Kino-Komödie "To Rome With Love" Herr Woody sucht das Glück

Europa tut gut! Regie-Altmeister Woody Allen entführt uns auf seiner großen Tour nun nach Italien - mit einem der besten Filme seines Spätwerks. "To Rome With Love" ist überdreht, anrührend und amüsiert mit bösen Spitzen gegen die Gefühlsfälscher in Hollywood.

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Für einen Mann, dessen Leben und Wirken sich jahrzehntelang nahezu ausschließlich in der Upper East Side Manhattans abspielte, kommt Woody Allen in letzter Zeit ganz schön herum: Als Mittsiebziger entdeckt der Regie-Altmeister doch noch Europa.

Normalerweise unternehmen Amerikaner ja zwischen Highschool-Abschluss und College-Beginn eine Reise in die alte Welt, tingeln zwischen Paris, London, Rom und Barcelona auf der Suche nach... ja was? Inspiration? Kultur? Den vielbeschworenen lockeren Sitten? Zigarettenrauchen im Café?

Allen ließ sich zunächst vor allem vom Geld der europäischen Filmfinanziers und Kulturbehörden locken, die ihre Städte hübsch in Szene gesetzt sehen wollten. Den Auftrag erfüllte der New Yorker in "Vicky Cristina Barcelona" oder zuletzt in "Midnight In Paris" mit Bravour - und erzählte nebenbei amüsant verwinkelte Geschichten über Kunst, Erotik und andere Leidenschaften. Man muss das verspielte, erstaunlich romantische Spätwerk Allens nicht mögen, wenn man die scharfen, intellektuellen, hyperneurotischen Dialoggefechte seiner früheren Filme liebt. Aber man muss respektvoll zugestehen, dass er nicht im Alter erstarrt, sondern sich buchstäblich noch einmal auf Reisen begeben hat.

Die jüngste führte ihn nun nach Italien, die ewigere Stadt der Liebe als Paris. "To Rome With Love" ist neben den London-Filmen "Scoop" und "Match Point" der vielleicht beste Film aus Allens europäischer Phase. Denn er feiert die klischeereiche Drunter-und-Drüber-Kultur Roms mit so viel Mut und Herz, dass man einige wenige verlaberte Szenen und ein zum Teil unter zu viel dramaturgischem Ballast ächzendes Konstrukt gerne verzeiht.

Auf der Bühne, unter der Dusche

Mehr als 13 Haupt- und Nebencharaktere bevölkern den im italienischen Collage-Stil der fünfziger Jahre gedrehten Film. Manche Handlungsstränge spielen an einem Nachmittag, manche erstrecken sich über Wochen, einige überlappen sich, anderen laufen nebeneinander her. Allens große Kunst jedoch ist es, trotzdem dafür zu sorgen, dass alles irgendwie zusammenpasst: große Oper und kleines Kammerspiel, Italo-Trash und Intellektuellen-Nabelschau.

Nach vielen Jahren tritt Allen erstmals selbst wieder in einem seiner Filme auf - und spielt wie gewohnt eine Version seiner Selbst: Der soeben in den Ruhestand eingetretene New Yorker Operndirektor Jerry ist ein rastloser Rentner, vor allem, weil er seine oftmals ausgebuhten Inszenierungen für verkannt hält. Zusammen mit seiner Frau Phyllis (herrlich sarkastisch: Judy Davis) reist er nach Rom, um den Verlobten seiner Tochter (Alison Pill) zu begutachten. Der heißt Michelangelo und ist ein linksradikaler Anwalt. Klar, dass die beiden nicht zueinanderfinden.

Auf größere Gegenliebe bei Jerry stößt Michelangelos Vater, ein Bestattungsunternehmer, der herzergreifend Puccini-Opern in der Dusche singt. Jerry entflammt und will den Handwerker ganz groß herausbringen. Allerdings kann der schüchterne Giancarlo ausschließlich im Bade trällern, wie ein Vorsingen beweist. Kurzerhand lässt Opern-Visionär Jerry ihn nackt in einer Duschkabine auf die Bühne rollen und feiert mit der skurrilen Gesangsdarbietung eine umjubelte Premiere - auf Kosten seines Familienfriedens.

