Kinokomödie "Juno" Der Jugend auf den Bauch geschaut

Diesmal darf man den Hype getrost glauben: Die Teenager-Komödie "Juno" mit Nachwuchs-Star Ellen Page ist tatsächlich so charmant, geistreich und stilvoll wie überall beschrieben. Rührender und respektloser wurde das Thema Jugend-Schwangerschaft im Kino noch nicht verhandelt.

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Hinter dem Konsens verbirgt sich in der Popkultur oft ein lauer Kompromiss. Entsprechend argwöhnisch werden Phänomene beäugt, die scheinbar wirklich jeden begeistern. Dieser Logik zufolge muss eigentlich etwas faul sein an "Juno", denn kein anderer Film der letzten Monate hat in den USA für vergleichbare kollektive Verzückung bei Publikum und Kritik gesorgt.

Teenager Juno (Ellen Page, l. mit Olivia Thirlby): Dickkopf als Rollenmodell
Twentieth Century Fox

Teenager Juno (Ellen Page, l. mit Olivia Thirlby): Dickkopf als Rollenmodell

Aber in seltenen, kostbaren Momenten entsteht Konsens eben nicht durch die allgemeine Beschränkung auf das Mittelmaß, sondern weil die ganz eigene Freude über etwas Originelles, Schönes und Wahres plötzlich Widerhall in den individuellen Erfahrungen anderer findet. Genau das macht Jason Reitmans wunderbaren Film aus, mal völlig abgesehen davon, dass seine Titelheldin das vermeintlich Unmögliche schafft: Als hochschwangere 16-Jährige mit Dickkopf und drastischem Vokabular ein inspirierendes Rollenmodell zu sein.

Nicht, dass Juno MacGuff (Ellen Page) sich darum reißen würde, eine Vorbildfunktion zu übernehmen. In der simplen Hackordnung der Dancing Elk High School firmiert sie gerne als stolze Außenseiterin, die ihre Entscheidungen allein und unerwartet trifft. So bleibt auch dem schüchternen Schulfreund, Bandkollegen und Dauerläufer Paulie Bleeker (Michael Cera) nur sanftes Staunen, als Juno den ersten gemeinsamen Sexversuch startet. Dass dieser gleich zur Schwangerschaft führt, war jedoch keineswegs Teil des Masterplans.

Etliche Liter Orangensaft und diverse Teststreifen später gibt es keine tröstlichen Zweifel mehr, dafür aber eine Menge offener Fragen: Eine zunächst angedachte Abtreibung scheitert nicht an Schuldgefühlen, sondern zuvorderst am schlechten Geschmack der Klinikbediensteten und dem auf einmal gar nicht mehr trivialen Fakt, dass ein Fötus Fingernägel hat.

So kommt Juno nicht umhin, Stiefmutter Bren (Allison Janney) und Vater Mac MacGuff (J. K. Simmons) einzuweihen. Hofften die vor der Beichte im Wohnzimmer zwar noch insgeheim, es könnte sich um ein einfaches Drogenproblem handeln, so sind sie doch loyale und liebevolle Eltern. Und das auch noch, als Juno verkündet, nach geeigneten Adoptiveltern für das Baby suchen zu wollen. Fündig wird sie im lokalen Supermarktmagazin, in dem Mark (Jason Bateman) und Vanessa Loring (Jennifer Garner) ihren Kinderwunsch inserieren. Tatsächlich wirken die Lorings wie das perfekte Paar: Ein schmucker Neubau in der Glacier (Gletscher) Valley getauften Vorortsiedlung, vorbildlich angelesenes Wissen um alles Pränatale und ein Kühlschrank voller Kräuterlimonade, das sind die Insignien besserverdienender Mittdreißiger, denen lediglich kongenialer Nachwuchs zum großen Glück fehlt.

