Kinoepos "Die andere Heimat" Ein deutsches Dorf, groß wie die Welt

Schabbach, Ort des deutschen Weltkinos: Mit seiner berühmten und gefeierten "Heimat"-Saga kehrte Edgar Reitz 30 Jahre lang immer wieder in das Hunsrück-Dorf zurück - und nahm vorweg, was heute in Hollywood als modern gilt. "Die andere Heimat" ist nun die grandiose Vollendung seines Meisterwerks.

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Ein einziges Siechen, Sterben, Abschiednehmen ist dieser Film. Die Leute krepieren durch Hunger, Missernte und Diphtherie. Die Toten werden in langen schweigsamen Trauerzügen durch die engen Gassen des Dorfes getragen; im Winter 1842 ist der Friedhof von Schabbach voll mit Holzkreuzen. Einige Leichen, darunter die von Säuglingen und Kindern, werden vor dem Friedhof aufgebahrt; der Boden ist gefroren, erst im Frühjahr können sie der Erde zurückgegeben werden.

Aber auch im Lenz 1843 will die Erde im Hunsrück, gesättigt von menschlichen Überresten, ausgelaugt von harscher Witterung, kaum Nahrung geben. Wer nicht allzu alt ist, schnallt sein bescheidenes Gut auf einen Karren und schleppt sich in eine Hafenstadt, um von dort in die Neue Welt überzusetzen. Der Kaiser von Brasilien hat allen Neuankömmlingen Land zum Bewirtschaften versprochen, es wird von Kautschuk, Kaffee und sagenhaft großen Rindern geraunt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wann immer das Bild in Edgar Reitz' Vierstunden-Epos "Die andere Heimat" in die Totale geht, sieht man an den Rändern Karren von Aussiedlern durch die Hügelwelt rollen. Bewegt sich auch sonst nichts in dieser streckenweise grausam statischen Landschaft, irgendjemand versucht hier immer gerade mit letzter Kraft der Heimat zu entkommen. Bewegung als letztes Aufbegehren.

22 Worte für die Farbe Grün

Nur einer wird es nicht rausschaffen: Der Schmiedsohn Jakob Adam Simon (Jan Dieter Schneider), der über ein phantastisches linguistisches Talent verfügt und heimlich die indigenen Sprachen Südamerikas studiert. 22 Worte, so weiß er, haben die Urwaldindianer Brasiliens für die Farbe Grün. Jakob kennt sie alle und schreit und flüstert sie bei einsamen Spaziergängen in die Täler und Wälder des Hunsrück, die von Reitz im kargen Schwarz-Weiß gezeigt werden. Ausgerechnet Jakob, der großes Wissen von der Welt da draußen besitzt und eine Ahnung, welch unermessliche, vielgestaltige Schönheit sie bereithält, wird zurückbleiben im kleinen, engen, armen Schabbach.

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"Die andere Heimat": Was Besseres als den Tod
Dabei ist das Jakobche, wie der in die Realität verbannte Träumer im moselfränkischen Singsang genannt wird, doch eine Art Bruder im Geiste vom legendären Herrmännche. In Edgar Reitz' Lebensprojekt "Heimat" war dieses Herrmänche emotionales Zentrum der ersten Fernsehstaffel und ausgewiesener Held der zweiten. Sah man diesen musisch hochbegabten Jungen anfangs im feuchten Moos und in der aufstrebenden mittelständischen Wirtschaft von Schabbach zum Mann reifen, so entwickelte er sich später im fernen München vor dem Hintergrund der Studentenunruhen zum gefeierten Komponisten.

Für das Hermännche war Heimat das, was bleibt, wenn man weggeht. Für das Jakobche ist Heimat nun das, was weggeht, wenn man bleibt. Was überlebt, ist die Sehnsucht.

So leuchtet der inzwischen 80-jährige Edgar Reitz in seinem vierten, vorrangig für das Kino produzierten "Heimat"-Epos noch einmal das große titelgebende Wort in all seinen Schattierungen, Ambivalenzen und Grausamkeiten aus. Ästhetisch wie inhaltlich ist "Die andere Heimat", die gut 80 Jahre vor dem ersten Teil einsetzt und jetzt in die Kinos kommt, der radikalste Block der Hunsrück-Chronik.

"Star Wars" im Hunsrück

Es kommt ein Projekt zum Abschluss, das in seiner Wirkung kaum zu unterschätzen ist. Wo immer man in der Welt einigermaßen filminteressierte Menschen trifft, kennt man durch Reitz' Mammutprojekt das deutsche Wort "Heimat" - und weiß um sämtliche Versprechungen und Flüche, die in ihm liegen. Schabbach, das ist ein Quell des deutschen Weltkinos. Vielleicht der einzige Quell.

Ausgerechnet diese Dorfchronik ist es nämlich, mit der hierzulande die großen, globalen Impulse des filmischen Erzählens aufgriffen, wenn nicht gar vorausgenommen wurden: Die epische Breite und Komplexität, die heute allerorten an amerikanischen Fernsehserien gelobt werden, fanden sich in Perfektion schon im ersten "Heimat"-Teil 1984.

Zugleich entwickelte Reitz über drei Jahrzehnte einen Erzählkosmos, der es in seiner Figurendichte locker mit den damals entstandenen großen amerikanischen Kinofranchises aufnehmen kann. In der kleinen Filmwelt von Schabbach gibt es ungefähr so viele Helden, Gestrauchelte und Wiederauferstandene wie in den Weiten des Weltalls bei "Star Wars". Nur Kenner haben den Überblick. Die Welt des Herrmännche und des Jakobche ist mythisch aufgeladen und personell vertrackt wie die von Lucas' Skywälkerche.

