Kinoschocker "Drecksau" Schöner Schweinkram

17 Jahre nach "Trainspotting" setzt die neue Verfilmung eines Buchs von Irvine Welsh wieder auf jede Menge Schockeffekte. "Drecksau" erzählt die Geschichte eines brutalen Polizisten, der sich und seinem Umfeld nichts an Exzessen erspart.

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Zwei Straßen prägen das Stadtbild von Edinburgh: die wuselige Einkaufsstraße Princes Street mit ihrem Hang zum Ramsch und die geschichtsträchtige Royal Mile, die die Touristenströme zur mittelalterlichen Burg hin lenkt. Über erstere fegte Ewan McGregor in der Anfangszene von "Trainspotting" hinweg, über letztere stapft James McAvoy jetzt zu Beginn von "Drecksau", der neuesten Filmadaption eines Irvine Welsh-Romans.

17 Jahre nach dem Adrenalinschock "Trainspotting" hat sich nicht nur der Spielort auf eine etwas gediegenere Gegend verlagert, alles ist etwas edler und formaler geworden: Statt einer Horde von Nachwuchsschauspielern wartet "Drecksau" nun mit einer Art Best-of der schottischen Schauspielszene auf. Außerdem steht statt eines Heroinabhängigen jetzt ein Detective Sergeant im Mittelpunkt, der nichts unversucht lässt, um Kollegen bei einer Beförderung auszustechen. Nur gesoffen, gevögelt und geflucht wird noch wie zu Zeiten von Sick Boy, Renton und Begbie. Mithin also: exzessiv.

Wie dieser Schweinkram (die wohl passendere Übersetzung für den Originaltitel "Filth") nun zur Geschichte eines karrierefixierten Polizisten passt? Das weiß der Film zunächst auch nicht zu erklären. Während die Hauptfigur Bruce Robertson in Welshs Romanvorlage noch so unappetitlich daher kommt wie seine Handlungen - unter anderem ist sein Penis von Ekzemen überhäuft -, macht James McAvoy ("X-Men: Erste Entscheidung") in der Filmadaption eine viel zu gute Figur, um den abgehalfterten Robinson mit allen seinen Abgründen glaubhaft werden zu lassen.

Intrigieren statt ermitteln

Denn eigentlich scheint sein Robertson alles zu haben, was man sich nur wünschen könnte: ein ansehnliches Äußeres und eine ebenso vorzeigbare Familie, ergebene Freunde und sogar beste Aussichten auf die heißbegehrte Beförderung. Sein Chef hat ihn nämlich probeweise zum Leiter der Ermittlungen im Fall eines rassistisch motivierten Mordes an einem asiatischen Studenten gemacht. Wenn er sich dort beweist, ist ihm der Aufstieg in der Edinburgher Polizei sicher.

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Irvine-Welsh-Verfilmung "Drecksau": Schöner schocken
Doch Robertson intrigiert lieber gegen seine Kollegen, als dass er ermittelt. Stellt ihnen Fallen, die sie vorm Chef als schwul dastehen lassen, schläft mit ihren Frauen, führt sie bei der ausschweifenden Weihnachtsfeier als Träger von erbarmungswürdig kleinen Geschlechtsteilen vor. Selbst für seinen besten Freund Bladesey (Eddie Marsan, der irre Fahrlehrer aus "Happy-Go-Lucky") hat er nichts als den Ruin vorgesehen: Erst tyrannisiert er dessen Frau mit obszönen Anrufen, dann lässt er es so aussehen, als wäre Bladesey selbst der Schockanrufer.

Schier endlos scheint Regie-Debütant Jon S. Baird, der auch das Drehbuch verfasst hat, den Missbrauch von Substanzen, Körpern und Gefühlen aneinander zu reihen. Von Eskalation kann dabei nur bedingt die Rede sein, schließlich zeigt "Drecksau" seinen Cop gleich zu Beginn dabei, wie er eine Minderjährige zum Oralsex zwingt. Doch just in dem Moment, wo die Obszönitäten zum voyeuristischen Selbstzweck zu gerinnen drohen, gelingt dem Film die Wende.

Kein Ekel ohne kleinen Kick

Während eines drogengesättigten Wochenendausflugs mit Kumpel Bladesey nach Hamburg wird klar, dass Robertsons strategische Manipulationen nicht darauf abzielen, sein Umfeld in den Abgrund zu ziehen. Er selbst ist sein wichtigstes Opfer. Ab diesem Zeitpunkt lösen sich die Gewissheiten auf, wer wem schaden und wer wen schützen will, und in die Machtverhältnisse zwischen den verschiedenen Figuren, überhaupt kommt überraschend viel Bewegung in den ganzen Film.

