Kinodrama "Grace Is Gone" Ein Blick für die Zerstörung

Ein Mann will als Soldat in den Irak-Krieg, aber die Army nimmt lieber seine Frau. Wer glaubt, das sei Stoff für ausreichend Probleme, muss Stanley Phillips ambitioniertes Drama "Grace is Gone" sehen. Es kommt nämlich alles noch viel schlimmer.

Von Birgit Glombitza


Stanley Phillips hockt in seinem Körper wie andere in ihrem Auto. Als müsste er Pedale treten, um den eigenen Leib in Bewegung zu versetzen, einen Schlüssel umdrehen, um zu atmen, zu essen, zu reden. Er hat einen seltsamen Gang. Behäbig, breit, ein bisschen unkoordiniert. Das rechte Bein zieht er eine Winzigkeit nach. Doch wir erfahren nichts von einer Kriegsverletzung oder einem schwerem Unfall. Es ist etwas anderes, das Phillips zu schaffen macht und das ihm das Leben als eine leere Abfolge mechanischer Übungen erscheinen lässt.



Stanley Phillips hatte einmal eine Vision: für das eigene Land zu kämpfen, bis aufs Blut, wenn es sein müsste. Westliche Werte von Demokratie und Freiheit zu verteidigen und auch Vergeltung zu üben, wenn in den Terrorakten muslimischer Fundamentalisten Menschen und Symbole der eigenen Heimat zerstört werden.

Politisch kurzsichtig

Und er glaubte daran, dass sein Präsident die US-amerikanischen Truppen für eine bessere Welt ohne Massenvernichtungswaffen in den Händen gefährlicher Diktatoren wie Saddam Hussein kämpfen ließ. Zu gerne wäre er dabei gewesen. Stattdessen ist seine Frau als Berufssoldatin in den Irak-Krieg gezogen.

Stanley Phillips war bereit für den patriotischen Dienst auf Lebenszeit. Doch seine Kurzsichtigkeit, die sich in "Grace is Gone" durchaus stellvertretend für den beschränkten Blick einer falsch informierten Nation deuten lässt, setzte seiner Hoffnung ein jähes Ende. Er wurde ausgemustert, arbeitet nun als Abteilungsleiter in einem Baumarkt. Ein redlicher, unauffälliger Kerl, der mit Schlachtrufen und Football-Ritualen seine Mitarbeiter jeden Morgen aufs Neue auf die Firmenphilosophie und Verkaufserfolge einschwört.

Man könnte dieser wunderbar ambivalenten und tragischen Figur noch eine ganze Weile zuschauen: Wie sie sich mit dem Alltag als alleinerziehender, symbolisch kastrierter Vater abmüht; sich liebevoll, auch mal streng um die beiden Töchter kümmert.

Wie klein und grau sich dieser Jedermann aus Minnesota mit dem Kassengestell und den schlechtsitzenden Hosen fühlen muss, wenn er mit daheimgeblieben Soldatenfrauen bei Kaffee und Keksen über die Kämpfer an der Front spricht. "Wir sind alle stolz", fasst er die Meinungen der Anwesenden bei so einem Kränzchen einmal zusammen. "Wir möchten nur, dass sie nach Hause kommen."

Doch James C. Strouse hat in seinem Regiedebüt, das beim Sundance Festival mit dem Publikumspreis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde und zu dem ein begeisterter Clint Eastwood die Musik beisteuerte, noch Größeres vor. Leider. Denn Stanley Phillips, den John Cusack anrührend zerknautscht und hilflos aussehen lässt, muss die Trauerarbeit für ein ganzes Land erledigen. Das Abtragen der eigenen Schuld und Blindheit, die einen irrtümlich für einen Krieg jubeln ließ, dessen Grund sich bald als Lüge herausstellte.

Umweg in die Trauer

Als Stanley die Nachricht erhält, seine Frau sei gefallen, nimmt der Vater seine zwei Töchter aus der Schule und zieht mit ihnen in einem Roadmovie quer durchs ganze Land. Von Burger King zu Burger King und weiter, bis zum Vergnügungspark "Enchanted Garden", den seine Kleinste immer schon besuchen wollte. Das verlorene Paradies der schuldlosen Kleinfamilie, ein Rummelplatz voller Radau, Plastikpistolen und Zuckerguss. Ein Ablenkungsmanöver des Schmerzes und der Ratlosigkeit. Die Älteste ahnt schnell, dass da was nicht stimmen kann. Doch Stanley braucht noch den ganzen, langen Rückweg, um mit der Wahrheit rauszurücken.

"Grace is Gone" ist ein typisches Beispiel all jener kritischen, oft gequält wirkenden Antikriegsfilme, mit denen die amerikanische Filmindustrie nicht nur ihr neues Gewissen nach außen kehrt, sondern auch auf ein neues Marktsegment spekuliert. Immerhin haben sich Zweidrittel der US-Bürger inzwischen in diversen Umfragen gegen die Fortführung des Irak-Kriegs ausgesprochen.

Angespitzt von Michael Moores leidenschaftlicher Agitations- und Aufklärungsarbeit im Dokumentarfilm, scheinen nun auch die Geschichtenerzähler des amerikanischen Kinos Moral und Zweifel für das liberale Bürgertum im Publikum neu zu entdecken.

"Badland" von Francesco Lucente, "Redacted" von Brian de Palma, "Im Tal von Elah" von Paul Haggis, "Machtlos" von Gavin Hood, "Von Löwen und Lämmern" vom ewig redlichen Aufklärer Robert Redford: In allen diesen Filmen geht es um die Lügen von Politik und Militär, um die Enthemmungen, die Barbarei der "Guten" in den Ländern der "Bösen".

Egal, ob die politische Aussage dabei im Vordergrund steht oder die Tragödie eines Einzelnen: Grundlegendes Thema ist ein ferner Krieg, der mit seinen traumatisierenden Effekten nach Hause getragen wird. Um ein böses Erwachen angesichts verkannter Wahrheiten. Und um einen verstellten Blick, der auch mit einer immer wieder aufs neue geputzten Brille wie bei "Grace is Gone" nicht zu korrigieren ist.



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