Der Humus der Geschichte

Da ist es nur konsequent, dass Edgar Reitz nun die absonderlichste Spielart des modernen Blockbuster-Kinos für die Vollendung seiner Hunsrück-Saga wählt - das Prequel. Hier geht es um die Vorgeschichte zur eigentlichen Geschichte. Oder, um für das kreatürliche und berückend sinnliche Erzählen von Reitz das richtige Bild zu finden: um den Humus der Geschichte.

Reitz und sein (während des Drehs verstorbener) Ausstatter Toni Gerg haben Felder mit im 19. Jahrhundert gebräuchlichen Arten von Flachs und Roggen anlegen sowie ein ganzes Dorf samt tröpfelnder Exkremente-Rinnsale im Stil der Zeit rekonstruieren lassen. Die Kostüme der Schauspieler webten sie aus den Stoffen, die damals zur Verfügung standen. So entstand eine quasi ganzheitliche, archaische, von Gernot Roll erbarmungslos gefilmte Welt - in der die leuchtenden Signale des Fortschritts folgenlos aufflackern.

Die frappierendste Szene ist die, in der Jakob mit einer Truppe demokratischer Vormärz-Studenten auf der Mosel heruntertreibt, im Wind flattert ein schwarzrotgoldenes Banner als Zeichen des Aufbegehrens gegen den preußischen Unterdrückerstaat, von Reitz als einziges Farbelement aus dem Panoramabild herausgehoben. Schöner die Deutschlandfahne im Wind nie wehte. Dann schießen Soldaten die idealistische Flussfahrergemeinschaft zusammen.

Auch die technischen Innovationen kollabieren in Schabbach erst mal: Eine von Jacobs Schmiedbruder zusammengebaute Dampfmaschine explodiert beim ersten Einsatz, so dass minutenlang nur weißer Rauch auf der Leinwand zu sehen ist. Und der geistige Fortschritt? Er verirrt sich nur kurz in den Hunsrück. Alexander von Humboldt (gespielt von Filmemacher Werner Herzog) rollt mit Entourage an; er will den Privatgelehrten Jakob besuchen, der ihn in Korrespondenzen mit erstaunlichen linguistischen Erkenntnissen konfrontierte. Doch der Schmiedesohn läuft der humanistischen Erleuchtung einfach in den düsteren Wald davon. Ein Fall von krankhafter Heimatverbundenheit?

Ach, Schabbach, du schäbigstes, du schönstes aller deutschen Dörfer.



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insgesamt 18 Beiträge
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elektromod 30.09.2013
1. Wenn...
...wenn das so großes erzählerisches Kino und Fernsehen im Stil von HBO und Star Wars ist, warum hat man davon noch nie gehört?
skilliard 30.09.2013
2.
Zitat von elektromod...wenn das so großes erzählerisches Kino und Fernsehen im Stil von HBO und Star Wars ist, warum hat man davon noch nie gehört?
Bei uns im Radio hört man oft davon, da der Film auch im Hunsrück gedreht wurde. Mich haben die Berichte jedenfalls neugierig auf den Film gemacht. Wenn man weniger von Promi-Big Brother hören und lesen müsste, dann kämen solche Meilensteine auch nicht nur marginal in den Medien vor.
jottlieb 30.09.2013
3.
Zitat von elektromod...wenn das so großes erzählerisches Kino und Fernsehen im Stil von HBO und Star Wars ist, warum hat man davon noch nie gehört?
"Hat man" - Ist das Pluralis Majestatis? Anders gesagt: Sie sollten nicht von sich auf andere schließen, nur weil Sie nichts anderes als Mainstream-Kino kennen. Ich finde die Heimat-Trilogie (wobei, jetzt eher eine Quadrologie) einfach bezaubernd und hoffe doch sehr, dass "die andere Heimat" auch in einem Kino in meiner Nähe gezeigt wird. Auch wenn anscheinend dem Durchschnittszuschauer kein vierstündiger Film mit langsamer Schnittfolge zugemutet werden kann.
punaske 30.09.2013
4. ja, warum...?
Zitat von elektromod...wenn das so großes erzählerisches Kino und Fernsehen im Stil von HBO und Star Wars ist, warum hat man davon noch nie gehört?
vielleicht, weil "man" zu jung ist? zu weit in anderen sphären? in den falschen medien? oder auch zu desinteressiert? die ersten beiden abschnitte (staffeln würde man heute sagen, aber es ist doch deutlich mehr als das) wurden mitte der 80er bzw anfang der 90er gesendet, und fanden doch ein mehr als ordentliches medienecho. der dritte abschnitt ging vor ca 10 jahren doch etwas unter, was sicherlich auch der veränderten medienlandschaft geschuldet ist. ich freue mich sehr auf dieses "prequel", und werde es zum anlass nehmen, mich auch erneut in die alten werke zu vertiefen, denn es handelt sich tatsächlich um ein recht einmaliges schaffen.
Peter Werner 30.09.2013
5.
Deutsches Qualitätsfernsehen kann es durchaus geben. Nur fehlt es den Verantwortlichen der Mut hierzu, dieses auch zu produzieren. Vielmehr wird der Hauptaugenmerk auf seichte Nonnen/Pfarrer/Landarzt/Pferde/Liebesschnulzen - Filme/Serien gesetzt. Im Kino ebenfalls: abseits von seichtesten Komödien und unverdaulichen Problemfilmen finden hier deutsche Produktionen defacto nicht statt. Schön, wenn "die Andere Heimat" hier eine Ausnahme darstellt. Hoffen wir, dass es hierbei nicht bleibt. Es besteht jedoch die Befürchtung, dass dieses 4-Stunden Epos nur den Bruchteil des Zuschauerinteresses der neuesten Till-Schweiger-Komödie hervorruft. Was nicht gerade für die ZuschauerInnen spricht.
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