Kinodrama "There Will Be Blood" Im Urschlamm Amerikas

P.T. Andersons schroffes Ölsucherdrama "There Will Be Blood" legt Amerikas Grundpfeiler frei: Gier und Glaube. Welches Genre wäre dafür besser geeignet als der Western? Die Prärieoper kehrt zurück in Hollywoods Belle Etage.

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Selten war der amerikanische Westen im Kino so einsam und unwirtlich wie in den ersten, furiosen 30 Minuten von "There Will Be Blood": In der nahezu stummen Ouvertüre zu Paul Thomas Andersons gewaltigem Epos schindet sich Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) Anfang des 20. Jahrhunderts fast buchstäblich zu Tode bei dem Versuch, der kargen Landschaft Kaliforniens im Alleingang ihre verborgenen Schätze zu entreißen. Sein gleichsam manischer wie methodischer Abstieg ins Erdreich führt den stillen Glücksritter zwar nicht zum großen Silberschatz, doch dafür findet Plainview Öl, das er fortan unter gefährlichsten Bedingungen fördert.

Daniel Day-Lewis in "There Will Be Blood": Urschlamm Amerikas
Paramount Pictures / MIRAMAX

Daniel Day-Lewis in "There Will Be Blood": Urschlamm Amerikas

Die Gier nach dem Urschlamm des Raub- und Turbokapitalismus befeuert die pechschwarze Moritat, in deren Zentrum das rücksichtslose Werden und verheerende Wirken Plainviews steht. Die Begeisterung der US-Kritik für Andersons schroffes, fast dreistündiges und dabei virtuos aufs Wesentliche reduziertes Fanal fällt zusammen mit einer bemerkenswerten Westbewegung des amerikanischen Films. Ob nun "No Country for Old Men", der ebenfalls euphorisch aufgenommene Präriethriller der Coen-Brüder, die revisionistische Revolverheldenballade "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" von Andrew Dominik oder James Mangolds neoklassische Pferdeoper "Todeszug nach Yuma", ein Remake von Delmer Daves' gleichnamigen Film aus dem Jahr 1957: Der Western ist in seinen diversen historischen und aktualisierten Spielarten zurück in der Belle Etage Hollywoods.

Auch Anderson bedient sich aus dem überreichen Fundus des ältesten Filmgenres für seine wuchtige Tragödie über die prometheische Gestaltungsmacht der amerikanischen Existenz und den damit verbundenen Blutzoll. Letzterer gehört ohnehin zum Alltag der frühen Ölförderung, bei der Arbeiter in grausamer Beiläufigkeit von herabstürzenden Bohrern oder Explosionen getötet werden. Nach einem dieser fatalen Unfälle nimmt sich Daniel Plainview eines verwaisten Babys an, das zu seinem Ziehsohn H. W. (Dillon Freasier) heranwächst. Das Kind dient Plainview nicht zuletzt als emotionaler Faustpfand bei seinen Verhandlungen mit verarmten Landbesitzern, auf deren Grund er neue Quellen vermutet.

So etwa in Little Boston, einer trostlosen Gemeinde von Schaffarmern. Im anbrechenden Rohstoffboom stößt Plainview dort jedoch nicht nur auf ein Ölvorkommen, sondern auch auf einen ungewöhnlichen Gegenspieler in Gestalt des jugendlichen Erweckungspredigers Eli Sunday (Paul Dano). Die Konfrontation zwischen Plainviews ungezügeltem Individualismus und Sundays fiebrigem Fundamentalismus bestimmt die folgenden Ereignisse, die in Verrat, Rache, Mord, kurz: in Sündenfällen biblischen Ausmaßes eskalieren. Mit bitterer Konsequenz illustriert Anderson hier den ur-amerikanischen Konflikt zwischen bedingungslosem Fortschrittsdrang und rückwärtsgewandter Religiosität, der bis heute die gesellschaftlichen Debatten in den USA mitprägt.

