Kinokomödie "Arschkalt" Mein Leben als Eisblock

Dauerbeleidigungen nerven auf Dauer: In der Komödie "Arschkalt" macht Herbert Knaup als resignierter Menschenfeind seiner Umwelt und den Zuschauern das Leben schwer. Doch dann entdeckt er plötzlich sein Herz, und der Film findet zu einem überzeugenden Tonfall. 

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Rainer Berg steht vor den Scherben seiner Existenz, aber die würde man am liebsten auch noch zertreten. Der Mann ist - um im Duktus zu bleiben, den der Titel des Spielfilms vorgibt - ein Arschloch. Er vermeidet den Kontakt zu seinen Mitmenschen, was noch sein nettester Zug ist, denn wenn es zu Kontakt kommt, hat er für sein Gegenüber nur Verachtung übrig: Für die Kunden, denen er Tag für Tag tiefgekühlte Fischteile ausliefern muss. Für Arbeitskollegen, die es wagen, ihn um Hilfe zu bitten.

Er lächelt nie und hört sich im Radio nur die Durchsagen des Wetterdienstes in Endlosschleife an, sonst hat er keine Hobbys, höchstens schlechte Laune zu verbreiten. Aber nur, wenn es nicht zu anstrengend ist. Denn er ist müde, so müde von diesem Leben, das es so böse mit ihm gemeint hat.

Wobei Rainer Berg sich bewusst ist, dass er an seinem Unglück nicht unschuldig ist. Er besaß selbst mal eine vom Vater geerbte Tiefkühlfabrik, verlor sie aber durch unglückliche wirtschaftliche Umstände und eigenes Fehlmanagement. Jetzt ist er nur noch Lieferant. Das traut er sich aber nicht, seinem Vater zu erzählen, der in einem viel zu teuren Luxus-Altersheim seinen Mitbewohnern noch stolz von der Familienfabrik und dem unternehmerischen Geschick seines Sohnes berichtet. Der Papa ist der einzige Mensch, der ihm noch etwas bedeutet - dem mag nicht mal ein Eisklotz wie Rainer Berg das Herz brechen. Vielleicht ist er aber auch nur zu feige.

Regisseur André Erkau scheint ein Herz zu haben für Leute, mit denen sonst niemand etwas zu tun haben möchte. In seinem mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneten Spielfilmdebüt "Selbstgespräche" vor drei Jahren ging es um das Leben und Wirken von Call-Center-Agenten, wahrscheinlich eine der meist gehassten Berufsgruppen der Welt. Und nun, in "Arschkalt", geht es um einen Menschen, der selbst zu nicht viel mehr als Hass fähig ist.

Es ist ein seltsamer Film geworden, mit vielen guten Zutaten - wie Hauptdarsteller Herbert Knaup, der einen mehr als glaubwürdigen Totalmisanthropen gibt. Oder Darstellerpartner Johannes Allmeyer (der Zwangsneurotiker aus "Vincent will meer"), der den hoffnungslos ungeschickten, aber liebenswerten Arbeitskollegen spielt, der als Mitfahrer von Berg endlich sein Handwerk lernen soll und mit gnadenlosem Optimismus dessen Dauerbeleidigungen erträgt. Es gibt ein paar schöne filmische Einfälle, wie eine sehr amüsante Montage über die Umsatzwunder, die ein gekonntes Kopfnicken generieren kann. Mit der Figur von Bergs neuer niederländischer Chefin (Elke Wilkens) gibt der Film sogar dem Raubtierkapitalismus ein überraschend sympathisches Gesicht, das erzählerisch dazu noch eine unwahrscheinliche, aber originell erzählte Liebesgeschichte ermöglicht.

Schade ist allerdings, dass die Qualitäten von "Arschkalt" erst in der zweiten Hälfte wirklich zum Tragen kommen. Der erste Teil beschäftigt sich fast ausschließlich damit zu zeigen, was dieser Rainer Berg doch für ein unangenehmer Mensch ist. Was ziemlich schnell ziemlich öde wird, denn dauerhafte schlechte Laune steht noch nicht für eine spannende Persönlichkeit. Lange findet der Film keinen schlüssigen und vor allem einheitlichen Tonfall - mal boshafte Antihelden-Farce, mal bitteres Absteigerdrama, dann warmherzige Liebeskomödie. Das geht alles nicht so richtig zusammen und hat auch nicht genügend gute Witze auf Lager, die es für eine Komödie nun mal braucht.

Doch in der zweiten Hälfte, man hat schon nicht mehr damit gerechnet, finden die Erzählstränge plötzlich zueinander, und aus "Arschkalt" wird doch noch ein richtiger Film. Als Rainer Bergs eiskaltes Herz langsam auftauen darf, beginnt Erkau eine wirkliche Geschichte zu erzählen, statt nur einen Blödmann zu porträtieren. Berg wird seinem Vater eine letzte große Freude zu machen versuchen, er wird seinem dösbaddeligen Kollegen zur Seite stehen, er wird die Liebe suchen, vielleicht sogar finden.

Klingt kitschig und ist es auch ein bisschen, aber nach so viel Menschenhass ist das ganz erfrischend. Und Erkau lässt seinem Helden genügend Boshaftigkeiten, damit er nicht zum Langweiler degeneriert. Auf einmal schnurrt der Film nur so dahin, mit gut gesetzten Pointen, Charakteren, denen man nicht ständig die Pest an den Hals wünschen will, mit Herz. Ein bisschen spät. Denn ein Film, der erst in der zweiten Hälfte gut wird, kann nicht mehr sein als halbgut.


Arschkalt. Start: 21.7. Regie: André Erkau. Mit Herbert Knaup, Johannes Allmeyer, Elke Wilkens.



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tz88ww 21.07.2011
1. Wenn ich mich umsehe...
...es gibt wirklich viele Rainer Bergs in unserer Welt. Einen schönen Tag noch.
captain bluebear 21.07.2011
2. Zustimmung
Zitat von tz88ww...es gibt wirklich viele Rainer Bergs in unserer Welt. Einen schönen Tag noch.
... und die meisten davon lassen ihren Frust bevorzugt im Schutz der Anonymität in Internet-Foren ab ... Anwesende natürlich ausgenommen :-)
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