Kinofilm "Der Pornograph" Die Gleichgültigkeit gespielter Lust

Seit Jahren bemühen sich vor allem französische Kunstfilmer darum, realistische Sex-Szenen vom Leinwand-Tabu zu befreien. Bertrand Bonello geht einen Schritt weiter: In seinem Film "Der Pornograph" stellt er die Hochkultur der intellektuellen "auteurs" gegen die Subkultur der Pornofilmer.

Von Oliver Hüttmann


Szene aus "Der Pornograph", Darstellerin Ovidie: Echte Pornoakteure rammeln
Alamode Film

Szene aus "Der Pornograph", Darstellerin Ovidie: Echte Pornoakteure rammeln

Keinen Laut während der Szene, verlangt der Regisseur von der Darstellerin, die ohnehin nicht viel sagen muss. "Und bei der letzten Fellatio schluckst du das Sperma. Ich will keinen Tropfen auf deinem Gesicht sehen." Doch als die Kamera bereits läuft, mischt sich der Produzent ein. "Ich höre dich nicht, Jenny", ruft er genervt. Sie stöhnt. "Ja, gut so. Und jetzt das Sperma aufs Gesicht." Der Regisseur sitzt in Denkerpose daneben und bleibt stumm.

Szenen eines Sexdrehs. Mit der Gleichgültigkeit gespielter Lust sieht man minutenlang echte Pornoakteure wie die französische Sex-Aktrice Ovidie rammeln und kein schamvoller Schnitt blendet die Genitalien aus. Die völlige Nüchternheit dabei lässt einen eher frösteln als geil werden, auch wenn sich Anstandskritiker über diese Momente in Bertrand Bonellos Drama "Der Pornograph" gewiss wieder empören werden.

Bei Pornofilmen gehe es um Masturbation, nicht die bloßen Körperteile seien pornografisch, verteidigte die Regisseurin Virginie Despentes die expliziten, erschütternden statt erotischen Sexszenen ihres rohen Frauenfilms "Baise-moi ­ Fick mich" gegen die französische Zensur. Bonello meint, es wäre viel obzöner gewesen, den simulierten Akt zu zeigen, und hält viele Sendungen im Fernsehen für pornografischer. Anders gesagt: Die Heuchelei ist obzön, die "Blitz"- oder "Explosiv"-Reportagen über Brustvergrößerungen und blutjunge, naiv träumende Aktmodelle, lockende Palmers-Plakate oder spärlich bekleidete Moderatorinnen von Musiksendern.

Der Trieb bleibt unser Antrieb, da muss man trotz geistiger Anstrengungen, gesellschaftlicher Debatten und gesetzlichen Schranken nicht drum herum reden. Seit Mitte der neunziger Jahre bemühen französische Filmemacher den Tabubruch, den Sex in die Alltäglichkeit zurück zu holen und als identitätsstiftendes Merkmal zu zeigen. Filme wie "Romance", "Eine pornographische Beziehung" oder "Intimacy" gelten dabei dennoch als Kunstkino, gedreht von klugen Leuten. Bonello setzt nun diese Linie fort und kommentiert sie zugleich, indem er der Hochkultur der Autorenfilmer die Subkultur der Pornofilmer entgegen stellt.

"Pornograph" Jacques (J.P. Léaud) mit Lebensgefährtin Jeanne (Dominique Blanc) : Sinnbild für den eigenbrötlerischen "auteur"
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"Pornograph" Jacques (J.P. Léaud) mit Lebensgefährtin Jeanne (Dominique Blanc) : Sinnbild für den eigenbrötlerischen "auteur"

"Der Pornograph" heißt Jacques Laurent und wird verkörpert von Jean-Pierre Léaud, dem Stammschauspieler von Truffaut und Godard. Irgendwo zwischen Stummfilm-Gestik, Russ-Meyer-Trash, den surrealen Experimenten von Kenneth Anger und der Frivolität Pier Paolo Pasolinis lagen jene Pornowerke, die Jacques in den Siebzigern unter Titeln wie "Perverses Nizza" und "Hotel der kleinen Mädchen" gedreht hat. Als in den achtziger Jahren die Videos für den Hausgebrauch den Film in den Pornokinos verdrängten, sich damit auch die Ansprüche änderten und er das Budget für das Projekt "Das Tier" nicht auftreiben konnte, gab Jacques desillusioniert seine Profession auf.

