Kinodrama "Liebesleben" Ballade von der sexuellen Unerhörtheit

In ihrem Regiedebüt macht Maria Schrader aus Zeruya Shalevs abgründigem Bestseller "Liebesleben" einen Krimi um ein dunkles Familiengeheimnis. Leider findet sie für die darin enthaltenen psychologischen Verwerfungen nur selten die passenden Bilder.

Von Jenny Hoch


Jara ist ein typisches Papakind. Zu seinem Geburtstag will sie ihren Vater mit einem Picknick hoch über den Dächern von Jerusalem überraschen. Sorgfältig dekoriert die junge Frau den Platz, knüpft bunte Bänder an Bäume, verteilt Blumen auf dem Tisch. Dann sitzt die artige Tochter züchtig in knielangem Rock und hochgeschlossener Bluse da und wartet. Der Wind wird immer stärker, er zerzaust ihr Haar und bald das ganze liebevolle Arrangement. Als dann aus dem Dickicht der Stadt auch noch das Heulen von Sirenen ertönt, ist es mit der Contenance vorbei: Jara springt auf und spurtet voller Angst in Richtung Elternhaus.

Alltag in Israel: Jeder Autobus eine potentielle Gefahr, jede Sirene eine mögliche Todesnachricht. Gleich in den ersten Szenen ihres Regiedebüts, der Verfilmung von Zeruya Shalevs internationalem Bestseller "Liebesleben", gibt Maria Schrader den politischen Rahmen für diese universelle Geschichte um Liebe und Abhängigkeit, Emanzipation und Lebenslügen vor. Von Anfang an liegt auf diese Weise eine packende Atmosphäre der Unsicherheit und der latenten Gefahr über dem Film. Dass diese Rückkopplung an die Realität, der Verweis auf die politische Situation im heutigen Israel, im Roman gar nicht vorkommt, tut der Sache keinen Abbruch.

Zu Hause angekommen, öffnet ein Fremder die Tür. "Er war nicht mein Vater und nicht meine Mutter, weshalb öffnete er mir dann ihre Haustür, erfüllte mit seinem Körper den schmalen Eingang…", heißt es in der Buchvorlage. Im Film bleiben der Hauptdarstellerin, der sehr jungen und sehr schönen israelischen Schauspielerin Netta Garti, nur Blicke. Mit bebenden Nasenflügeln taxiert sie den um Jahrzehnte älteren Eindringling namens Arie (Rade Sherbedgia), und als ihre Arme sich für Sekundenbruchteile berühren, ist es um ihre Seelenruhe geschehen.

Leider ist es von diesem Moment an auch mit dem souveränen Zugriff der Regisseurin auf den Stoff vorbei. Denn mit zunehmender Verstrickung Jaras in eine Affäre mit Arie, die einem emotionalen Labyrinth aus Begehren, Verführung und Unterwerfung gleicht, atomisiert Maria Schrader ihren Film in einen eher banal wirkenden Bilderreigen aus unheilvollen Zeichen und eindimensionalen Metaphern.

Seelenunheil in Zeitlupe

So müssen ständig Autos scharf bremsen, um die somnambul umherirrende Liebesversehrte nicht zu überfahren. Die Kamera wechselt in einem fort von scharf zu unscharf oder von Zeitlupe zu Normalmodus um das Seelenunheil der Protagonistin zu verdeutlichen. Einige vielsagende Omen, wie zum Beispiel den von Jara verschuldeten Tod einer Katze oder das von aggressiv summenden Bienen umschwärmte Klingelschild am Haus ihres Geliebten, sind zwar auch im Roman enthalten, aber dort sind sie eingebettet in den atemlosen inneren Monolog der Hauptfigur.

Genau hier liegt das Problem: Die große Stärke des Buches ist die Innenschau der Protagonistin - der Film beschränkt sich, was sicherlich zum Teil auch dem Genre geschuldet ist, auf die Außenschau. Während Zeruya Shalev in "Liebesleben" mit virtuoser Sprache ein schillerndes Portrait einer jungen Frau auf der Suche nach sich selbst entwirft, findet Maria Schrader für die filmische Umsetzung nur selten adäquate Bilder, sondern greift auf Klischees zurück. Wie bei jeder Literaturverfilmung ist sie gezwungen, Teile der Handlung wegzulassen oder zu einer Essenz zu kondensieren, doch hier führt das eher zu Verflachung als zu Konzentration.

Es überzeugt beispielsweise nicht, warum Jara dem so viel älteren Mann, der sie so schlecht behandelt, dermaßen verfällt. Klar, auch im Roman geht es vordergründig um eine nicht rational erklärbare amour fou voller Demütigungen und sexueller Hörigkeiten, für die die mit einem netten aber langweiligen Computerspezialisten Joni (Ishai Golan) verheiratete Jara ihre geordnete Existenz aufs Spiel setzt.

Was ist das Hindernis und was der Weg?

Tatsächlich aber handelt das Buch vor allem von der Sehnsucht einer jungen Frau, die sich bisher stets über andere definiert hat, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Anders, als es auf den ersten Blick scheint, ist sie vielleicht gar nicht so sehr auf der Suche nach der großen Liebe oder nach einem sexuellen Abenteuer, sondern sie begreift instinktiv, dass ihre Hingabe zu dem viel älteren Mann ihr den Weg zu einem solchen Leben weisen könnte. "Lass dich doch nicht von jedem erstbesten Hindernis von deinem Weg abbringen", sagt dieser Arie zu ihr. Und Jara antwortet: "Und woher weiß man denn, was das Hindernis ist, und was der Weg?" Zwei Schlüsselsätze, die auch Schrader übernommen hat, jedoch ohne den entsprechenden Resonanzboden mitzuerzählen.

Stattdessen konzentriert sich der Film auf eine Art kriminalistische Spurensuche Jaras nach dem gut gehüteten Familiengeheimnis. Wer ist Arie und was verbindet ihn so sehr mit ihren Eltern, dass die Mutter (Tovah Feldshuh) sich weigert, ihn zu sehen und der Vater (Stephen Singer) vor lauter Nervosität so sehr zittert, dass er seine Kaffeetasse kaum halten kann?

Als der Fall endlich gelöst ist, ist plötzlich alles ganz einfach: Jara rennt aus dem Haus, fährt Bus, was sie vorher aus Angst vor Attentaten nicht gewagt hat, und scheint auf einmal ganz genau zu wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Beim "Tatort" mag das ein befriedigendes Ende sein, bei die Verfilmung eines so vielschichtigen Romans wie "Liebesleben" ist es eine Enttäuschung.



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