US-Thriller "Auge um Auge" Männer im letzten Stahlbad

In seinem Männer- und Heimatfilm "Auge um Auge" inszeniert US-Regisseur Scott Cooper das Melodram zweier Brüder in einer sterbenden Industriestadt - brillant verkörpert von Christian Bale und Casey Affleck.

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Ein Mann streift durch bewaldete Berghänge, das Jagdgewehr im Anschlag. Da, plötzlich, steht ein junger Hirsch auf einer Lichtung. Mensch und Tier blicken sich an, gebannt. Der Jäger legt an, zielt, zögert - und lässt die Flinte sinken. Parallel wird der jüngere Bruder des Jägers in einem illegalen Faustkampf zusammengeschlagen: Der Fight ist fingiert, das Ergebnis abgesprochen. Der Kämpfer hat genug Kraft und Wut, um zu siegen, aber er muss sich verkloppen lassen, sonst kann er seine Schulden nicht bezahlen. Abdrücken oder losschlagen? Die letzten, hilflos wirkenden Optionen von Männern in einer komplizierten und korrumpierten Welt.

Russell und Rodney Baze, so heißen die Brüder, leben in der Industriestadt Braddock im Norden Pennsylvanias. Ihr Vater liegt im Sterben, er hat sich im Stahlwerk zu Tode geschuftet. Für seine Söhne im sogenannten Rust-Belt, den ehemaligen Stahl- und Metallverarbeitungszentren der USA, bieten sich nur zwei Möglichkeiten: So lange im Werk schuften, bis es unweigerlich schließt, und bis dahin, wie Russell, den Rücken gerade halten. Oder, wie Rodney, Soldat werden, um im Irak oder in Afghanistan einen anderen, weniger subtilen Überlebenskampf zu führen. "Auge um Auge", der zweite Spielfilm von Scott Cooper nach der melancholischen Musiker-Ballade "Crazy Heart" (2009), bleibt dem Lieblingsmotiv des 1970 geborenen US-Regisseurs treu: Modernisierungsverlierer geraten zwischen archaischem Machotum und zivilisatorischer Räson ins Straucheln.

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Kinofilm "Auge um Auge": Die durch die Hölle gehen, immer noch
"Out Of The Furnace" heißt Coopers erdschweres Männer-Melodram im Original - in Anlehnung an den Schmelzofen des Stahlwerks, der hier zur Metapher auf das Stahlbad des Lebens umgedeutet wird. "Auge um Auge", der plakativere deutsche Titel, trifft es ausnahmsweise auch ganz gut, denn der unter anderem von Leonardo DiCaprio und Ridley Scott produzierte Heimatfilm entfaltet vor dem Hintergrund moderner Sozialnot ein Familiendrama mit alttestamentarischer Wucht.

Der Hauptteil der Handlung spielt kurz vor Beginn der ersten Amtszeit Barack Obamas 2008. Dennoch verbeugt sich Coopers Film, im weit ausholenden 35-Millimeter-Format gedreht, tief vor den sozialkritischen Dramen der siebziger Jahre. Das Stahlwerk mit den rauchenden Schloten, die in die Vorläufer der Appalachen geduckten Arbeiterhäuschen, vor allem aber die anfangs beschriebene Jagdszene - all das scheint wie eins zu eins aus Michael Ciminos Vietnamheimkehrer-Monument "Die durch die Hölle gehen" ("The Deer Hunter", 1978) entnommen.

Firnis der Vernunft

US-Kritiker des an der Kinokasse gefloppten Thrillers (11,3 Millionen Dollar Umsatz bei Produktionskosten von rund 22 Millionen) sahen darin zu Recht jede Menge Sozialromantik, aber wenig Originalität. Die Darstellung der von wirtschaftlicher Not gebeutelten Menschen in Braddock und Umgebung dürfte jedoch akkurat sein, die Situation in sich selbst überlassenen Industriehochburgen wie Pittsburgh, Detroit oder Allentown hat sich seit den Siebzigern, auch dank der jüngsten Rezession, eher verschlimmert als verbessert. Coopers Film mag altmodisch wirken, inaktuell ist er sicher nicht.

Inmitten der ausgeblichenen Szenerie steuern die Baze-Brüder unaufhaltsam auf einen Abgrund zu: Rodney, nach vier Einsätzen im Irak ein vom Staat enttäuschtes Psycho-Wrack, das zu Hause nichts mit sich anzufangen weiß, beschließt, einfach weiterzukämpfen - und zwar bei den illegalen Ultimate-Fighting-Spektakeln des Hillbilly-Mafiosos Harlan DeGroat (Woody Harrelson). Lebensmüdigkeit wird hier nicht, wie einst bei Cimino, mit russischem Roulette illustriert, sondern mit bloßen Fäusten und übel zugerichteten Visagen. Obwohl er eigentlich nur seine Körperkraft kapitalisieren will, gerät Rodney in die tödlichen Mühlen eines Kleinkriminellenkriegs.