Doch nun hat er aus Geldnot eingewilligt, noch mal drei Filme zu drehen. Pornos gelten inzwischen als cool, deshalb will man sich mit seinem Namen schmücken. Ein Kameramann schwärmt zwar noch mal über Jacques' "innovativem Stil" von damals, aber der Produzent fleht ihn schon nach dem ersten Drehtag an, "keinen Blödsinn zu drehen".

Jacques gehört nicht mehr in diese Welt. Unscheinbar, in altmodischen Klamotten und mit fettigen, halblangen Haaren, steht er meist lethargisch herum wie ein Geist und Sinnbild für den eigenbrötlerischen, exzentrischen "auteur", der stundenlang über eine Szene nachgrübelt und zur Pornodarstellerin dann sagt: "Versuch' nicht, ein Gefühl zu schaffen. Das finde ich schon." Privat ist ihm das Gefühl allerdings verloren gegangen. Mit seiner Lebensgefährtin Jeanne (Dominique Blanc) scheint er schon lange keinen Sex mehr gehabt zu haben. Und er hat seit Jahren nicht mehr mit seinem politisch korrekten und engagierten Sohn Joseph (Jérémie Rénier) gesprochen, der ihn wegen der Pornofilme verachtet.

Ausgerechnet jetzt, wo Jacques noch mal in die Branche zurück gekehrt ist, nimmt Joseph wieder mit ihm Kontakt auf. Bonello baut damit geschickte Analogien zwischen den Generationen auf. Josephs Vorschlag bei einer Studentenversammlung, der ultimative Protest sei Schweigen, führt zu Jacques Regieanweisung einer poetischen Stille bei einer Sexszene und zurück zur Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn. Joseph ist verliebt und macht dem Mädchen seiner Wahl moralisch einwandfrei gleich einen Heiratsantrag, dahinter aber drängt letztlich sein sexuelles Erwachen. Und am Ende gibt Jacques einer Journalistin, die er den ganzen Film über zurückgewiesen hat, doch ein Interview und erklärt seine Pornofilme als subversiven Beitrag zur Studentenrevolte gegen den bürgerlichen Muff. So wird im Geist der 68er die Missionarsstellung mit der Position 69 ausgehebelt.

Bonello hat einen provokanten, ruhigen, poetischen, aber auch zähen Film gedreht. Damit sind zwar konsequent alle Elemente enthalten, die "Der Pornograph" streift. Aber auf Dauer ist diese seltsame Atmosphäre doch ziemlich ermüdend. Und wenn sich Jacques im letzten Drittel auf einen Selbstfindungstrip von seinem alten Leben verabschiedet und ein Haus bauen will, gerät die psychologische Konstruktion zum Kalenderspruch, bei dem man nur noch stöhnen muss. Am ehrlichsten, schönsten und komischsten bleiben daher ausgerechnet die Situationen bei der Pornoproduktion in Erinnerung. Etwa wenn mittels einiger Zettel an einer Pinwand über den Plot sinniert wird und jemand meint, irgendetwas fehle an einer Stelle. Woraufhin ein anderer meint: "Vielleicht 'ne Bums-Szene."

"Der Pornograf" ("Le Pornographe"), Frankreich 2001. Regie und Drehbuch: Bertrand Bonello; Darsteller: Jean-Pierre Léaud, Jérémie Rénier, Dominique Blanc, Thibault de Montalembert; Produktion: In Extremis Images, Centre National de la Cinématographie, Ministère de la Culture et de la Communication; Länge: 108 Minuten; Verleih: Alamode; Start: 14. November 2002



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