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Woody Allens neue Komödie: To Ruhm with Love
Eine andere Episode erzählt vom erfolgreichen, aber unglücklichen Architekten John (Alec Baldwin), der in den Straßen des Künstlerviertels Trastevere seiner Jugend nachsinnt. In einem filmischen Kniff, der offenlässt, ob John nur träumt, begegnet er dem jungen Architekturstudenten Jack (Jesse Eisenberg), der glücklich mit seiner bodenständigen Freundin (Greta Gerwig) zusammenlebt. Bis deren Freundin zu Besuch kommt, die arbeitslose Schauspielerin Monica (Ellen Page). Das nervöse, pseudo-intellektuelle Biest versteht es, Jack mit Sex-Talk und Namedropping zu umgarnen, und die Beziehung des unerfahrenen Amerikaners fährt zur Hölle.

Ellen Pages Monica ist eine der großartigsten Allen-Figuren seit langem: Die gespielte Verwirrtheit, der unerträgliche Narzissmus, das Blenden mit aufgeschnappten Kunst- und Romanzitaten, das Sexysein, ohne sexy zu sein - all das ist eine bitterböse Satire auf die Gefühlsfälscher Hollywoods, die Allen so sehr hasst.

Clownerie mit Benigni

Letztlich begeistern in "To Rome With Love" aber die echten Italiener: Große Teile des Films sind untertitelt, da die heimischen Darsteller in ihrer Muttersprache reden dürfen. Eine mutige Entscheidung im Hinblick auf den US-Markt, aber auch eine weitere Verbeugung vor dem Rhythmus des italienischen Kinos.

Neben einer lustigen Verwechslungsposse um ein junges Paar vom Land, das in Rom heiraten will, in der eine Prostituierte (grandios im kurzen Roten: Penélope Cruz) und ein sehr berühmter, sehr unansehnlicher Filmstar (Luca Salta) für Versuchung und Verwirrung sorgen, ist vor allem eine Episode grandios: Roberto Benigni ("Das Leben ist schön") ist in seiner ersten internationalen Rolle seit dem "Pinocchio"-Desaster (2002) zu sehen - und begeistert als mausgrauer Angestellter Leopoldo, der von einem Tag auf den anderen berühmt wird.

Warum, das erfährt man nie. Aber plötzlich lauern ihm Fernsehteams auf und wollen wissen, was er zum Frühstück hatte (Toast mit Butter), Filmsternchen wollen mit ihm ins Bett, selbst das Kittelkleid seiner Ehefrau wird zum letzten Schrei erklärt. Bis ebenso plötzlich alles wieder vorbei ist - und die Meute zum nächsten Opfer weiterzieht. Leopoldo, verführt vom Ruhm, möchte verzweifeln.

Die dank Benigni sehr rührende Clownerie feiert mit Fellinis Promi-Satire "La Dolce Vita" einen Großmeister italienischer Filmkunst, nimmt aber auch Allens eigene Skepsis über das Leben im Rampenlicht erneut auf. Im Gegensatz zu "Celebrity" (1998) trifft er hier eine versöhnlichere Note. So zeigt sich am Ende der rote Faden in dem turbulenten Treiben: Allen Figuren gemein ist, dass sie mit mehr oder minder großen Verführungen durch Glamour und Ruhm konfrontiert werden.