Mit ihrem kostbaren Bauch voran tritt Juno ins Leben dieser Wunscheltern, deren Realität so weit entfernt ist von ihrem eigenen Kosmos aus Telefonen in Hamburgerform, chlorblauer Limonade und den grellorange Tic-Tacs, die Bleeker so liebt. Jener Boyfriend, der trotz einschneidender Veränderungen in seinem Leben scheinbar stoisch mit den anderen Jungs vom Leichtathletikteam "Dancing Elk Condors" seine Runden durch die Stadt zieht, wobei die Distanz zwischen ihm und Juno stetig größer zu werden droht.

Dafür lässt sich Mark, der einst im Vorprogramm der Melvins spielte, nur allzu gerne von Juno in Schulhofdebatten verwickeln, die ihn seine Zukunft mit Vanessa vergessen lassen: Fender oder Gibson, Hershell Gordon Lewis oder Dario Argento, Neunziger-Jahre-Noise-Rock oder 77er-Punk – großartiger Stoff für Gespräche ohne große Konsequenzen. Die nähern sich aber unaufhaltsam mit dem Wechsel der vier Jahreszeiten, und erstmals steht Juno MacGuff vor Entscheidungen, die alle Menschen in ihrem Leben betreffen.

Juno
(USA 2007)
Regie: Jason Reitman
Drehuch: Diablo Cody
Darsteller: Ellen Page, Jennifer Garner, J.K. Simmons, Michael Cera, Jennifer Garner, Olivia Thirlby, Jason Bateman
Produktion:Hard C, Mandate Pictures, Mr. Mudd
Verleih: Fox
Laufzeit: 96 Minuten
Start: 20. März 2008


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Es ist selten, dass ein Film seine Zuschauer derart kalt erwischt. Denn zu virtuos unterhält "Juno" über weite Strecken mit seinem respektlosen Kommentar auf melodramatische Klischees – schwanger, minderjährig, mittellos –, als dass man die später hart platzierten emotionalen Treffer vorausahnen könnte. Der Begriff Komödie greift daher viel zu kurz, um die immense Größe von Herz, Hirn und nicht zuletzt Schnauze dieser nonkonformistischen Coming-of-Age-Geschichte zu fassen.

Da wäre zuvorderst die formidable Besetzung, allen voran eine berückende Ellen Page, die nie mehr Angst haben muss, nur Rollen als "the edgy girl who reads Rimbaud" zu bekommen. Hinzu kommen die (zumindest im englischen Original) zu Recht Oscar-prämierten Dialoge von Diablo Cody und der hintersinnige Soundtrack von Anti-Folk Heroine Kimya Dawson: "Juno" löst gleich hundertfach ein, was etliche biedere Indie-Hits der letzten Jahre nur vollmundig versprachen.

Bei allem Stilwillen – wer schafft es schon, so nonchalant die Sonic-Youth-Coverversion von "Superstar" unterzubringen? – ist der Film auch für das zu bewundern, was er nicht macht: Wie leicht etwa hätten das verspielte Dekors und die zahlreichen Slapstickeinlagen zur Karikatur gerinnen können; wie einfach wäre es gewesen, die Figuren und ihre Fehler für einen Lacher bloßzustellen. Eben weil es keine billige Häme gibt, dürfen in "Juno" zwei Liebende mit Akustikgitarren im Vorgarten sitzen und "Anyone Else But You" singen. Überall sonst böte diese Szene berechtigten Anlass zum lauten Kitschvorwurf, hier hingegen ist das Bild so selbstverständlich und richtig, das die schiere Aufrichtigkeit einem unvermittelt das Wasser in die Augen steigen lässt.

Darum sollten Konsenskritiker ihr Distinktionsbedürfnis diesmal ruhen lassen, denn "Juno" ist etwas Besonderes: Smarter als die meisten, nicht immer vernünftig, lautstark, mutig und voller Verve. So wie seine Heldin mit dem ungewöhnlichen Namen, der auf keinen Fall die Stadt in Alaska meinen kann. Eher schon die Tochter des Saturns. Im Zweifel ein Mädchen aus Minnesota. Aber ohne Frage etwas Göttliches.

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