Kinodrama "Der freie Wille": In Trieb-Haft

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Um einen zwanghaften, nach Gewalt und Sex süchtigen Mann zu porträtieren, nimmt sich Regisseur Matthias Glasner die größte Freiheit überhaupt: den Zuschauer zu quälen. Und was hat man davon? Ein bestürzendes Kinoerlebnis.

Der Feind wohnt im eigenen Körper. Wie kann man so einen aus der Deckung locken, um ihn k.o. zu schlagen? Theo (Jürgen Vogel), der Sexualstraftäter, nimmt den Kampf auf. Mit Krafttraining, Kickboxen und Klimmzügen versucht er die Hoheit über den eigenen Körper zu gewinnen, und wenn er dann abends erschöpft auf das Bett seines schmucklosen WG-Zimmers fällt und die feindlichen Kräfte noch immer zucken, onaniert er soldatisch, bis der eigene Penis wie ein verdammenswerter Gegner niedergerungen ist.

Dass der Sieg über den eigenen Trieb für Theo Illusion bleiben muss, wird spätestens mit einer auf den ersten Blick banal erscheinenden, aber auf den zweiten Blick fatalistisch aufgeladenen Szene deutlich: Da boxt Theo gegen seinen eigenen Schatten. Aber es gibt nun mal niemanden, der dazu imstande ist, seinen eigenen Schatten auszutricksen.

Matthias Glasners Vergewaltigerdrama "Der freie Wille” ist eine Zumutung - die dreistündige Vivisektion einer kranken Seele. Und weder gibt es Läuterung noch Erläuterung, weder Heilsbotschaft noch Sympathiebekundung für Filmfigur und Zuschauer.

Am Anfang sehen wir dabei zu, wie dieser Theo eine Viertelstunde in Echtzeit eine Frau zusammenschlägt und vergewaltigt, am Ende wird in fast ebensolcher Ausführlichkeit der Suizid des Gewalttäters gezeigt. Ist das die höhere Gerechtigkeit eines Schuld-und-Sühne-Dramas? Nein, nur die banale Geometrie eines gescheiterten Selbstüberwindungsversuches.

Dabei stellt sich in der Mitte dieses radikal Psycho-Stückes doch eben jenes Gefühl ein, das im Kino ansonsten den Antrieb zur Überwindung jedes Triebes schafft: die Liebe. Glasner erzählt davon über weite Strecken so leise, so unaufdringlich und so glaubhaft, dass die Rückkehr der rohen Aggression einige Szenen lang tatsächlich unvorstellbar wird.

Denn Theo findet in Nettie (Sabine Timoteo), der verhuschten Tochter seines Chefs, eine verwandte Seele: Der nach neun Jahren aus dem Maßregelvollzug entlassene Sexualstraftäter und die junge Frau, die vom dominanten Unternehmervater (Manfred Zapatka) in einer Art Bungalow-Mausoleum gehalten wird, finden gemeinsam aus der Isolation in die Welt zurück.

Die Hoffnung auf Gnade ertönt aus dem Radiowecker: Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht hört das Paar Schuberts "Ave Maria”, später lässt Theo das Lied für Nettie in einer leeren belgischen Kirche singen. Doch die quasi-religiöse Sehnsucht findet in den Niederungen des Triebes keine Erfüllung; bei der ersten Belastungsprobe in ihrer Beziehung fällt Theo in alte Muster zurück.

Glaube, Liebe, Hoffnung - hier führen sie den Menschen nicht in einen anderen Seinszustand. Und die christliche Botschaft, dass doch einer des anderen Last tragen könne, wird in dem vielleicht grausamsten Gewaltakt von "Der freie Wille" ad absurdum geführt: Als Nettie eines von Theos Opfern aufsucht und um Verzeihung und Verständnis wirbt, wird sie von der Frau auf der Toilette eines Cafés mit der Klobürste vergewaltigt.

Regisseur Glasner drehte früher stilverliebte und dekorativ überladene Halbweltschocker wie "Fandango”, in denen die coolen Figuren oft nicht mehr als Schablonen blieben. Mit seinem Hauptdarsteller Jürgen Vogel, der auch am Drehbuch und an der Produktion der Lowbudget-Produktion beteiligt gewesen ist und dafür den Silbernen Bären bekam, kehrte Glasner nun quasi sein Arbeitsprinzip um und reizte es bis zur Unerträglichkeit aus: Hier ist nichts mehr Klischee, die Darstellung des Pathologischen ist stimmig bis ins kleinste und schmerzlichste Detail.

Sicher, der über viele Jahre entwickelte, im Team diskutierte und im Schneideraum vielfach ummontierte Film hat formale und dramaturgische Schwächen. Wieso drückt sich Glasner zum Beispiel davor, den ersten körperlichen Kontakt der beiden einsamen Seelen Theo und Nettie zu zeigen? Denn wie kommen zwei zusammen, für die zuvor jede Berührung eines anderen Menschen eine brutale Belastungsprobe darstellte? Ausgerechnet an dieser Stelle kapituliert der Filmemacher vor seiner Idee, alles zu zeigen.

Ein weiterer dramaturgischer Schnitzer: Nach der ersten Vergewaltigung in Echtzeit ist es überflüssig, gegen Ende des Films eine zweite Vergewaltigung in aller Ausführlichkeit zu zeigen. Die Unruhe und der gefährliche Blick des Triebtäters hätten vollkommen gereicht, um das gespeicherte Grauen der ersten Tat im Kopf des Zuschauers erneut abzurufen. Es ist ein Verrat an Glasners strengem Erzählkonzept.

Trotzdem bleibt der Film in seiner Form einzigartig. Schon weil er grandios immun ist gegen eine politischen Instrumentalisierung. Mit den Schlagworten "Heilen" oder "Bestrafen" kommt man hier nicht weiter. "Der freie Wille" lässt sein Publikum sprachlos zurück.

Dass man seine Sprache nach dem Kinobesuch erst wieder finden muss, ist als durchaus produktiver Effekt zu werten: Formelhafte Pro- oder Contra-Argumente werden noch mal auf eine harte Probe gestellt, denn der Film buhlt einerseits nicht um Mitleid oder Verständnis für den Gewalttäter - er entmenschlicht ihn anderseits aber auch nicht. Die Konfrontation mit der kranken Seele ist hier total.

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