Berlinale-Bilanz Mehr Mut, mehr Frauen, mehr "Victoria"

Jafar Panahi gewinnt mit Mut und "Taxi", "Victoria" erobert die Herzen der Kritiker, Kino-Altmeister sorgen für Häme. Und Frauen? Haben's immer noch schwer. Die Bilanz der 65. Berlinale.

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Begehrter Bär: Rummel um die Trophäe für "Taxi" in Berlin
AP/dpa

Begehrter Bär: Rummel um die Trophäe für "Taxi" in Berlin


Anstrengend, war's, wie immer. Über 400 Filme in mindestens ebenso vielen Festival-Sektionen (zumindest gefühlt), 19 Filme im Wettbewerb, ein gutes Dutzend außer Konkurrenz oder in der "Special"-Reihe. Und nun auch noch erstmals sechs TV-Serien - von den mehr als tausend Film-Screenings im European Film Market ganz zu schweigen. Es wimmelte und wuselte auf der Berlinale, die mit rund 5500 Fachbesuchern und 310.000 verkauften Publikums-Tickets in ihrer 65. Ausgabe noch einmal kräftig gewachsen ist.

Dem chronisch unbehausten Potsdamer Platz und seiner Umgebung merkte man die Menschenfülle mal wieder gar nicht an, sodass durch eine perfide neue Einlasspolitik im Palast ab und an dafür gesorgt wurde, dass sich nicht nur drinnen lange Journalistenschlangen bildeten, sondern sogar draußen auf dem Vorplatz - ein Hauch von Aufmerksamkeits-Hascherei à la Cannes. An der Côte d'Azur ist das stundenlange Anstehen für eine Vorführung allerdings nicht ganz so fies, da qua Jahreszeit und geografischer Lage weitaus wärmer. Doch genug der Befindlichkeiten. Hier sind Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Abschluss des Festivals. (Eine Liste der Gewinner finden Sie am Ende des Artikels.)

Was hat uns die 65. Berlinale gezeigt?

Dass Berlin nach wie vor der beste Ort für sozial engagiertes, politisches Kino aus aller Welt ist und sich mit seinem Wettbewerbsprogramm nicht vor der europäischen Konkurrenz verstecken muss. Es gab Einblicke in die zwischen Tradition und Moderne schwankende Gesellschaft Guatemalas ("Ixcanul"), sensible, aber leichtherzige Dramen aus restriktiven Staaten wie Iran und Vietnam ("Taxi", "Cha Và Con Và"), Reflexionen über die katholische Kirche ("El Club"), Magersucht und Esoterik ("Body"), Geschlechterrollen ("Vergine Giurata"), kunstvolle Essays wie "Under electric Clouds" und einen schwarzweißen Balkan-Western, der Osteuropa vom 19. Jahrhundert in die Gegenwart spiegelte. Es gab bildmächtige, letztlich schwächelnde Historien-Epen ("Queen of the Desert", "Nobody Wants The Night") und atemlose Auslotungen rastloser deutscher Jugendseelen ("Victoria", "Als wir träumten"). Es gab asiatisches Popcorn-Kino ("Gone with the Bullets"), amerikanischen Independent-Adel ("Knight of Cups") und klassisches, biederes Autorenkino ("45 Years").

Kurzum: Es gab viel zu entdecken, viele Länder zu bereisen, aber bemerkenswert wenige Totalausfälle. Wenn es Streit unter den Kritikern gab, dann über die Altmeister Terrence Malick, Werner Herzog und Peter Greenaway: Was dem einen wie Genie erschien, war dem anderen Spinnerei und verblasenes Eitelkeitskino. Auch das gehört dazu.

Gequengelt über die Qualität des Wettbewerbs wird immer, diesmal war die Mischung aus Altbekannten und Neulingen gut, die Themen divers, die Langeweile ebenso gering wie die Enttäuschungen ("Als wir träumten", "Nobody Wants the Night", "Diary of a Chambermaid") . Mit Malicks "Knight of Cups" konkurrierte nur eine einzige US-Produktion um den Goldenen Bären, das ist wie üblich der prekären Festival-Lage zwischen Sundance und Oscars geschuldet. Aber hat man die Amerikaner vermisst? Nö.

Hat der beste Film gewonnen?