Dazu passt, dass "There Will Be Blood" Motive des kapitalismuskritischen Tatsachenromans "Oil!" aus dem Jahr 1927 aufgreift. Was der linke Autor und Polit-Aktivist Upton Sinclair damals im Vorfeld des Börsencrashs von 1929 anprangerte, hat angesichts derzeitiger Verwerfungen im globalen Monopoly der Märkte nichts an Brisanz verloren.

Und wie ließe sich dieser andauernde Wertestreit besser inszenieren als im Gewand eines Westerns? Amerikas mythologischer, ganz und gar eigener Form der Selbstbespiegelung, die den Stolz einer Nation mutiger Pioniere ebenso reflektiert wie ihr Schuldbewusstsein angesichts blutiger Landnahmen. So sollte auch nicht von einer Renaissance des Genres gesprochen werden, war es doch nie gänzlich verschwunden. Der Western überlebte selbst Michael Ciminos fatalen Flop "Heaven's Gate", der 1980 zum Bankrott von United Artists führte, und feierte in den vergangenen Jahren etliche kleinere und größere Comebacks.

Eines der populärsten gelang sicherlich 1990 mit "Der mit dem Wolf tanzt", Kevin Costners hemmungslos sentimentalem Ritt durch die Geschichte. Costner gewährte dem weißen männlichen Helden Absolution, indem er ihn kurzerhand als Indianer neu erfand - ein dreistes, aber immens erfolgreiches Beispiel für ideologieblindes, als political correctness getarntes Wunschdenken. Ganz anders etwa Clint Eastwoods großartiger "Gnadenlos" (1992), ein grimmiges Requiem auf abgehalfterte Mannsbilder. Wichtigste Lebensader des Genres war in den letzten Jahren jedoch das Fernsehen: Die Serie "Deadwood" und der preisgekrönte Zweiteiler "Broken Trail" sind die jüngsten Beispiele für ambitionierte TV-Western, eine Nische, die sich 1989 mit dem Erfolg des Mehrteilers "Lonesome Dove" öffnete.

Von restaurativer Wildwestromantik sind die aktuellen Filme, darunter auch Tommy Lee Jones' meisterhaftes Regiedebüt "Three Burials - Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada", meilenweit entfernt. Ihre Vorbilder finden sich vielmehr in den desillusionierten Spätwestern der sechziger und siebziger Jahre, als Europäer wie Sergio Leone und Amerikaner wie Sam Peckinpah gemeinsam am Denkmal des strahlenden Cowboys kratzten.

Ebenso weit weg scheinen die Zeiten, als Paul Thomas Anderson seinen Vornamen in Anlehnung an den legendären P.T. Barnum auf die Initialen verkürzte und in "Boogie Nights" (1997) sowie "Magnolia" (1999) einen verspielten Kinozirkus veranstaltete. Nun dominieren strenge Bildkompositionen, durch die sich die Riffs von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood fräsen, derweil Blut, Schweiß und Tränen für Öl fließen und Gottes eigenes Land die Hölle auf Erden ist.

Aus Andersons vorherigen Filmen geblieben ist hingegen der Zorn gegen mächtige Väter, sowie das Mitgefühl für ihre Kinder. Daniel Plainview ist ein faszinierender, durch und durch pathologischer Patriach: Daniel Day-Lewis gibt den zum Siedepunkt hin schwelenden Überzeugungstäter wie einen dreckigen, romantikfreien Gegenentwurf zu F. Scott Fitzgeralds Gatsby. Eine brillante und beängstigende Schauspielleistung, die Filmgeschichte schreiben wird und für einen Oscar nominiert ist.

Was nun die Begeisterung für Geschichten aus dem Westen angeht, gelten Robert Duvalls beinahe prophetische Dankworte, die er anlässlich seines Emmys für "Broken Trail" im letzten Jahr fand: "People always welcome the western. It's Americas genre."



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