"The Place Beyond the Pines": Jahrmarkt der Männlichkeiten

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"Hangover"-Star gegen "Drive"-Gott: Im Väter-Söhne-Drama "The Place Beyond the Pines" treten die Hollywood-Lieblinge Bradley Cooper und Ryan Gosling als Bankräuber und Polizist gegeneinander an. Ein Duell mit überraschendem Ausgang.

Derek Cianfrances neuer Film "The Place Beyond the Pines" spielt in der Stadt Schenectady im US-Staat New York. Der Filmtitel ist nicht nur die Übersetzung des Städtenamens aus der Sprache der Mohawk. Der Ort jenseits der Pinien ist auch der Ort, an dem Cianfrance seine männlichen Hauptfiguren schwersten Gewissensprüfungen unterzieht. Dort, am Rande des Waldes, fernab der Stadt und ihrer vielen Augen, müssen sich die Männer der Frage stellen, für was sie kämpfen wollen - und vor allem, gegen wen sie kämpfen wollen.

Ja, es geht gewichtig zu in "The Place Beyond the Pines". Das war zwar auch schon so in "Blue Valentine", Cianfrances erschütterndem Liebesdrama von 2010, bei dem er das erste Mal mit Hauptdarsteller Ryan Gosling zusammenarbeitete. Doch für ihren zweiten gemeinsamen Film hat Cianfrance in jeder Hinsicht noch mehr drauf draufgepackt: Mehr Kampf, mehr Dramatik, mehr Schicksal, mehr Verlust. Überhaupt: mehr Stoff, denn gleich drei Geschichten von Vätern und ihren Söhnen versucht "The Place Beyond the Pines" zu einem modernen Triptychon zu arrangieren.

Das ist für einen Film, der immerhin knapp zweieinhalb Stunden lang ist, zu viel - und tatsächlich auch zu viel für seinen Star Ryan Gosling, auf dessen Schultern die Verantwortung lastet, das charismatische Zentrum des Films zu bilden. Wo die Geschichte und letztlich auch Gosling dem Gewicht des Stoffes nicht standhalten können, zeigen sich aber überaus reizvolle Bruchstellen.

Zwei Minuten verändern vier Leben

"The Place Beyond the Pines" beginnt mit dem wohl stärksten Bild des Films. Es ist Jahrmarkt in Schenectady, und Stuntfahrer Luke (Gosling) und seine Crew gehören zu den Attraktionen. Zu dritt stürzen sie sich auf ihren Motorrädern in eine stählerne Kugelkonstruktion, die es ihnen ermöglicht, gleichzeitig und in tosenden Loopings zu fahren - Sinnbild natürlich für die Dreieckskonstruktionen, die der Film immer wieder aufgreift.

Auf dem Jahrmarkt trifft Luke auf Romina (Eva Mendes), eine Liebelei vom letzten Jahr, als er in Schenectady Station mit seiner Show machte. Von dieser Begegnung ist Romina mehr als nur die Erinnerung an eine leidenschaftliche Nacht geblieben - sie hat einen Sohn von Luke bekommen. Als der von seinem Nachwuchs erfährt, gibt er spontan das Leben in der Stunt-Show auf und versucht, sich in das Leben von Romina, ihrem Sohn und ihrem neuen Freund zu drängen.

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Kinodrama "The Place Beyond the Pines": Gosling gegen Cooper

Gern möchte er für seinen Sohn sorgen, doch mit ein bisschen Rumschrauben an Autos und Motorrädern lässt sich das nicht bewerkstelligen. Mit Hilfe seines Kumpels Robin (Ben Mendelsohn) fängt Luke an, Banken zu überfallen. Durch seine besonderen Fahrkünste mit dem Motorrad gelingt es ihm immer wieder, der Polizei zu entwischen - bis er das Risiko unterschätzt und in einer schicksalhaften Begegnung auf den Polizisten Avery (Bradley Cooper) trifft. Kaum zwei Minuten verbringen die beiden im selben Raum, doch was sich in der kurzen Zeit ereignet, wird ihr Leben und das ihrer Söhne auf ewig prägen.

"Hangover"-Star Cooper gegen Kritikerliebling Gosling - schauspielerisch, so würde man meinen, ist dieses Duell von vornherein entschieden. Schließlich fehlt es Cooper trotz seiner Oscar-Nominierung für "Silver Linings Playbook" an vorzeigbaren Rollen, in denen er mehr als das Glitzern seiner blauen Augen zu bieten hat. Doch ausgerechnet in einer melodramatischen Variation seiner Rolle aus dem Kultfilm "Drive" wirkt Gosling ausgesprochen fahl. Während es Nicolas Winding Refn brillant gelang, ihn als popkulturelle Projektionsfläche zu inszenieren, wirkt die wortlose Chiffrehaftigkeit von Goslings Figur bei Cianfrance angesichts des wuchtigen Dramas um ihn herum fehlgeleitet.

Ausgestattet wie eine Anziehpuppe

Das liegt auch daran, dass Cianfrance dazu neigt, seinen Lieblingsschaupieler wie eine Anziehpuppe zu behandeln und ihn - wie auch schon in "Blue Valentine" - etwas zu demonstrativ mit vermeintlichen Unterschichtsinsignien wie entstellenden Tattoos oder hässlichen Jeans auszustaffieren. Zeigen statt erzählen: Gleiches gilt für Eva Mendes' Figur, deren prekären sozioökonomischen Status er sichtbar machen will, indem er sie - eine Art Tabubruch in den USA - in einer Szene erkennbar ohne BH auftreten lässt.

Mendes ficht das aber nicht an, stattdessen spielt sie ihre Romina als pragmatische Kämpferin, die nicht träumen, sondern anständig leben will - sicherlich eine ihrer besten Rollen überhaupt. Ebenso läuft Cooper zur Höchstleistung auf. Wenn sein ehrgeiziger Polizist Avery versucht, die Überforderung im neuen Job zu verstecken, dann überträgt sich seine Anspannung unmittelbar auf den Zuschauer. Das mag daran liegen, dass Cooper tatsächlich in der Rolle emotional gefordert war wie noch nie - zumindest hat er das im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt.

In jedem Fall ist die Geschichte um Cooper, der Mittelteil des Tryptichons, die dichteste und überzeugendste. Neben der Jagd auf Goslings Bankräuber hat es sein Polizist nämlich noch mit einem ganz anderen Gegner zu tun: seinen Kollegen, die ihn in ihr System aus Drogenhandel und Korruption einweihen wollen. Plötzlich muss sich der karriereorientierte, prinzipienschwache Avery entscheiden, was für eine Art von Kollege, ja, auch Mann und Vater er eigentlich sein möchte. Wo er diese Entscheidung treffen muss? Am Ort jenseits der Pinien, natürlich.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Immer wieder dieselbe Story...
Freewolfgang 11.06.2013
... zum 1.000. mal gespielt bzw. erzählt.
2. Schenectady
babylon2209 11.06.2013
heißt die Stadt
3. .
frubi 11.06.2013
Zitat von Freewolfgang... zum 1.000. mal gespielt bzw. erzählt.
Aber mit Ryan Gosling. Der Typ ist ne Wucht und zusammen mit Tom Hardy die Zukunft des englischsprachigen Kinos.
4.
Elizabeth_Tudor 11.06.2013
Kann nur meinem Vorposter beipflichten...Ryan Gosling und Tom Hardy sind die Zukunft. Absolut wunderbar, Tom Hardy in "Wuthering Heights' (in der englischen Originalversion) oder als 'Shinzon' in Star Trek' ;-) Ryan Gosling hat ein kleines bischen was von 'James Dean' ;-)
5.
GSYBE 11.06.2013
Zitat von frubiAber mit Ryan Gosling. Der Typ ist ne Wucht und zusammen mit Tom Hardy die Zukunft des englischsprachigen Kinos.
Absolut, genau diese beiden. Lassen Sie uns noch Mads Mikkelsen - weil aller guten Dinge sind 3 - zu Ihrer Liste hinzufügen und ich unterschreibe sofort!
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The Place Beyond the Pines

USA 2012

Regie: Derek Cianfrance

Buch: Derek Cianfrance, Ben Coccio, Darius Mader

Darsteller: Ryan Gosling, Eva Mendes, Bradley Cooper, Ben Mendelsohn, Emory Cohen, Dane DeHaan, Rose Byrne, Ray Liotta

Produktion: Focus Features, Sidney Kimmel Entertainment et al.

Verleih: Studio Canal

Länge: 140 Minuten

Start: 13. Juni 2013