Die Jury unter Führung des US-Regisseurs Darren Aronofsky stand vor einer schwierigen Wahl: Sollte man das an Tarkovsky gelehnte Kunstkino des Russen Alexey German Jr. ("Under Electric Clouds") würdigen, zumal als politisch bedeutsame russisch-ukrainische Koproduktion? Oder den inszenatorischen Mut des deutschen Regisseurs Sebastian Schipper ("Victoria")? Oder gar die beherzte Kirchenkritik von Pablo Larrain? Man entschied sich für den unter den schwierigsten und riskantesten Bedingungen entstandenen Film des Wettbewerbs, Jafar Panahis wunderbar humorvollen, trotzdem allumfassend anklagenden "Taxi" - eine symbolische Preisvergabe und ein Plädoyer für die Kunst- und Meinungsfreiheit, die für ein politisches Festival wie die Berlinale passend und angemessen war. (Einen ausführlichen Kommentar dazu lesen Sie hier)

Wem hätte man den Goldenen Bären noch gegönnt?

Ganz klar: Dem deutschen Regisseur Sebastian Schipper ("Absolute Giganten") für "Victoria": Seine mutige Entscheidung, die turbulente Geschichte einer Berliner Nacht in nur einem Kamera-Take zu erzählen, verlangte Höchstleistungen von seinen tollen Darstellern, allen voran Frederick Lau und Laia Costa. Zudem entfaltet der Film eine Wucht, einen mitreißenden Sog, den man im deutschen Kino lange nicht mehr erlebt hat. Auch wenn es letztlich nur einen Preis für die kinematografische Leistung des Kameramanns Sturla Brandth Grøvlen gab: Über "Victoria" wird man noch lange sprechen.

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Berlinale-Film "Victoria": Die Außenseiterbande

War's denn nun ein Festival der Frauen?

Es werde "die Berlinale der starken Frauen in Extremsituationen", hatte Festival-Chef Dieter Kosslick zuvor verkündet - und zeigte sich zu Recht stolz über drei Regisseurinnen im Wettbewerb. Das ist tatsächlich mehr weibliche Regie als jedes andere A-Festival in jüngster Zeit aufgeboten hat, aber natürlich sind drei von 19 noch immer nicht genug. In den Filmen des Wettbewerbs hingegen herrschte, wie schon seit Jahren, kein Mangel an starken Frauenfiguren, die sich durch diverse Extremsituationen kämpfen müssen - von der jungen Maya Maria in "Ixcanul" über die albanische "Sworn Virgin" bis zu historischen Gestalten wie Gertrude Bell ("Queen of the Desert") und Josephine Peary ("Nobody Wants the Night"). Denn ebenso gelingt es Männern immer wieder, Frauenfiguren eindringlich und sensibel in Szene zu setzen, wie es so machen Frauen misslingt - das zeigte sich im Eröffnungsfilm von Isabell Coixet. Die Qualität eines Films ist nicht vom Geschlecht seines Regisseurs abhängig, wohl aber ist die Anzahl weiblicher Regie-Arbeiten in einem Festival-Jahrgang abhängig von der Verteilung der Produktionsmittel. Ehe man also über Quotierungen in einem schwierigen Feld wie der Kunst diskutiert, sollte hinter den Kulissen, in der Verteilung von Fördergeldern und Zugängen, Gleichberechtigung herrschen.

50 Graustufen oder: Ist der Konflikt zwischen Glamour und Kunst lösbar?

Eine der Binsenweisheiten jedes großen Festivals ist: Nur mit Kunstkino, und sei es noch so politisch und relevant, erreicht man keine Aufmerksamkeit bei Massenmedien und -publikum. Deshalb ist es völlig in Ordnung, wenn skandalnudelige Kino-Events wie die BDSM-Farce "Fifty Shades of Grey" oder Crowd-Pleaser wie "Cinderella" unter dem Berlinale-Logo laufen: Sie bringen die Stars auf den roten Teppich und das Festival auf die Titelseiten oder in die TV-Nachrichten (und halten die wichtigen Sponsoren bei der Stange). Blöd nur, wenn Redaktionen aus Platzgründen und finanziell bedingtem Kapazitäts- oder Personalmangel am Ende nur noch Raum für das Katzengold schaffen, aber nicht mehr für die kleinen Juwelen des Wettbewerbs. Ein empfindlicher Balance -Akt, den die Berlinale, aber auch die Medien immer wieder neu austarieren müssen.

Was haben TV-Serien auf einem Kino-Fest verloren?

Fernsehserien auf Filmfestivals zu zeigen, ist keine Novität. Schon vor vier Jahren gab es Dominik Grafs Mehrteiler "Im Angesicht des Verbrechens" auf der Berlinale zu sehen, ebenso wie Jane Campions "Top of the Lake". Neu an der nun geschaffenen Extra-Sektion für Serien ist, dass sie nicht nur ein Ort für Kino-Regisseure sind, die fürs Fernsehen gedreht haben, weil sie dort inzwischen mehr Freiheiten genießen, sondern dass auch reine TV-Creator wie Vince Gilligan eingeladen werden, der mit "Breaking Bad" und dem auf der Berlinale vorgestellten Spin-off "Better Call Saul" zu jenen Pionieren gehört, die für ein komplexes, serielles Erzählen mit cineastischen Mitteln stehen. Völlig richtig (und publikumsgerecht), diese filmischen Alternativen samt ihrer Vertriebswege im Fernsehen oder Streaming mit der gebotenen Neugier zu würdigen. Alles andere wäre dogmatische Elfenbeinturm-Mentalität, die sich das von Zuschauerschwund bedrohte Arthouse-Kino kaum leisten kann.

