Kinoskandal "Geisha"-Stop in China

Japan empört, China entrüstet: Rob Marshalls "Die Geisha" hat einen Kulturskandal heraufbeschworen. Weil in dem Historiendrama chinesische Darstellerinnen auftreten, fürchtet man im Reich der Mitte einen Eklat - und lässt den Film gar nicht erst starten.


Das moderne, an den Verwertungsgesetzen der Medienindustrie geschulte Bewusstsein hatte kein Problem mit Rob Marshalls "Geisha"-Abenteuer. Die europäische Kritik nahm die Hollywood-Geschichte eines Mädchens, das im Japan der zwanziger Jahre zur berühmtesten Geisha des Landes aufsteigt, weitgehend als postmodernes Märchen, das mit der japanischen Kultur so sorgsam umgeht wie "Madame Butterfly".

"Geisha"-Star Zhang Ziyi: "Gesichtsverlust für alle Chinesen"
Warner Bros.

"Geisha"-Star Zhang Ziyi: "Gesichtsverlust für alle Chinesen"

In Japan und China jedoch hatte man für den Exotismus von Marshalls Romanze nach dem Erfolgsroman von Arthur Golden ("Memoires of a Geisha") kein Verständnis. Als der Film Anfang Dezember in Tokio seine Weltpremiere feierte, war in der dortigen Presse von einem "Skandal" die Rede; die von Steven Spielberg betreute Produktion strotze vor Klischees und Vorurteilen. Die Hoffnung, "Die Geisha" könne die Beziehungen zwischen China und seinem früheren Besatzer Japan lockern, erfüllte sich gerade nicht.

Auch die chinesischen Nachbarn sind entsetzt. