Kinoromanze "Küss mich, bitte!" Mehr als ein Lippenbekenntnis

Man braucht schon ein Kusshändchen fürs Erotische, um einen ganzen Film über die schönste Art der Annäherung zu drehen: Emmanuel Mourets Film "Küss mich, bitte!" ist mundgerechte Sommer-Romantik.

Von Peter Luley


Die Komödie "Küss mich, bitte!", die vierte Arbeit des Autorenfilmers Emmanuel Mouret, ist eine derart inspirierte Untersuchung der erotischen Macht des Kusses, dass nicht nur frankophile Kinogänger Freude daran haben werden. Selbst Skeptikern der leichten Muße winkt am Ende eine reizvolle Belohnung - zuvor müssen nur zwei klitzekleine Hürden überwunden werden.

Da ist zunächst die nicht bei allen beliebte Form der Rahmenhandlung: Die dienstlich in Nantes weilende Pariserin Emilie (Julie Gayet) und der einheimische Geschäftsmann Gabriel (Michaël Cohen) lernen sich auf der Straße kennen. Sie fragt ihn nach einem Taxi-Stand, er fährt sie ins Hotel. Sie gehen essen, trinken Rotwein, reden - alles fein und très français.

Doch genau in dem Moment, da der Zuschauer sich auf das sympathische Duo einlässt, zieht Drehbuchautor und Regisseur Mouret eine zweite Ebene ein: Als Gabriel Emilie zum Abschied küssen will, wehrt sie ab - unter Hinweis auf ein fatales Kuss-Erlebnis, das einer Bekannten widerfahren sei und das sie nun erklärend, als Film im Film, vor ihrem Flirtpartner ausbreitet.

So ein Erzählkniff kann eitel sein oder - wie in diesem Fall - erotisierend wirken. Mit dem Auftritt des zweiten Protagonisten-Paars, das sich durch Emilies Erzählung in den Film schleicht, verdoppelt sich nämlich die romantische Spannung. Judith (Virginie Ledoyen) und Nicolas (Regisseur Mouret) sind sogenannte gute Freunde; sie unterhalten eine streng platonische Beziehung. Die Pariser Chemielaborantin ist glücklich mit einem Apotheker verheiratet; zum Philosophieren trifft sie den Mathelehrer Nicolas.

Bis ihr der frisch getrennte Pädagoge gesteht, ihm fehle es doch sehr an körperlicher Zuwendung. Tapsig, linkisch, tragikomisch berichtet er von seinem Versuch, bei einer Prostituierten Linderung zu finden - der scheiterte, weil dort das Küssen nicht erlaubt war. Nun bittet er seine Vertraute um Erste-Hilfe-Zärtlichkeit, nur ein einziges Mal, auf dass er auf andere Gedanken komme, und sie willigt ein.

Hier ergibt sich die zweite Hürde: In dieser Phase übertreibt es Mouret, der zu Recht als Stilverwandter Eric Rohmers und Woody Allens gilt, ein bisschen mit der Unbeholfenheit.

Wenn Judith und Nicolas sich einander wie Pubertierende unter Stammeln nähern ("Sag mir, was du magst" - "Ich mag das, was du magst" - "So ist es bei mir auch") und er vor jeder Berührung ihr Einverständnis einholt, veranschaulicht das zwar das Absurde, Kalkulierte der Konstellation.

Es ist aber zugleich so überzogen, dass die bis dahin durchaus gepflegte Glaubwürdigkeit leidet. Auch dieses Manko ist jedoch kein dauerhaftes: Bald nämlich entdecken die beiden, dass ihnen die kleine Sex- und Kuss-Kur gut gefällt.

Sie treffen sich wieder und wieder, zunächst unter dem Vorwand, sich selbst beweisen zu wollen, dass ihre Ekstase nur der Ausnahmesituation geschuldet war - und haben alsbald das Problem, dass Judith ihrem ahnungslosen Gatten nicht nur Seitensprünge, sondern das Ende ihrer Ehe beichten müsste.

Während die kusslos Flirtenden von Nantes beim Erzählen der Geschichte erst in eine Bar und dann in Emilies Hotelzimmer umziehen, weicht alle Unschuld aus dem Experiment zwischen Judith und Nicolas: Aus Slapstick-Sex wird die Auslotung aller Facetten des Verlangens.

Dass Mouret für sein musikalisch mit Schubert, Mozart und Tschaikowski unterlegtes Kammerspiel ein überzeugendes Finale samt überraschender Verbindung zwischen den Erzählebenen findet, zeichnet das Werk besonders aus.

Am Ende hat man ein sommerleichtes Lehrstück gesehen - und wurde sanft daran erinnert, dass ein Kuss mehr sein kann als ein flüchtiges Lippenbekenntnis.



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