Kinoromanze "Lulu und Jimi": Abrauschen in der Spießerhölle

Von Wolfgang Höbel

Ein ganz schöner Trip, das neue Oskar-Roehler-Werk. Und das in mehrfacher Hinsicht: Seine Romanze "Lulu und Jimi" ist ein Farbrausch, die Helden sind auf der Flucht, der Zuschauer kann delirieren und sich amüsieren zugleich. Ach, und kritisch ist der Film auch.

Schon beim ersten Hinsehen könnte man glauben, man habe Halluzinationen: Es gibt rosa Pudel in diesem Film und gelbgesichtige Nazi-Folterknechte, knallgrünes Gras und quietschrot glühende Liebesherzen.



Ganz Deutschland und die Menschen der fünfziger Jahre sind in "Lulu und Jimi", so scheint es, in einen riesigen psychedelischen Farbtopf gefallen, und allen bekommt das ganz gut. Sie sehen nicht bloß bunter, sondern (in den Körper- und Charakterkonturen) auch entschieden schärfer aus.

Und wenn sich die beiden Titelhelden - eine zauberschöne Fabrikantentochter aus Schweinfurt und ein schwarzer Autoscooter-Schubser - um den Hals fallen, dann tun die beiden Darsteller Jennifer Decker und Ray Fearon wie in Trance, als seien sie auf einem sehr merkwürdigen, aber auch sehr beglückenden Trip.

Das ist doch mal wieder typisch für einen rauschbesessenen Regisseur wie Oskar Roehler, der aus seiner (früheren) Begeisterung für Alkohol und alle möglichen anderen Drogen kaum ein Geheimnis macht, werden nun manche Kino-Schlaumeier sagen.

In Wahrheit aber wird der Einfluss von Drogen auf die Kunst des Oskar Roehler seit je brutal überschätzt. Mit dem Mann und seinen Filmen, darunter "Die Unberührbare" (2000), "Der alte Affe Angst" (2003) und "Agnes und seine Brüder" (2004), verhält es sich im Gegenteil wie mit dem tapferen, in früher Kindheit in den Zaubertrank gefallenen Gallier Obelix: Es bedarf keinerlei geheimnisvoller Substanzen, damit sie strahlen vor Kraft und Übermut und einer etwas irren Herrlichkeit.

Roehlers neuer Film ist eine bonbonbunte Fünfziger-Jahre-Romanze, ein Lollipop-Märchen aus der deutschen Provinz. Der schöne schwarze Mann Jimi, der zu einer durchreisenden Rummelplatztruppe gehört, hat es bald mit einem bonzigen Nebenbuhler (Bastian Pastewka) zu tun, der Lulu mit dem Segen ihrer Hexenmutter (Katrin Saß) heiraten soll.

Es kommt zu einer Rauferei mit bösem Ende; und bald sind Lulu und Jimi auf der Flucht vor der Polizei, einem diabolischen Psychiater (Hans Michael Rehberg) und einem glitzeräugigen Killer (Udo Kier), den Lulus Mutter auf das Liebespaar angesetzt hat. Im Bauch der süßen Heldin aber reift ein Baby.

Roehler drückt in "Lulu und Jimi" beherzt auf die Spaß- und Schmalz-Tube, zeigt zur passenden Fifties-Musik Petticoats, tolle Frisuren und coole Straßenschlitten. Er huldigt mit fast schon kindischer Leidenschaft dem Todd-Haynes-Film "Far From Heaven" und dem David-Lynch-Hammerwerk "Wild At Heart".

Berührend und mitreißend ist sein Film aber nicht wegen solcher Querverweise, sondern dank der deutschen Traumata und Roehlerschen Obsessionen, die in diesem Melodram einer Liebe auf der Flucht immer wieder jäh aufblitzen und das Zuschauerhirn beschäftigen, während die rasende Verfolgungs-Tour durch die deutsche Provinz ihren Lauf nimmt.

Es ist eine von Gespenstern der Nazizeit durchseuchte Wirtschaftswunderwelt, gegen die sich die Titelhelden auflehnen, ein Spießerzoo, in dem Lulus Rock'n'Roll-begeisterter Vater buchstäblich entmannt wird, um ihn zurückzuzwingen auf die Erfolgsspur der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Dieser von Ralf Zacher gespielte Rocker-Lebemann ist der einzig echt tragische Held dieses hübsch durchgeknallten Films, in dem für das Märchenpaar im Zentrum natürlich auch ganz am Schluss der Horizont voller Geigen hängt.

Roehler schenkt seinen Liebenden alles, was der Himmel erlaubt.

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"Lulu und Jimi": Sehr beglückender Trip