Kinofilm "Ricky" Drama, Baby!

François Ozons neuer Film "Ricky" fängt als graues Sozialdrama an, wird zur absurden Komödie und endet als verträumtes, melancholisches Märchen. Passt nicht zusammen? Oh doch.

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Es ist ein Jammer, dass so viele Journalisten nach der Premiere von "Ricky" auf der diesjährigen Berlinale meinten, das Geheimnis des Films verraten zu müssen. Die meisten Zuschauer werden nun wissen, was auf sie zukommt, wenn sie sich die Kinokarte kaufen - womit sie zwar immer noch Aussicht auf einen schönen Filmabend haben, dem Erlebnis einer der umwerfendsten Kinoüberraschungen der jüngeren Zeit aber beraubt wurden. Ja, das Baby, um das es in "Ricky" geht, hat ein Geheimnis, aber welches das ist, wird wenigstens hier nicht verraten.

Nicht dass dieser Film jedem gefallen kann. Schon das Berlinale-Publikum war tief gespalten - das eine Lager hielt das Ganze für albern, banal und langweilig, das andere für brillant, poetisch und spannend.

Der französische Regisseur François Ozon, bekannt für überdrehte Satire ("8 Frauen", "Sitcom") oder komplizierte Melodramen ("5x2", "Die Zeit die bleibt") macht es den Zuschauern auch nicht ganz leicht.

Ganz ungewohnt lässt er "Ricky" als tristes, graues Sozialdrama beginnen, das so gar keine Freude am Leben kennt: Eine allein erziehende Fabrikarbeiterin (Alexandra Lamy) mit kleiner Tochter (Mélusine Mayance) versucht, im verkommenen Vorstadt-Wohnblock über die Runden zu kommen, lässt sich vom neuen Kollegen (Sergi Lopez) schwängern, versucht sich mit ihm als neue Familie und schmeißt ihn wieder raus, als sie glaubt, dass er das Baby misshandelt.

Oh je. Das ist die Art Stoff, mit der die belgischen Dardenne-Brüder ("Das Kind", "Lornas Schweigen") regelmäßig schlechte Laune verbreiten (und verdientermaßen alle möglichen Kinopreise gewinnen); bei Ozon wirkt es zunächst so, als habe er sich alle die Dinge verboten, die er sonst so gut kann: kühle Distanz statt emotionaler Achterbahn, eine Welt im Grauschleier statt in Bunt.

Drastisch - phantastisch

Das ändert sich schlagartig mit der unglaublichen Wendung, die der Film nach nicht mal halber Strecke nimmt. Als sich das Baby als ganz besonderes Kind erweist, wird auch "Ricky" zum besonderen Film.

Aus der Tristesse-Studie wird eine überbordende, phantastische Komödie, lebensfroh und losgelöst, alles scheint doch noch gut zu werden für die geschundene Heldin. Besser hätte sie es sich selbst nicht vorstellen können, es sei denn, sie stellt sich tatsächlich alles nur vor. Ozon reizt das Phantastische aus bis zur Farce, immer an der Grenze zur Albernheit, und verwandelt seinen Film zum Ende hin in ein melancholisches, zartbitteres Märchen.

Was real ist und was nicht, löst Ozon nicht auf. Jeder ist auf sich gestellt, seine Schlüsse aus "Ricky" zu ziehen, den Film zu hassen oder zu lieben.

Hauptsache man sieht ihn sich an. Schon weil man so etwas eben sonst noch nicht gesehen hat. So kennt man Ozon dann doch.



insgesamt 2 Beiträge
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antoniopende 14.05.2009
1. Einfach so
An dieser Stelle nur ein generelles Lob an den Autor. Die Texte von Herrn Sander fallen mir regelmäßig positiv auf. Weiter so! Beste Grüße, A. Pende
kadimosa 14.05.2009
2. "Un gars, une fille"
In Ihrem Bericht über den Film "Ricky" vermisse ich Näheres über die Hauptdarstellerin Alexandra Lamy. Sie spielt hier eine ernsthafte Charakterrolle und tut das offenbar gut, ist aber allen Freunden des französischen Fernsehens (France 2, France 4), das man auch im grenznahen deutschen Raum über DVB-T empfangen kann, viel besser bekannt aus der Comedy-Kultserie "Un gars, une fille", wo sie seit Jahren mit ihrem Lebensgefährten Jean Dujardin die komischsten Alltagssituationen durchspielt. Umso besser, dass sie jetzt auch dem deutschen Publikum ein Begriff wird, da man ja die Sketche nur schlecht übersetzen kann.
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