Kinorückblick 2010 Knilche, Henker, Sexarbeiter

5. Teil: "Bedways": Berlin, ick hör dir japsen!


Szene aus "Bedways": Im Bett sind alle Player
Independent Partners Film

Szene aus "Bedways": Im Bett sind alle Player

Das deutsche Feuilleton einigte sich dieses Jahr auf ein Hassthema: Berlin mit all seinen Spielplatzlobbyisten und Bionade-Spießern. Glaubt man den dazugehörigen Artikeln, interessiert sich der Mensch am Prenzlauer Berg generell für wenig anderes als die Einrichtung immer neuer Kinderwagenstellplätze und die Errichtung immer neuer Ökomärkte. Umso schöner der fast vollkommen unabhängig finanzierte Berliner Film "Bedways", in dem die Charaktere statt an der vorbildlichen biodynamischen Rundumversorgung ihrer Familien ganz egoistisch an der eigenen Sexualität rumwerkeln.

Ja, Sex ist Arbeit, und die hatte man ausgerechnet in Berlin zuletzt ein bisschen schleifen lassen. In RP Kahls Arthouse-Porno aber treiben es die Hauptstädter so ambitioniert, so leistungsbereit, so geisteswissenschaftlich fundiert, dass selbst der Libidologe Foucault, der hier in Zwischentafeln zu Wort kommt, seine Freude hätte. Vom Franzosen stammt auch das Zitat von der "Beute einer ungeheuren Neugier auf Sex", zu der die Figuren werden.

Statt sich den üblichen Rollenmustern zu fügen, versuchen die jungen Menschen hier nämlich in einer Art von cineastischem Selbstversuch, ihre sexuelle Identität zu erkunden: Eine junge Regisseurin probt mit zwei Darstellern für einen Film, in dem sich Spielhandlung und realer Beischlaf vermischen. Die Kamera ist immer dabei - und stört doch gar nicht. Im Gegenteil. Denn gibt es überhaupt so etwas wie eine ungesteuerte Lust, eine nichtinszenierte Erotik? Ob die Kamera nun aus ist oder an - im Bett sind doch alle Beteiligten erst einmal Player. So improvisieren und penetrieren sich die drei Figuren durch ein Hardcore-Drama in Hardcore-Bildern.

"Bedways" ist auf jeden Fall das gewagteste deutsche Filmexperiment und das aufregendste Hauptstadterlebnis 2010. The dark side of the Biomarkt: Berlin, ick hör dir japsen! Christian Buß

insgesamt 3 Beiträge
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Jemand03 28.12.2010
1. Meine Kinofavoriten 2010
Lourdes Mr. Nobody Toy Story 3 The Social Network Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt Carlos - Der Schakal (Langfassung) Liefen fast alle unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Selbst "Toy Story 3" war hierzulande meines Wissens nicht unbedingt der Überhammer, kommerziell gesehen. Dafür rennen alle in "Twilight" oder Sondermüll wie "The Blind Side" bekommt nen Oscar!
Foul Breitner 28.12.2010
2. Traurig
Carlos hätte mich interessiert und nun scheint er spurlos verschwunden zu sein. Ich habe A serious man und Whatever works gesehen. Die haben mir auch gut gefallen.
kim_t 30.12.2010
3. Bedways
Yep. Toller Film. Habe ich letztes Jahr auf der Berlinale in der Perspektive deutsches Kino gesehen. Berlin. Sex. Musik. Alles dabei, was ein guter intelligenter Film haben kann, muss, soll. Der wird weiterhin für Diskussion sorgen. Mein Tipp für 2011 ist "Unter dir die Stadt" mit meiner Lieblingsschauspielerin Nicolette Krebitz!
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