Meisterwerk aus China Die Welt ist einfach ekelhaft

Filmemacher Hu Bo setzte seinem Leben mit 29 Jahren ein Ende. Er hinterlässt mit "An Elephant Sitting Still" eine einzigartige Momentaufnahme der chinesischen Gesellschaft - unser Film der Woche.

Arsenal - Institut für Film und Videokunst

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Ständig wird hier jemand weggedrängt. Ein Junge wird eine Treppe hinunter geschubst, ein Großvater muss die gemeinsame Familienwohnung verlassen, ein Mann springt aus dem Fenster seiner Hochhauswohnung, eine ganze Schule wird ersatzlos aufgelöst.

Ständig sehen wir auch, wer hier wen wegdrängt. Der Junge wird von einem Mitschüler geschubst, der Großvater von der eigenen Tochter genötigt, die Schule vom eigenen Konrektor geschlossen. Selbst bei dem Mann, der aus dem Fenster springt, könnte man sagen, dass dahinter seine Frau und sein bester Freund stecken. Dass beide eine Affäre miteinander haben, hat den Mann nämlich erst zu seiner verzweifelten Tat bewegt.

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"An Elephant Sitting Still": Kein Entkommen vor der Gewalt

Ständig sehen wir also, wie Körper auf andere Körper einwirken, sie verletzen, sogar töten. Eine Handkamera fängt diese intimen Vorgänge ein, manchmal kommt sie den Menschen dabei so nah, dass nur ein Ohr zu sehen ist oder der Blick auf einen Kuchenkrümel auf der Lippe eines Mädchen gelenkt wird.

Das Blut bleibt

Zu den Wundern von "An Elephant Sitting Still" gehört es, dass der Film diese Kleinteiligkeit nie aufgibt, die Kamera nie zum Panorama aufreißt, und trotzdem viel Größeres sichtbar macht: nämlich die gesellschaftlichen Kräfte, die auf die Menschen einwirken und die einen Druck auf sie ausüben, den sie selbst nur als Gewalt an anderen ablassen können.

Denn die Schule wird geschlossen, weil die Zentralregierung die Region, in der sie liegt, aufgegeben hat. "Ihr werdet doch eh alle Street-Food-Verkäufer", sagt der Konrektor verächtlich zu seinen Schülern, die sich wiederum untereinander so lange mobben, bis es eben zum fatalen Treppensturz kommt. Das Blut lässt die Schulleitung schon nicht mehr wegwischen. Man schließt ja eh bald.


"An Elephant Sitting Still"
Originaltitel: "Da xiang xi di er zuo"
China 2017

Buch und Regie: Hu Bo
Darsteller: Deng Yuchang, Li Congxi, Zhang Yu, Wang Yuwen
Produktion: Dongchun Film
Verleih: Arsenal
Länge: 230 Minuten
Start: 15. November 2018


Es ist schwer, das Bild, das "An Elephant Sitting Still" von der chinesischen Gesellschaft zeichnet, nicht in Zusammenhang mit dem Leben von Autor, Regisseur und Editor Hu Bo zu bringen. Kurz nachdem der 29-Jährige seinen Debütfilm, der auf einer eigenen Kurzgeschichte basierte, fertiggestellt hatte, beging er Suizid. Die Weltpremiere bei der Berlinale 2018, wo der Film in der Forumsreihe entdeckt und als bester des Festivals gefeiert wurde, erlebte er also nicht mehr.

Doch welche Schlüsse erlaubt das genau über den Film? Dort sagt ein junger Mann "Die Welt ist einfach ekelhaft", bevor er sich erschießt. Andere Figuren kommen zur selben Erkenntnis und ziehen daraus doch andere Konsequenzen. Sie bleiben, sie fliehen, sie wehren sich, sie geben auf. Die Ausweglosigkeit, die man "An Elephant Sitting Still" oberflächlich bescheinigen könnte, ist bei genauerem Hinsehen keine, denn nichts läuft auf das eine Ziel hinaus.

Hus Figuren sind ständig in Bewegung und mit ihnen ist es der Film. Denn obwohl meist nur einzelne Körper und Gesichter eingefangen werden, scheinen doch alle wie bei einem Kugelstoßpendel miteinander verbunden zu sein: Wird auf den einen eingewirkt, übersetzt sich das durch alle hinweg, bis der letzte in der Reihe ausschert.

Und der Elefant?

Diese Zusammenhänge lassen sich durch den herausragenden Schnitt schon früh erspüren. Wirklich greifbar werden sie jedoch erst nach und nach, wenn alte Verbindungen und neue Allianzen zu Tage treten. So entsteht eine ungeheure Spannung, die den Film über die gesamte Laufzeit von knapp vier Stunden hinweg trägt.

Im Verlauf wird so auch immer klarer, was es mit dem titelgebenden Elefanten auf sich hat. Der lebt einer urbanen Legende zufolge, die im Film immer wieder erzählt wird, in einem Zoo in Nordchina und tut dort nichts anderes als zu sitzen. Für Hus Figuren kann dieses Tier nur wie ein Wunder anmuten. Einfach nur sitzen und das Weltgeschehen unbeteiligt verfolgen - wie soll das möglich sein? Kann es etwas anderes geben als zu drängen und gedrängt zu werden?

Die Antwort, die "An Elephant Sitting Still" darauf gibt, ist die beste Schlussszene des Jahres.

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