James McAvoy gelingt der Wandel von einschüchternd zu erbärmlich dabei so überzeugend, dass er die anfänglichen Unstimmigkeiten in seiner Figur ausgleichen kann. Wenn die unbändige Zerstörungswut aus seinen strahlend blauen Augen weicht, bekommt man geradezu Mitleid mit ihm. Vom Wahnsinn des Buchs, das eine Vielzahl von Stimmen, zu denen auch ein Bandwurm gehört, virtuos dirigiert, ist das aber weit entfernt. Und auch mit den unvergesslichen Horrorbildern aus "Trainspotting", in denen Babys an den Decken entlang krabbelten, kann sich "Drecksau" nicht messen.

Dennoch geht die Rechnung mit den Exzessen auch hier auf, denn Robertsons Höllenritt zieht alle in Mitleidenschaft - nicht nur die Filmfiguren, sondern auch die Zuschauer. Wie Bunty, die Frau, die Robertson mit seinen Schockanruf erst drangsaliert, dann verführt, kann man sich seinem fiesen Charme nie ganz entziehen, jede Ekelszene transportiert auch immer einen kleinen Kick.

So kulminiert "Drecksau" letztlich in einer durchaus biblischen Erkenntnis: Wer ohne Dreck ist, der werfe den ersten Stein.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
herr minister 17.10.2013
1. Oh jeh!
Schon die falsche Übersetzung des Titels von Dreck zu Drecksau sollte aufmerken lassen. Da wird mal wieder mit vermeintlichen Tabubrüchen agiert. Drogen, korrupte Bullen, Kaputter Sex und viel Gefluche. Wahnsinn, nur leider leben wir nicht mehr in den 60ern. Schon die Bücher von Welsh nerven durch die immer gleiche Masche, den Film braucht dann echt niemand mehr. Und ordentlich aufs Papier fluchen konnte Bukowski schon. Gähn.
George_Kaplan 17.10.2013
2.
Im Kino ist er der Film definitiv kein muss. Auf DVD oder BD werde ich ihm später aber mal eine Chance geben und dann für mich entscheiden ob es den Film braucht oder nicht ;-)
hojas 17.10.2013
3. In Schottland nix Neues
Zitat von sysopLuna17 Jahre nach "Trainspotting" setzt die neue Verfilmung eines Buchs von Irvine Welsh wieder auf jede Menge Schockeffekte. "Drecksau" erzählt die Geschichte eines brutalen Polizisten, der sich und seinem Umfeld nichts an Exzessen erspart. http://www.spiegel.de/kultur/kino/drecksau-nach-irvine-welsh-mit-james-mcavoy-startet-a-927971.html
Welsh hat es geschafft in X Büchern immer nur dasselbe zu schreiben. Bewundernswert, dass er Käufer findet, aber man muss es weder gesehen noch gelesen haben.
Olafinho 17.10.2013
4. Gegenrede
Das Originalbuch von Welsh ist eine äußerst gelungene Dsytopie Schottlands. Wie im klassischen Drama sieht man im Vordergrund den Niedergang eines Mannes, unterbrochen durch Momente scheinbaren Erfolgs. Im Hintergrund sieht man die schottische Gesellschaft mit ihren Brüchen zwischen Katholen und Protestanten, irischen Einwanderern, angelsächsischen Herren und dem Kampf der Schotten um eine eigene Identität dazwischen. Und alles in Edinburgh, der "furry coat, no knickers" Stadt (Ian rankin): schön an der Oberfläche, drunter dreckig. Robertson lebt drunter... ich mochte das Buch....
lauterniemand 18.10.2013
5. Kaputt
Zitat von herr ministerSchon die falsche Übersetzung des Titels von Dreck zu Drecksau sollte aufmerken lassen. Da wird mal wieder mit vermeintlichen Tabubrüchen agiert. Drogen, korrupte Bullen, Kaputter Sex und viel Gefluche. Wahnsinn, nur leider leben wir nicht mehr in den 60ern. Schon die Bücher von Welsh nerven durch die immer gleiche Masche, den Film braucht dann echt niemand mehr. Und ordentlich aufs Papier fluchen konnte Bukowski schon. Gähn.
In Wahrheit leben wir längst wieder in den 50ern und erwarten die Illusionen der 60er.
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