Kinolegende Stummfilm-Pianist Sommerfeld gestorben

Für viele große Leinwandmomente war er tonangebend: Willy Sommerfeld schrieb als Stummfilm-Pianist Kinogeschichte. Selbst als er bereits über hundert Jahre alt war, verjüngte er noch Filmklassiker mit seinem Können am Klavier.


Sein Comeback erlebte er mit über 60. Da entdeckten die Freunde der deutschen Kinemathek in Berlin den Pianisten und verpflichteten ihn als Begleiter für Stummfilmabende im Kino Arsenal.

Pianist Sommerfeld: "Schönes Kleid" für stumme Bilder
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Pianist Sommerfeld: "Schönes Kleid" für stumme Bilder

Willy Sommerfeld wurde schnell zur Kinoinstitution, weit über die Grenzen von Berlin hinaus. Vor allem sein Improvisationsgenie erschloss dem frühen Kino eine alte neue Dimension. Wer sich ab den Siebzigern mit Stummfilm befasste - akademisch, als Kinobetreiber oder TV-Verantwortlicher -, der entdeckte durch Sommerfeld die Möglichkeiten dieser frühen gesamtkunstwerklichen Ästhetik.

Am Anfang stand das karge Leben eines Lohnmusikanten im Berlin der Zwanziger: Sommerfeld spielte nicht in den Großorchestern der renommierten Lichtspielhäuser, sondern kämpfte sich mal als Violinist, mal als Klavierspieler für kleine Kinos durch.

In dieser Zeit entwickelte sich seine beispiellose Spontaneität: Improvisierend überführte er den tonlosen Film in eine andere Dimension, die Musik bekam stoffliche Qualitäten, drang in die Bilder ein und verwandelte sie. "Kleener, du hast mir ein schönes Kleid angezogen", zitiert die "Welt" eine Schauspielerin, die damals mit Sommerfeld zusammengearbeitet hatte.

Kein Wunder, dass man ihn nach Babelsberg holte, als Animateur und Begleiter für die Superstars. Er brachte Emil Jannings mit seinem Spiel in Laune, eine Art Coach mit musikalischen Mitteln. Dennoch wollte er lieber ans Theater, seine Liebe galt vor allem der Musik, das Kino war zweitrangig. Einem Engagement am Braunschweiger Landestheater kam die eigene Integrität in die Quere: Sommerfeld verweigerte den Hitlergruß und wurde geschasst.

Die Nachkriegsära meinte es besser mit ihm: Er arbeitete als Chorleiter, Dirigent und Arrangeur, bis der Stummfilm ihn noch einmal vor die Leinwand lockte. Noch im Alter von über 100 Jahren saß er täglich am Klavier. 2006 erhielt er das Bundesverdienstkreuz für sein Lebenswerk.

Willy Sommerfeld starb bereits am 19. Dezember im Alter von 103 Jahren in Berlin.

dan/dpa



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