Kinodrama "Lornas Schweigen" Das Leben, ein Kaufzwang

Wir sind scheußlich und käuflich: Gnadenlos spielen Jean-Pierre und Luc Dardenne diese Einsicht in "Lornas Schweigen" durch. Und mischen zum Glück ein wenig Hoffnung in ihre radikale Studie über die Korruption des Menschen.

Von Birgit Glombitza


Alles hat seinen Preis in den Filmen der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Die Liebe, die Freundschaft, die Rache, der Tod und das Leben sowieso. So ist es auch diesmal. Wieder ist es eine umwerfend geradlinig erzählte Geschichte. Eine, in die eine scharfkantige Realität ihre Schneisen schlägt, bevor das Kino mit seinen Utopien irgendetwas verpflastern kann. Wieder ist es eine Heldin, der man Glück wünscht und gleichzeitig alles, auch etwas Abscheuliches zutraut. Und wieder gibt es in Cannes dafür eine Auszeichnung. Diesmal für das beste Drehbuch.


Der Anfang gehört einem Geräusch. Jenem hellem, leicht schabenden Ton, der entsteht wenn man schnell ein Bündel Geld durchzählt. Schon bevor das Kino der Brüder Dardenne in "Lornas Schweigen" das erste Mal die Augen aufschlägt, sind wir mitten in diesem unaufhörlichen Tauschhandel, in dem alles, jedes Ding, jedes Körperteil einen bezifferbaren Gegenwert hat. Ein Kreislauf der Waren, in dem Moral und Emotionen Angelegenheiten sind, die man sich leisten können muss.

Mammon und Moral

Wir stehen am Bankschalter mit der jungen Albanerin Lorna (Arta Dobroshi), die wie eine Löwin für ein geregeltes Leben kämpft. Mit einem gültigen Pass, einer eigenen kleinen "Snack-Bar" in Lüttich, einem Leben an der Seite ihres Freundes Sokol, der als globalisierte Billiglohnkraft illegal über die europäischen Grenzen pendelt.

Um die belgische Staatsbürgerschaft zu bekommen, hat Lorna den Junkie Claudy geheiratet. Jérémie Renier, der großartige Stammschauspieler der Brüder Dardennes, stellt ihn dar als erbarmungswürdiges Häuflein Mensch, das all seine Bedürftigkeit in die Waagschale wirft, um Lornas Geschäftssinn zu irritieren. Claudy soll schließlich mit einer Überdosis aus dem Weg geräumt werden, damit Lorna, die Neu-Belgierin, einen Russen gegen eine Stange Geld heiraten kann, der seinerseits den belgischen Pass braucht.

Nur selten ist im Kino unverschnörkelter von der Ökonomie zwischenmenschlicher Beziehungen erzählt worden. Und auch wenn Lorna Anstand und Skrupel zurückhalten, Claudy ans Messer zu liefern, wird doch nichts wieder ganz, nichts wieder gut.

Es ist unheimlich, mit welcher Verlässlichkeit die belgischen Brüder Dardennes ihre klarsichtigen und emotional zwingenden, kleinen Dramen entrollen. Wie unbeirrbar sie ihren Stil eines neuen cinema verité verfolgen, mit dem sie uns mit ihren Helden und Heldinnen konfrontieren. Ein Kino, das nicht anklagt, nicht aufklärt, sondern zeigt - so schlicht und direkt als möglich.

Dabei wirkt die Bildsprache in "Lornas Schweigen" noch reduzierter als in früheren Dardenne-Filmen. Emotionalisierende Einstellungen gibt es wenige, nur selten weitet sich der Blick zur Totalen, die die soziale Architektur überschaubar macht. Die Dardennes bevorzugen hier die Halbtotalen einer fest stehenden Optik. Angeschnittene Lebensräume und Torsi, die sich in ihnen bewegen, als hätten sie längst vergessen, wo sie eigentlich hingehören.

Die Kamera vermeidet jeden Reportagestil, sie distanziert sich und krallt sich nicht mehr in den Rücken der Protagonisten wie noch bei der visuellen Kriegsberichterstattung von "Rosetta" (1999) oder "Der Sohn" (2002).

Das Kino der Dardennes ist eine elliptische Kunst. Was nicht wichtig ist für die innere Wahrheit einer Sequenz, wird ausgespart. Kein Bild, kein Ton ist überflüssig. Die großen dramatischen Gesten verkneift man sich. Und dennoch geht es um alles und das in jeder Einstellung. Um Sterben und Leben, Schuld und Unschuld. Und nichts davon ist eine Sache von Märtyrertum oder höherer Gerichtsbarkeit.

In "La Promesse" (1996) stirbt ein illegaler nordafrikanischer Arbeiter bei einem Sturz vom Baugerüst. "Rosetta" sieht ihrem Freund, den einzigen den sie hat, erst eine Weile beim Untergehen zu, bevor sie ihn aus dem Wasser zieht. Und in "Der Sohn" sorgt man sich in jeder Einstellung, der Vater könnte den Mörder seines Kindes richten. Doch je mehr Filme die Brüder Dardennes drehen, desto leichter scheint auch der barbarischste Egoismus in unvermutete Zärtlichkeit umzuschlagen.

Seit "Das Kind" (2005) gibt es so etwas wie Mitleid als festes dramaturgisches Element. Auch in "Lornas Schweigen" spürt man, wie das schon instinkthafte Verhalten der Heldin in ein Gefühl von Verantwortung kippt. Erst für einen Junkie, der ihr doch eigentlich ein Klotz am Bein ist. Dann für eine Schwangerschaft, also für eine Option auf Zukunft - für die Dardennes eine ungewöhnlich emphatische Symbolik.

Die junge Frau kämpft gegen alle Vernunft für ihre Leibesfrucht, bricht sämtliche Abmachungen, lässt sich hetzen. Damit ein noch reines Wesen eine Chance bekommt und stellvertretend für seine Mutter bei null anfangen kann. Und doch behält der Film - bei allem Mitleid und aller Liebe zu den eigenen Figuren - immer sein Thema im Blick: den wechselnden Preis des Lebens.



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