Russell sieht derweil seinen Traum vom anständigen Leben zerbröseln, als er eines Nachts, aus Sorge um die Zukunft und den Bruder schwer alkoholisiert, einen Autounfall verursacht. Eine junge Mutter und ihr Kind sterben, Russell muss ins Gefängnis. Seine Freundin (Zoë Saldana), mit der er eine Familie gründen wollte, sucht sich im Sheriff der Kleinstadt (Forest Whitaker) einen verlässlicheren Partner. So ist der Firnis der Vernunft nur noch denkbar dünn, als Rodney eines Tages nicht mehr auftaucht und der desillusioniert aus dem Knast entlassene Russell sich auf eigene Faust auf die Jagd nach DeGroat begibt. Um Rache zu üben. Ob er die Flinte diesmal wieder absetzt, sei hier nicht verraten.

Das alles wäre in seiner stets am Pathos schrammenden Grobkörnigkeit fast banal, wenn Cooper, selbst Schauspieler, nicht über ein bis in die kleinste Nebenrolle erlesenes Darstellerensemble verfügen würde, das diese Schwermutsballade doch noch in eine bewegende Geschichte verwandelt.

Vor allem die beiden Hauptdarsteller laufen zu Hochform auf: Christian Bale, von Batman-Maske und Heldensteifheit befreit, spielt Russell mit berührender Feinnervigkeit und behutsam zwischen Verzweiflung und Zorn austariertem Minenspiel; Casey Affleck gibt die posttraumatisch gestresste Kampfmaschine Rodney in bewährt bravouröser Mischung aus bockigem Teenager und sehnigem Psychopathen.

Der Kriegskrüppel und der Ex-Knacki - Amerikas Mannsbilder auf der Suche nach den Resten ihrer Würde und Männlichkeit. Letzter Ausweg Gewaltexzess? Hoffentlich nicht.

Auge um Auge

USA 2013

Originaltitel: Out Of The Furnace

Regie: Scott Cooper

Buch: Brad Ingelsby, Scott Cooper

Darsteller: Christian Bale, Casey Affleck, Woody Harrelson, Zoë Saldana, Forest Whitaker, Sam Shepard, Willem Dafoe

Produktion: Relativity Media, Scott Free, Red Granite, Appian Way

Verleih: Tobis

Länge: 116 Minuten

Start: 3. April 2014

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insgesamt 14 Beiträge
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ladozs 31.03.2014
1. Sein Eintrittsgeld wert!
Ein Film, den man sich ansehen kann, bis in die Nebenrollen gut besetzt und mit einer beeindruckenden Leistung von Woody Harrelson als furchterregender Schläger und Oberhaupt der von Inzest gezeichneten "Mountainmen".
Zickenschulze 31.03.2014
2.
dem Alttestamentarischen entlehnt, macht Rache ja schon als Programm erkennbar. Mir allerdings in dieser gewalttätigen Welt kein Anlass, diesen Film anzuschauen. Da reichen mir die täglichen Nachrichten. Somit ist mein Bedarf an Endzeit-Aktion gedeckt.
Sam_Dicamillo 31.03.2014
3. Authenticjazzman
Okay mal sehen ob die Zensoren diese Post durchlässt, obwohl die darin verfasste, faktuale Botschaft, mit Sicherheit, nicht im einklang mit dem hier herrschenden politischen Standpunkt im einklang ist. = Jede "Sterbende", es sind dutzende, US Grossstadt, angefangen mit Detroit, wird seit Generationen von Democraten ununterbrochen regiert, und DIES ist der Hintergrund ihres "Sterbens"
Tom Joad 31.03.2014
4. Wenn Christian Bale ...
Wenn Christian Bale einmal aus sich herauskäme ... Aber mir kommt er immer so gehemmt vor, sogar in "American Psycho". Schade, er wäre sonst ein echt guter Schauspieler.
moira39 31.03.2014
5. Sehe ich nicht so!
Zitat von Tom JoadWenn Christian Bale einmal aus sich herauskäme ... Aber mir kommt er immer so gehemmt vor, sogar in "American Psycho". Schade, er wäre sonst ein echt guter Schauspieler.
Schon als Kind in dem großartigen Film "Das Reich der Sonne" zeichnete sich Bale durch - und da gebe ich Ihnen Recht - eine kühle Distanz aus. Kein bisschen 'süß' war er da, eher im Gegenteil. Doch wie packend war seine Darstellung! Auch in "American Psycho", in dem er - wenn man den Roman kennt - nachgerade eine Idealbesetzung ist, scheint er glatt - allerdings nur vordergründig. Die lachende Verzweiflung, wenn er wieder einmal mit falschem Namen angsprochen wird... Die lachende Verzweiflung, wenn sich niemand für sein Morden interessiert... Oder nehmen Sie seine Leistung in "The Machinist"! Die Disprepanz zwischen vorgeblicher Kühle und spürbar werdender Energie macht ihn in meinen Augen zu einem der interessantesten Schauspieler unserer Zeit. Bislang war jeder Film mit ihm nicht zuletzt durch ihn sehenswert.
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