"Don't psychoanalyze me! Many have tried. All have failed", sagt Jerry/Woody im Film zu seiner Frau - und meint auch sich selbst, den ewig neurotischen Regisseur. Somit sollte man sich hüten, eine tiefere Motivation für diese hinreißende Burleske ergründen zu wollen. Offensichtlich ist jedoch: Je länger sich Allen in Europa bewegt, desto weiser geraten ihm seine Reflexionen über den Ruhm und seinen Preis, desto unverkrampfter, wenn nicht lebensbejahender wird aber auch sein Kino. Möge er Tourist bleiben.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
deoog 28.08.2012
1.
Zitat von sysopTobis FilmEuropa tut gut! Regie-Altmeister Woody Allen entführt uns auf seiner großen Tour nun nach Italien - mit einem der besten Filme seines Spätwerks. "To Rome With Love" ist überdreht, anrührend und amüsiert mit bösen Spitzen gegen die Gefühlsfälscher in Hollywood. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,851954,00.html
Wenn man den Trailer so sieht, sehnt man sich unvermittelt an die guten alten Zeiten, in denen Wolfgang Draeger noch die deutsche Synchronfassung gesprochen hat. Die neue Stimme ist deutlich zu jung und passt irgendwie nicht. Und warum muss sich die Synchronstimme von Roberto Benigni dauernd verändern ? Es geht wohl nichts über die Original Fassung...
dunnhaupt 28.08.2012
2. Wieso
Alteuropa ist offensichtlich derart in die eigene Nabelschau vertieft, dass man es bei uns noch nicht einmal merkt, wenn unsere Dekadenz von Amerikas Altmeister der Filmkomödie lächerlich gemacht wird. Falls es stimmen sollte, dass er demnächst auch München aufs Korn nehmen will, können wir etwas erleben. Ich erinnere nur an sein Bonmot: "Immer wenn ich Wagner höre, bekomme ich den Drang, nach Polen einzumarschieren."
tomkey 28.08.2012
3. Synchronstimme
Zitat von deoogWenn man den Trailer so sieht, sehnt man sich unvermittelt an die guten alten Zeiten, in denen Wolfgang Draeger noch die deutsche Synchronfassung gesprochen hat. Die neue Stimme ist deutlich zu jung und passt irgendwie nicht. Und warum muss sich die Synchronstimme von Roberto Benigni dauernd verändern ? Es geht wohl nichts über die Original Fassung...
Allen hat darauf bestanden, dass seine dt. stimme jünger klingen soll, da die Stimme von Draeger "zu sehr schwingt und nicht zu der Rolle paßt". Stand irgendwo im www. Naja, die neue Stimme klingt ja ähnlich wie die von Draeger, ist trotzdem sehr gewöhnungsbedürftig. Allen hatte ja mal selbst gesagt, dass ihm die Stimme von Draeger besser gefällt als seine eigene.
viera 28.08.2012
4.
---Zitat--- Große Teile des Films sind untertitelt, da die heimischen Darsteller in ihrer Muttersprache reden dürfen. Eine mutige Entscheidung im Hinblick auf den US-Markt, aber auch eine weitere Verbeugung vor dem Rhythmus des italienischen Kinos. ---Zitatende--- Es wäre vielleicht angebracht gewesen zu erwähnen, dass das in der deutschen Version NICHT der Fall ist, und dass für den deutschen Markt mal wieder der Synchronisierungs-Hammer geschwungen und alles komplett eingedeutscht wurde.
balduinb 28.08.2012
5. Nervend
Zitat von sysopTobis FilmEuropa tut gut! Regie-Altmeister Woody Allen entführt uns auf seiner großen Tour nun nach Italien - mit einem der besten Filme seines Spätwerks. "To Rome With Love" ist überdreht, anrührend und amüsiert mit bösen Spitzen gegen die Gefühlsfälscher in Hollywood. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,851954,00.html
Was mich schon bei seinem letzten Film genervt hat, ist, dass alle seine Charaktere genauso wie er neurotisch labern. Er hätte also alle Rollen selbst spielen können. Für den Autor und Regisseur Woody Allan Zeichen des Versagens. Und ich denke, er sollte besser nicht in ein Altersheim ziehen. Wohlmöglich redeten bald alle dort wie er.
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