Kinofilm "Lars und die Frauen" Sinnsuche mit Sexpuppe

Leben mit der Gummi-Maid: In der liebevollen Außenseiter-Komödie "Lars und die Frauen" nimmt sich ein junger Kauz eine Sexpuppe zur Braut - und die ganze Stadt spielt mit. Da steckt Anarchie drin - die der Film von Regie-Debütant Craig Gillespie leider nicht zulässt.

Von Birgit Glombitza


Sie sieht tatsächlich ein bisschen aus wie Bianca Jagger. Immerhin trägt sie ja auch den gleichen Vornamen. Ihre Lippen können nichts anderes als glänzen, und ihr Mund ist stets etwas geöffnet. Nicht ganz so angespannt O-förmig wie bei den billigen Kolleginnen. Eher sieht es so aus, als wolle Bianca uns irgendetwas sagen. Und zwar nicht einmal etwas besonders Vulgäres oder Dämliches. Irgendetwas höchst Alltägliches, Beiläufiges, zutiefst Menschliches. Dazu ein Blick, der keinesfalls nur devot und gefällig ausfällt, sondern bei bestimmten Lichteinfällen nahezu intellektuell, fast schon arrogant wirkt.

Nein, Bianca ist natürlich nicht einfach nur eine lebensgroße gefühlsechte Gummipuppe mit Raketenbrüsten, haarfreiem Venushügel, beigelegten Gleitmitteln und einem schillernden Lebenslauf ("halb Dänin, halb brasilianische Missionarin"). Bianca kann eine Freundin sein, wenn man sich Mühe mit ihr gibt, sie richtig versteht. Und das tut Lars. Er liest ihre Gedanken, er horcht ihr jedes Wort von den Lippen ab, lacht über ihre Witze, nimmt sie in Schutz und erklärt ihr die Welt. Seine Welt im verschneiten menschenleeren Mittleren Westen der USA. Bianca ist sein Traum. Für 6499 Dollar hat er sie bei Real-Girls im Internet nach eigenen Vorstellungen anfertigen lassen. Dabei will er gar nicht ihren Silikon-Körper, sondern ihr Herz.

Lars, der Kauz, dessen Mutter bei seiner Geburt verstarb, der jetzt seit dem Tod seines Vaters zurückgezogen in der ausgebauten Garage auf dem Grundstück des Bruders wohnt. Lars, der liebenswerte Stoffel, den alle so gerne bemuttern würden und der sich genau deswegen den Rest der Welt am liebsten vom Leib hält. Bis der Postbote das große Paket vorbeibringt. Und die stille Bianca in sein Leben einzieht.

Das Schöne an diesem Spielfilm-Debüt des Werbefilm-Regisseurs Craig Gillespie und der Oscar nominierten Autorin Nancy Oliver ("Six Feet Under") ist, dass das ganze Örtchen buchstäblich mitspielt. Man zieht Bianca zur Gemeindearbeit heran, mithilfe eines CD-Players liest die Sex-Puppe, die Lars am liebsten in pastellfarbene Norweger-Pulli und viel zu weite Karottenjeans steckt, Kindern stundenlang etwas vor. Sie arbeitet ehrenamtlich im Krankenhaus und verdient sogar als Model im Schaufenster einer Damenboutique eine Kleinigkeit hinzu. Und auf den Partys im Städtchen reißt sich jeder um einen Tanz mit der schönen Fremden.

So hätte es wohl fröhlich weitergehen können, doch der Film ist dann doch zu hasenfüßig, die bürgerliche Ordnung wirklich auf den Kopf zu stellen. Oder aus der platonischen Liebe zu einem Sexspielzeug wirklich Funken für eine böse Parabel über die Rollenspiele des durchschnittlichen Ehelebens oder die Projektionen der großen Liebe zu schlagen. "Lars und die Frauen" greift nicht nach dem Utopischen. Hier wird keine unbeschränkte Einbildungskraft, kein anarchisches Paralleluniversum, keine freie Liebe gefeiert. Von Biancas eigentlicher Bestimmung macht der liebe Lars nicht einmal Gebrauch.

Dennoch, eine therapeutische Kontrolle muss die harmlose Inszenierung und ihren Initiator begleiten. So will es der - nach aller unbändiger Freude über die Schlüpfrigkeit der Grundidee - recht frühzeitig wieder einsetzende Anstandscodex des Drehbuchs. Einen wie Lars, den Ryan Gosling ("Half Nelson") wunderbar unaufgeregt und ohne jede Trotteligkeit als sympathischen, etwas ruhigen Mitbürger spielt, kann man eben doch nicht ganz aus den Augen lassen, er muss am Ende doch wieder auf den vermeintlich rechten Pfad geführt werden. Dabei geht es noch nicht einmal um verschrobene Geilheit, Fetischlust oder gemeingefährliche Perversionen. Sondern nur um die Sehnsucht nach Nähe, nach Stille und nach einem stinknormalen Leben.

"Lars und die Frauen", das ist ohne Zweifel das, was man eine liebevolle Außenseiterkomödie nennt. Ein Genre, in dem vor allem Isländer, Schweden und Finnen in den letzten Jahren etliche Publikumslieblinge produziert haben. Filme voller verhuschter, eigenbrötlerischer Gestalten, die unter hässlichen Wollmützen in eine Welt hineinlugen, die es trotz Suff und Lethargie am Ende immer gut mit ihnen meint. Die Kleinstadt hier meint es jedoch ein bisschen zu gut mit seinem Antihelden. Jeder hat einen warmen Blick, einen Job, wenigstens eine Einladung zum Essen für das Pärchen übrig.

Bei all dieser therapeutischen Herzlichkeit kommt Bianca etwas zu kurz. Schließlich ist sie so beseelt wie der Blick ihres Betrachters es sich eben wünscht. Man hätte ihr auch die Zeit geben können, gemein, eifersüchtig, neidisch, geizig, spiel- oder fernsehsüchtig sein zu können. Hätte man sie gelassen, hätte man ihr einen weiteren Schritt in die menschliche Normalität erlaubt. Doch sie musste ja krank werden. Ein Infekt, vermutlich so einer, der nur Fremde dahinrafft, die noch keine Zeit hatten, Antikörper gegen die Krankheitserreger in ihrer neuen Umgebung zu bilden.

Die Geschichte aber begleitet lieber die Genesung des Protagonisten und seine Rückkehr in die wirkliche Welt. Dabei ist die hier auch nichts anderes als ein drolliges Puppenhaus.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.