Kinodrama "Little Children" Sex in Suburbia

In "Little Children" unternimmt Todd Field eine ebenso liebevolle wie aufreibende Exkursion in die abgedunkelten Hinterzimmer der amerikanischen Vorstädte: Er zeigt die Menschen nackt, aber stellt sie nie bloß.


Die Schule kann warten: Anstatt wie versprochen zum Lernen in die Bibliothek zu gehen, verbringt Brad Adamson den sonnigen Tag lieber bei den Skateboardkünstlern auf dem Parkplatz. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, doch Brad (Patrick Wilson) ist kein 15-jähriger Teenager mehr, der sich vor den Hausaufgaben drückt: Mit Anfang Dreißig hat er mit seiner Frau Kathy (Jennifer Connelly) einen gemeinsamen Sohn und sollte sich eigentlich auf einen weiteren Anlauf zur Anwaltsprüfung vorbereiten.

Aber im idyllischen Bostoner Vorort East Wyndam ist der attraktive Hausmann Brad Adamson beileibe nicht der einzige Erwachsene im Wartezustand. Denn die neuenglische Mittelstandsoase wird von jungen Elternteilen bevölkert, die ihren Alltag mit dem Nachwuchs an der Hand in Parks, Freibädern und auf Spielplätzen eingerichtet haben. Sie sind die Protagonisten in Todd Fields großartigem Ensembledrama "Little Children": Suspendiert von materieller Not und privilegiert durch sozialen Status liefern sie strahlende Familienbilder, welche erst nach intimer Durchdringung der Oberfläche kleine Unstimmigkeiten und die Schatten des Selbstzweifels offenbaren. Für die notwendige indiskrete Nähe sorgt hier ein allwissender und sanft-lakonischer Erzähler, der mit sonorer Off-Stimme die betörend farbsaturierten Aufnahmen von Kameramann Antonio Calvache kommentiert.

Schuld und Sühne in der Vorstadt

So wie bei Sarah Price (Kate Winslet), der halbfertigen Literaturwissenschaftlerin im dauerhaften Mutterschaftsurlaub. Die Doktorarbeit bleibt nur ein Projekt neben dem abendlichen Jogging und den Spaziergängen mit Tochter Lucy. Als sie nebenbei erfahren muss, dass Ehemann Richard (Gregg Edelman) vornehmlich wegen seiner Leidenschaft für Internetpornografie das Büro dem pittoresken Heim vorzieht, gewinnt die verspielte Schwärmerei für die neue Spielplatzbekanntschaft Brad dramatisch an Bedeutung.

Auch Brad, der sich durch Kathys intensive Arbeit an einer Dokumentation über im Irakkrieg gefallene US-Soldaten und ihre Hinterbliebenen zurückgesetzt fühlt, sucht bald in den gemeinsamen Nachmittagen mit Sarah am Kinderbecken mehr als nur wechselseitige Elternberatung. Dabei herrscht reichlich Gesprächsbedarf in der Gemeinde, seit der wegen Exhibitionismus vorbestrafte Pädophile Ronald James McGorvey (Jackie Earle Haley) bei seiner Mutter eingezogen ist. Zumal sich Brad aus profunder Langeweile heraus bereit erklärt hat, dem ehemaligen Polizisten Larry Hedges (Noah Emmerich) bei seinen provokanten Bürgerwehraktionen gegen den unerwünschten Neuankömmling zu helfen.

All das tritt zumindest kurzzeitig in den Hintergrund, als es zum ersten überstürzten Geschlechtsverkehr zwischen Brad und Sarah im Waschkeller kommt. Doch die Kinder, welche währenddessen ein Stockwerk höher einträchtig nebeneinander Mittagsschlaf halten, erinnern schon beim ersten Aufblühen der Affäre daran, dass keine noch so intensive Zweisamkeit die Mitverantwortung für die Nächsten vergessen machen kann.

Dass allerdings ein rein biologischer Familienbegriff völlig unzulänglich ist, um die fragilen sozialen und emotionalen Beziehungen zwischen den Figuren dieser meisterhaften Gesellschaftsminiatur zu fassen, beweist "Little Children" mit wachsender Intensität bis zum ebenso erschütternden wie befreienden Finale.

Narzissmus der Nachpubertierenden

Für den langjährigen Schauspieler Todd Field, der gemeinsam mit Autor Tom Perrotta dessen Roman für die Leinwand adaptierte, ist es nach seinem gefeierten Regiedebüt "In the Bedroom" (2001) eine weitere aufreibende Exkursion in die abgedunkelten Hinterzimmer der Seele von New Englands liberalem Bürgertum. Wo "In the Bedroom" mit bedrückender Konsequenz den sprachlosen Schmerz und die moralische Erosion eines Ehepaars nach dem gewaltsamen Tod des gemeinsamen Sohns zeigte, lassen Field und Perrotta gegenüber dem nachpubertären Narzissmus der verlorenen Elterngeneration in "Little Children" jedoch nachsichtige Milde walten.

Dabei kommt dieses subtile Verständnis nie altväterlich daher und ebenso wenig finden die in Lifestyle-Magazinen so virulente Mittdreißiger-Larmoyanz oder wertkonservative Plattitüden einen Platz in der dichten Erzählung.

Liebesalarm im Badeanzug

Stattdessen bleiben gleichsam wunderschöne und verstörende Vignetten im Gedächtnis: Etwas wenn Kate Winslets Sarah ihren aufgeregten Auftritt im neuerworbenen, alarmroten Badeanzug hat oder einem großbürgerlichen Lesezirkel mit luziden Ausführungen über Madame Bovary die Schamröte ins Gesicht treibt. Oder wenn Jackie Earle Haley als um Resozialisierung bemühter McGorvey seiner Mutter zuliebe ein Blind Date riskiert, dass vom überraschenden Hoffnungsschimmer ebenso unvermittelt in bittere Trostlosigkeit umschlägt.

Fast schon subkutan vermittelt sich ein Gefühl der Verunsicherung und diffusen Angst, das "Little Children" zu einem äußerst gegenwärtigen amerikanischen Film macht. Der aber genauso das zwischen neo-bourgeoisen Kleinfamilienidyll und ewiger Adoleszenz oszillierende Personal am Prenzlauer Berg oder der Hamburger Schanze ansprechen wird. Denn die universelle Qualität des Films ist einfach umschrieben: Er zeigt die Menschen nackt, aber er stellt sie nie bloß. So was nennt man gemeinhin Liebe und eben das unterscheidet Kinderkram von großem Kino für Erwachsene.



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