickungen in die Verbrechen der Junta werden sinnträchtig, aber niemals simplifizierend über das kleine Filmpersonal verhandelt: Ausgerechnet der junge Polizist Alejandro (Rafael Ferro), dessen Vater einst als Scherge der Diktatur an Folter und Mord beteiligt war, spielt bei Marias neu entdeckter Familie den Übersetzer - und die hat während der Militärherrschaft eben etliche Mitglieder verloren.

Die gerechten Klagen der wiedergefundenen Tante (grandios: Beatriz Spelzini) stellen die junge Filmheldin gleich vor zwei Probleme: Zum einen verflucht die Tante sämtliche Familien, die irgendwie den Faschisten zugearbeitet haben (den Sohn eines Häschers würde sie niemals an ihrem Tisch sitzen lassen), zum anderen fordert sie Genugtuung von Marias Ziehvater, der ihr einst die Nichte geraubt hat: Er soll sich vor Gericht verantworten.

Maria gerät in Bedrängnis: Einleuchtend klingt die Erklärung ihres Quasi-Vaters, er habe sich einfach nicht getraut, ihr von den leiblichen Eltern zu berichten. Denn wie soll man einem Kind erzählen, dass die Eltern zu Tode gefoltert wurden? Andererseits haben Anton und seine Frau egoistisch ihr eigenes Glück verfolgt, ohne auch nur einmal an Marias zurückgelassene Verwandtschaft zu denken. Darf sie deshalb den Menschen, der ihr gesamtes erinnertes Leben wie kein anderer geprägt hat, nun nicht mehr lieben? Und wie sollte das überhaupt gehen?

Fremde Familie, vertrauter Fremder: "Das Lied in mir" ist ein kluges, zuweilen grausam genaues Spiel mit jenen psychosozialen Parametern, durch die wir glauben, uns definieren zu können.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. '...was wir erinnern'
XelK, 09.02.2011
Zitat von sysopLost in Buenos Aires: Für "Das Lied in mir" verbindet Regiedebütant*Florian Cossen die biographische*Recherche einer jungen Frau und die Bewältigung des argentinischen Staatsterrors zu einem furiosen Selbstfindungsdrama. Wir sind, was wir erinnern - und immer noch ein bisschen mehr. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,743449,00.html
Kurze Anmerkung an den Verfasser des Artikels: Wir sind nicht, _was_ wir erinnern, sondern bestenfalls, _woran_ wir uns erinnern. Genauso, wie wir nicht in 2011, sondern im Jahre 2011 leben und eine Sache nicht Sinn machen, sondern höchstens Sinn ergeben kann. Anglizismen mögen manchmal zwar höchst 'angesagt' klingen, sie schaden einer Sprache aber eher, als dass sie ihr nützen. Konsultieren Sie in dieser Angelegenheit doch mal Ihren Kollegen, Herrn Sick. ;-)
2. .
UndNocheinmal 09.02.2011
Zitat von XelKKurze Anmerkung an den Verfasser des Artikels: Wir sind nicht, _was_ wir erinnern, sondern bestenfalls, _woran_ wir uns erinnern. Genauso, wie wir nicht in 2011, sondern im Jahre 2011 leben und eine Sache nicht Sinn machen, sondern höchstens Sinn ergeben kann. Anglizismen mögen manchmal zwar höchst 'angesagt' klingen, sie schaden einer Sprache aber eher, als dass sie ihr nützen. Konsultieren Sie in dieser Angelegenheit doch mal Ihren Kollegen, Herrn Sick. ;-)
Theoretische Korinthenkackerei. Sprache ist lebendig, sie können den Menschen nicht langfristig vorschreiben, welche Formulierungen "richtig" sind, bloß weil jemand glaubt, die einzige Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Sachlich gibt es für keines ihrer Beispiele einen Grund, warum eine Formulierung korrekter sein sollte als die andere.
3. Sinn machen macht Sinn
lexa stroh 09.02.2011
Zitat von XelKKurze Anmerkung an den Verfasser des Artikels: Wir sind nicht, _was_ wir erinnern, sondern bestenfalls, _woran_ wir uns erinnern. Genauso, wie wir nicht in 2011, sondern im Jahre 2011 leben und eine Sache nicht Sinn machen, sondern höchstens Sinn ergeben kann. Anglizismen mögen manchmal zwar höchst 'angesagt' klingen, sie schaden einer Sprache aber eher, als dass sie ihr nützen. Konsultieren Sie in dieser Angelegenheit doch mal Ihren Kollegen, Herrn Sick. ;-)
Das ist eben ganz falsch. Der Herr Sick ist nicht der einzige deutsche Sprachwissenschaftler (ist er das denn überhaupt?). Über den Sinn und Unsinn von "Sinn machen" gibt es auch ein paar andere sehr interessante Abhandlungen im Netz zB: http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2007/10/01/sinnesfreuden-i/ Ich habe keine Probleme mit Sinn machen. Das sind beides deutsche Wörter, die auch zusammen Sinn machen. Über Geld und Liebe machen regt sich ja auch keiner auf...
4. Grammatik
NeuPapa 09.02.2011
Zitat von XelKKurze Anmerkung an den Verfasser des Artikels: Wir sind nicht, _was_ wir erinnern, sondern bestenfalls, _woran_ wir uns erinnern. Genauso, wie wir nicht in 2011, sondern im Jahre 2011 leben und eine Sache nicht Sinn machen, sondern höchstens Sinn ergeben kann. Anglizismen mögen manchmal zwar höchst 'angesagt' klingen, sie schaden einer Sprache aber eher, als dass sie ihr nützen. Konsultieren Sie in dieser Angelegenheit doch mal Ihren Kollegen, Herrn Sick. ;-)
Ja, da werden wir wieder als Grammatik-Nazis beschimpft werden, die sich erst mal gleich mit Formalitäten beschäftigen statt mit dem Inhalt. Es geht mir aber so: sobald ich über sprachlichen Unfug stolpere, werde ich vom Inhalt abgelenkt. Das kann nicht im Sinne des Autors sein. Übrigens liegt der Fehler nicht so sehr im "was" wir erinnern (obwohl das schon knirscht), als im fehlenden Reflexivpronomen "sich", bzw. hier "uns". Wenn jemand das Reflexivpronomen bei "erinnern" weglassen möchte, bitte sehr, dann aber bitte konsequent wie im Englischen, "ich rasiere", "ich wasche", "ich erinnere". etc. P.S.: Ich besitze einen britischen Paß.
5. Der Spiegel ist der deutschen Sprache Tod ?
GeoOne 09.02.2011
Über das falsch verwendete Verb "erinnern" bin ich auch sofort gestolpert und habe den Rest des Artikels gar nicht gelesen! Wie kann es denn passieren, dass solche Formulierungen unkorrigiert veröffentlicht werden? (Das Beispiel aus diesem Artikel ist ein besonders auffälliges, jedoch bei Weitem nicht das Einzige im SPIEGEL.) Das Ganze ist umso peinlicher, da Ihr Kollege Sick sich so dafür einsetzt das Gefühl für die deutsche Sprache wieder zu verbreiten.
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"Das Lied in mir"

Deutschland 2010

Regie: Florian Cossen

Drehbuch: Florian Cossen, Elena von Saucken

Darsteller: Jessica Schwarz, Michael Gwisdek, Beatriz Spelzini, Rafael Ferro

Produktion: Teamworx

Verleih: Schwarzweiss-Filmverleih

Länge: 90 Minuten

FSK: 12 Jahre

Start: 10. Februar 2011

Offizielle Website zum Film



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