Kinokomödie "Abgedreht" Glücksgefühle vom Band

Erinnern Sie sich noch? Die Videonächte mit "Ghostbusters" und "Pretty in Pink"? Regisseur Michael Gondry präsentiert mit seiner Komödie "Abgedreht" eine Hommage an das Magnetband - teilweise mit ziemlich verdrehter Logik.

Von


In jeder Videothek gibt es eine Ecke, in der man nicht gerne gesehen wird. Früher standen dort die Pornos. Aber seitdem die Menschen ihre Stimulanzien bequem übers Internet beziehen, hat man in diese schummrigen Winkel die VHS-Hits vergangener Zeiten verbannt. So dösen die Kopien von "Ghostbusters" oder "Miss Daisy und ihr Chauffeur" in ramponiertem Zustand auf dem Videotheken-Altenteil vor sich hin, schauen neidvoll auf die junge schnittige DVD-Konkurrenz.

Doch wo der technologische Fortschritt so rasant voranschreitet wie in der Home-Entertainment-Wirtschaft, macht sich natürlich auch Nostalgie breit. Welch wehmütige Gefühle abgeschredderte Videohüllen doch heute bei Menschen über 30 auszulösen vermögen: Ach, weißt du noch, unser erster Kuss bei "Pretty in Pink"?

Es ist dieser verquere romantische Impuls, den der Franzose Michel Gondry nun für seine VHS-Hommage "Abgedreht" nutzt. Angesiedelt hat er seinen Film im Laden des alten Mr. Fletcher (Danny Glover), der seine Videothek als klassischen corner store betreibt. Also als Anlaufstelle für die Nachbarschaft, wo man nichts dagegen hat, dass die Kopien der Achtziger-Hits arg ausgeblichen sind, wenn man dafür ein anregendes Schwätzchen halten kann.

Publikumsmagnet ohne Budget

Doch auch Mr. Flechter leidet unter der DVD-Dominanz, weshalb er sich eine mehrtägige Auszeit nimmt, um die hochgerüstete Home-Entertainment-Konkurrenz auszuspionieren. Die Aufsicht über sein Lädchen überträgt er Ziehsohn Mike (Mos Def) – der leider eine fatale Freundschaft mit dem Mechaniker Jerry (Jack Black) pflegt.

Die Angst vor Mikrowellen treibt Verschwörungstheoretiker Jerry nämlich immer wieder in einen riskanten Aktionismus. Dass er sich zum Mittagessen ein strahlenabschirmendes Nudelsieb auf den Kopf setzt, ist ja noch hinzunehmen. Sein Sabotageanschlag aufs Elektrizitätswerk hat jedoch Konsequenzen: Jerrys Körper wird magnetisiert – weshalb er beim nächsten Videothekenbesuch sämtliche Magnetbänder zerstört.

Die beiden Einfaltspinsel wissen sich zu helfen - und drehen die wichtigsten Evergreens auf Video nach. Für die Neuauflage des seinerzeit so aufwendig produzierten Gespensterspektakels "Ghostbusters" etwa hüllen sie sich in Alufolie und arbeiten unter strengen Lärmschutzauflagen in der örtlichen Bibliothek.

Für den Kampfkunstkracher "Rush Hour 2" nutzen sie einen Spielplatz um die Ecke als Action-Parcours. Die possierlichen No-Budget-Plagiate der einstigen Blockbuster werden zu Videothekenhits – und Mike und Jerry zu lokalen Stars.

Keinen Cent in der Tasche, aber Hollywood Paroli bieten: So lautet das mild subversive Motto von Gondrys Nachbarschaftsmärchen. Und tatsächlich hat es seinen Reiz, wie die VHS-Aktivisten hier quasi kostenneutral die teuersten Werke der Filmgeschichte nachstellen. Eine wunderbar verspielte Umkehrung der Wirklichkeit ist das, schließlich dreht man in den USA sonst extrem teure Remakes günstiger Auslandsfilme.

Gondry ist ein Erinnerungs- und Bewusstseinsfilmer, ein Sigmund Freud des Popcornkinos. In "Vergiss mein nicht" ließ er Jim Carrey durch ein Erinnerungslabyrinth irren, in "Science of Sleep" folgte er Gael Garcia Barnal in dessen Traumwelten. Wer braucht schon die US-Traumfabrik, wenn er aus eigener Kraft die Fantasie in Fahrt bringen kann?

Bei "Abgedreht" allerdings scheint Gondry diese Frage selber gar nicht so ernst zu nehmen. Schließlich wird hier die schon per Definition unpersönliche Welt des Home-Entertainments zum sozialen Ort verdichtet. "Be Kind Rewind" heißt der Originaltitel, also "Sei nett, spul zurück". Da wird ein zwischenmenschlicher Austausch suggeriert, den es in diesem Umfeld eben gerade nicht gibt.

Gondry aber stilisiert nun ausgerechnet die Videothek, diesen Ort der gepflegten Anonymität, zum Mittelpunkt der zerfallenden amerikanischen Community. Schuld an diesem Zerfall ist der Kommerz, der hier sowohl in Gestalt böser Stadtentwickler als auch gieriger Hollywood-Anwälte erscheint. Die einen wollen Mr. Fletchers maroden Videotempel platt machen, die anderen fordern Fantasiebeträge für die Remake-Rechte ein.

Mit halbgaren Verweisen auf die optimistischen Gesellschaftskomödien von Preston Sturges ("Sullivans Reisen") oder Frank Capra ("Es geschah in einer Nacht") versucht Gondry das Durcheinander dann schließlich zu einem hoffnungsvollen Abschluss zu bringen: Am Ende schauen sich alle auf einer improvisierten Leinwand ein selbst gedrehtes Filmchen über ihre Nachbarschaft an und liegen sich in den Armen.

So stimmt "Abgedreht" eher unfreiwillig eine Hymne auf das Kino an, auf jenes Medium also, das ja eben im von ihm gefeierten Home-Entertainment seinen stärksten Feind hat. Denn war es nicht der Siegeszug des Videos, durch den in den Achtzigern das Kino als sozialer Ort zerstört zu werden drohte?

Dieser Paradoxie zum Trotz bekommt man bei all dem zärtlichen Witz in "Abgedreht" Lust, mal wieder eine richtig schäbige Videothek aufzusuchen. Vielleicht geht man dann ja sogar in die Ecke mit den verwaisten VHS-Bändern, streichelt wehmütig über die "Ghostbusters"-Kopie und nimmt sich schließlich die vernachlässigte "Pretty in Pink"-Kassette für ein allerletztes Tête-à-tête mit.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.