Kinofilm "Trade" Frau als Ware, Sex als Wert

Marco Kreuzpaintner fühlte sich vom deutschen Kino unterfordert und dreht lieber in Hollywood. Mit "Trade" widmet sich der junge Regisseur einem brisanten Thema: der modernen Sexsklaverei. Eine ehrenvolle Absicht, die allerdings einen besseren Film verdient hätte.

Von Michael Ranze


"Trade" - das schlichte englische Wort für "Handel" verschleiert, um was es eigentlich geht: die Entführung von Mädchen und jungen Frauen, ihre illegale Verschleppung von Mexiko in die USA, ihr Verkauf als Sexsklavinnen. Schlimmer noch: die Versteigerung ihrer Jungfräulichkeit im Internet für geschätzte 50.000 Dollar. Die Frau als Ware, der Sex als Wert, der sich nach Angebot und Nachfrage richtet. Ursache ist hier das Gefälle zwischen Arm und Reich, die Kluft zwischen Erster und Dritter Welt. Das Erschreckende: "Trade" beruht auf Tatsachen, auf dem Artikel "The Girls Next Door", den Peter Landesman 2004 für das "New York Times Magazine" geschrieben hatte.

Szene aus "Trade" (mit Paulina Gaitan, Alicja Bachleda-Curus): Stereotypen des Leids
20th Century Fox

Szene aus "Trade" (mit Paulina Gaitan, Alicja Bachleda-Curus): Stereotypen des Leids

Der deutsche Regisseur Marco Kreuzpaintner, der mit seinen kleinen Dramen "Ganz und gar" und "Sommersturm" so sehr überzeugte, fühlt sich - einem Interview zufolge - "durch deutsche Themen nicht genügend gefordert". Darum widmet er sich in seinem Hollywood-Debüt, unterstützt von Blockbuster-Regisseur Roland Emmerich als Produzent, den Machenschaften der international operierenden Menschenhändlerringe und macht sie an zwei Schicksalen fest. Zwei von 800.000 - so viele Menschen sind es, die jährlich weltweit spurlos verschwinden.

Da ist zunächst Adriana (Paulina Gaitan), ein 13-jähriges Mädchen, das im Barrio von Mexico City auf offener Straße von gesichtslosen Männern in eine schwarze Limousine gestoßen wird. In wechselnden Lastwagen geht es nun bis zur schwer bewachten Grenze zur USA. Währenddessen lernt der Zuschauer in einer alternierenden Montage ein anderes Opfer kennen: Veronica (Alicja Bachleda-Curus, seit ihrer Mitwirkung in Andrzej Wajdas "Pan Tadeusz" so etwas wie eine Nationalheldin in Polen), die mit falschen Versprechungen nach Mexiko gelockt worden war. Schon am Flughafen nimmt man der schönen Polin den Pass ab und zerrt sie in ein Auto. Später wird sie auf der Ladefläche eines Transporters Adriana begegnen und zum Schutzengel des Mädchens werden.

Der Trip über die Grenze, das Martyrium der Opfer, ihre menschenverachtende Behandlung, wandelt sich nun zu einem Thema, das aus zahlreichen Western bekannt ist, John Fords "Der schwarze Falke" etwa oder "Zwei ritten zusammen": die Suche. Jorge (Cesar Ramos), Adrianas 17-jähriger Bruder, beobachtet die Kidnapper und heftet sich mit einem gestohlenen Auto an ihre Fersen. Zuvor hatte eine Szene ihn als hinterlistigen Ganoven beschrieben, der skrupellos, wenn nötig mit Gewalt, Touristen ausnimmt.

Kreuzpaintner ist sichtlich bemüht, vielschichtige Charaktere zu zeichnen. Und doch verfällt er, den Genre-Konventionen Hollywoods gehorchend, einer simplen Schwarzweiß-Zeichnung: Es gibt die Opfer, die Schurken und die Helden - Stereotype, denen der Regisseur und sein Drehbuchautor Jose Rivera eng umrissene Funktionen zuweisen. Das ist besonders im Fall der jungen Frauen bedauerlich. Sie müssen lediglich das Leid und die Gewalt, die ihnen angetan wird, widerspiegeln. Ihr Schicksal soll berühren, sogar erschüttern. Wirklich kennen lernen darf der Zuschauer sie nicht.

An der Grenze trifft Jorge auf den Texas Ranger Ray (Kevin Kline) Auch Ray ist ein Suchender und damit ein Geistesverwandter von John Wayne in "Der schwarze Falke": Vor Jahren verschwand seine Tochter. Doch Ray hat die Hoffnung nicht aufgegeben, sie doch noch zu finden. Nun nimmt er Jorge unter seine Fittiche. Gemeinsam geht es auf eine Reise quer durch die USA, bis nach New Jersey.

Aus dem Politthriller ist also urplötzlich ein Road Movie geworden, und Kreuzpaintner ist sichtlich verliebt in die Versatzstücke des Genres: die Reise, die ja auch immer eine Reise zu sich selbst ist, die Schönheit der Landschaft, der offene Raum, die Begegnungen unterwegs. Mit dem Genre-Wechsel ändert der Film auch seinen Ton, die Ernsthaftigkeit macht einem launigen Humor Platz: Ray und Jorge streiten sich während der Fahrt ständig über Fragen des richtigen Benehmens oder des falschen Musikgeschmacks.

Von der eigentlichen Thematik führen diese Kabbeleien viel zu weit weg, und mit einem Mal wird klar: Kreuzpaintner will immer auch unterhalten, den Zuschauer verführen. Mit der grimmigen, pessimistischen Hoffnungslosigkeit von Lukas Moodyssons "Lilya 4-ever" (2002), in dem ein russisches Mädchen nach Schweden verschleppt wurde, hat ein Film wie "Trade" nichts zu tun. Fast scheint es, als würde der Regisseur dem Interesse des Zuschauers für ein brisantes Thema nicht trauen. In seinem Wunsch nach einfachen und überschaubaren Konflikten greift er auf Klischees zurück und entfernt sich zu weit von der Realität. Dass ein 17-Jähriger skrupellose Menschenhändler an der Nase herumführt oder ein Polizist ohne Hilfe der Kollegen dem organisierten Verbrechen nachspürt, ist pure Hollywood-Phantasie.

Am Schluss dreht Kreuzpaintner noch mal ordentlich auf. Turbulente Action, rasante Verfolgungsjagden, eine Schießerei im Treppenhaus, großes Polizeiaufgebot. Der Regisseur hatte die richtige Botschaft, keine Frage. Aber er hat sie falsch verpackt.



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