Kinokomödie "Immer Drama um Tamara" Trau den Trieben nicht!

Alles außer Pilcher: Stephen Frears' Komödie "Immer Drama um Tamara" spielt gekonnt mit den Klischees des englischen Landlebens. Hinter grünen Hügeln herrschen nicht Romantik und Besinnlichkeit, sondern Ehebruch und Verrat - und Bond-Girl Gemma Arterton glänzt als selbstironische Sexbombe.

Prokino

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Was für ein Triumph! Als Abiturientin hat Tamara Drewe ihr Heimatdorf Ewedown verlassen - von ihrer Jugendliebe Andy verlassen, von ihrem Schwarm Nicholas ausgelacht. Als Zeitungskolumnistin, die es in London zu Ruhm gebracht hat, kehrt sie einige Jahre später zurück - und plötzlich stellt ihr Andy nach und liegt ihr Nicholas zu Füßen. Den großen Unterschied macht aber nicht Tamaras beruflicher Erfolg oder ihr gesteigertes Selbstbewusstsein. Den Unterschied macht die neue Nase. Tamaras sagenhafter Zinken ist jetzt umoperiert in eine winzige Stupsnase.

Ein Kreuzfeuer der Begierde ausgelöst durch einen chirurgischen Eingriff - "Immer Drama um Tamara" lässt einen sich schnell wundern: Wie urwüchsig sind die Triebe eigentlich, wenn man sie so leicht manipulieren kann? Eine gesunde Portion Skepsis gegenüber der Natur bildet denn auch die Grundlage dieser gelungenen Farce ums Begehren und Begehrtwerden. Dass die Geschichte in einem der schönsten Landstriche der Welt, dem malerischen Dorset, spielt, ist dabei kein Versehen. Auch hinter den grünen Hügeln Südenglands lauert das Verderben - zumindest für eine der Hauptfiguren.

Thomas Hardys Gesellschaftsroman "Far From the Madding Crowd" ist die entfernte Vorlage für "Immer Drama um Tamara". Die britische Zeichnerin Posy Simmonds hatte sich des Romans 2005 für eine Comic-Serie für den "Guardian" angenommen. Auf dieser wiederum basiert die Filmadaption von Stephen Frears. Frears ("The Queen") findet nach der lahmen Paris-Klamotte "Chéri" zu alter Form zurück: Im heimatlichen England gelingt ihm das Spiel mit den Klischees einfach am besten. Gekonnt hält er Slapstick und Dialogwitz in der Balance, unterstützt von einem tollen Ensemble. Frears' Stamm-Casterin Leo Davis ist es nicht nur gelungen, Schauspieler zu finden, die ihren Comic-Vorbildern verblüffend ähnlich sehen - sie spielen alle auch mit komischer Finesse.

Mittelpunkt des Dramas um Tamara ist die Stonefield Farm. Das herrschaftliche Anwesen gehört dem Ehepaar Hardiment, das es zu einem Schriftstellerrefugium umgebaut hat. Ehefrau Beth (Tamsin Greig) versorgt die schreibenden Gäste mit Mitgefühl und selbstgemachten scones . Ehemann Nicholas (Roger Allam) schreibt Bestseller-Krimis im Gartenschuppen und betrügt seine Frau in London. Dazwischen gönnt er sich vereinzelte Auftritte unter den Schriftstellergästen, von denen natürlich keiner mit seinen Auflageerfolgen mithalten kann. Vor allem der amerikanische Literaturwissenschaftler Glen (Bill Camp), der just an seinem Opus Magnum zu Thomas Hardy werkelt, ist angewidert von Nicholas' Hochmut. Als beide zeitgleich anfangen, für Tamara zu brennen, wandelt sich ihr Kampf um intellektuelle Hoheit zum Streit um libidinöse Vorgriffsrechte.

Nicht nur Sex und Liebe, sondern auch das letzte Wort

Ein Jahr lang dauert dieses Treiben an. Mit den Jahreszeiten entwickeln sich aber nur die Frauen weiter. Sie üben sich in Reflexion, während die Männer mit der Triebabfuhr beschäftigt sind. So findet Beth endlich die Kraft, sich der Frage zu stellen, was sie für ihren Ehemann außer einer gut organisierten Bürokraft noch ist. Auf die Spur bringt sie ausgerechnet eine verdächtige Figur aus einem von Nicholas' Manuskripten, die sie ihm täglich abtippt. Ist der gerissene Ehebrecher, der auf den neuesten Romanseiten sein Unwesen treibt, etwa ein Alter Ego von Nicholas?

Spiegeln und gespiegelt werden - dieses Motiv zieht sich durch die gesamte Geschichte von "Tamara Drewe". In der Comic-Vorlage sorgt das für einige bedächtige Momente, in denen der Plot innehält und die Figuren an Nuancen gewinnen. Wie sehen mich andere? Wie sehe ich mich selbst? Der Film verzichtet auf diese Pausen und gibt dafür zwei hochnotkomischen Randfiguren mehr Platz. Die Schülerinnen Jody und Casey (Jessica Barden und Charlotte Christie) begleiten und kommentieren das Geschehen vom Straßenrand aus. Mit Handykameras bewaffnet und im Slang der Klatschzeitschriften geschult, bilden die beiden einen griechischen Chor für das "InTouch"-Zeitalter - pikante Paparazzi-Fotos inklusive.

Obwohl sie der Anstoß allen Ärgers in Ewedown ist, fungiert Tamara gleichzeitig auch als Ruhepol. Während um sie herum die Hormone toben, beobachtet sie ihre Neuerfindung als Sexbombe selbst am skeptischsten. Immer wieder wandern ihre Finger zur Nase und tasten die Chirurgenarbeit verwundert ab - kann eine neue Nase wirklich so viel verändern? Gemma Arterton ("Ein Quantum Trost", "Prince of Persia") spielt diese Tamara mit einer wunderbaren Nonchalance, die nie in Naivität umkippt. Sie nimmt sich, was sie will - und wird dafür nicht bestraft.

Das ist es denn auch, was "Immer Drama um Tamara" aus den üblichen romantischen Komödien herausstechen lässt: Wo sonst Moral über Sünde und Kompromiss über Eigensinn siegen, müssen die Filmheldinnen hier nicht erst in sich gehen. Sie kriegen alles - nicht nur Sex und Liebe, sondern auch das letzte Wort. Was für ein Triumph!



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