Was wünschen wir uns fürs nächste Jahr?

Mehr aufregendes, junges deutsches Kino wie "Victoria", weniger Altmeister mit mittelmäßigen Filmen, noch mehr Regisseurinnen mit noch mehr guten Filmen im Wettbewerb, noch mehr Entdeckungen aus Asien, Osteuropa, Afrika und dem arabischen Raum. Und, klar, gern auch mehr Amerikaner, die sich trotz Terminstress nach Berlin trauen: Die letztjährigen Berlinale-Wettbewerber "Boyhood" und "Grand Budapest Hotel" zeigen ja aktuell, dass es sich durchaus lohnen kann - beide Filme gehen ein Jahr später als Favoriten in die Oscar-Verleihung.

Goldener Bär für den besten Film: "Taxi", Jafar Panahi (Iran)

Großer Preis der Jury, Silberner Bär: "El Club", Pablo Larrain (Chile)

Alfred Bauer Preis für neue Perspektiven, Silberner Bär: "Ixcanul", Jayro Bustamante (Guatemala)

Beste Regie, Silberner Bär (ex aequo): "Aferim!", Radu Jude (Rumänien), "Body", Malgorzata Szumowska (Polen)

Beste Schauspielerin, Silberner Bär: Charlotte Rampling, "45 Years" (Großbritannien)

Bester Schauspieler, Silberner Bär: Tom Courtenay, "45 Years" (Großbritannien)

Bestes Drehbuch, Silberner Bär: Patricio Guzmán, "El Bóton de Nacár" ("The Pearl Button") (Chile)

Silberner Bär für herausragende künstlerische Leistung (ex aequo): Sturla Brandth Grøvlen, Kamera, "Victoria" (Deutschland), Evgeniy Privin und Sergey Mikhalchuk, Kamera, "Pod Electricheskimi Oblakami" ("Under Electric Clouds") (Russland/Ukraine)

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
olicrom 15.02.2015
1. Shades of Grey: Nur von Frauen gemacht.
Von Frauen, mit Frauen, über Frauen, für Frauen. Also da kann man sich sicher nicht beschweren, es hätte zu wenig Frauenfilme auf der Berlinale gegeben.
annoo 15.02.2015
2. Und?
Zitat von olicromVon Frauen, mit Frauen, über Frauen, für Frauen. Also da kann man sich sicher nicht beschweren, es hätte zu wenig Frauenfilme auf der Berlinale gegeben.
Warum beschäftigt Sie das so? Es gab Zeiten, da gab es ausschließlich Filme von Männern, Bücher von Männern, überhaupt wurde die ganze Geschichte von Männnern gemacht, bzw. aus Männersicht gezeigt. Hätten Sie damals auch aufgemuckt?
karend 15.02.2015
3. Das reißt es natürlich raus
Zitat von olicromVon Frauen, mit Frauen, über Frauen, für Frauen. Also da kann man sich sicher nicht beschweren, es hätte zu wenig Frauenfilme auf der Berlinale gegeben.
Donnerwetter, und das bei nur einem Film - von rund 400.
speedy 15.02.2015
4. Was mich wundert ist....?
Das die Kultur so wenig gegen das Freihandelsabkommen CETA,TTIP oder TISA machen.Es ist der Anschein entstanden das Meinungsfreiheit nur was mit antiwestlichem Freiheitsbegriff zu tun hat.Die Vorgehensweise der Lobbyisten und dem Kapital aber überhaupt nicht in die Parade fahren wollen.Kultur hat für mich immer etwas mit Demokratie zu tun.Wenn sich aber die Meinungsfreiheit nur auf die Buchstaben des Wortes FREIHEIT wie bei Gauck oder auch der Kulturschaffenden zu tun hat.Haben wir keine Kultur mehr sondern von den Mächtigen genehmigte Kritik die geäussert werden darf.Dies ist das komplette Gegenteil von Kultur!
stamperius 15.02.2015
5. A-Festival?
Ein einziger US-Film im Wettbewerb und der Hauptpreis nicht fuer ein Meisterwerk sondern weil der Regisseur mutig war sagt alles ueber die Relevanz dieses Festivals. Auf nach Cannes. Ein
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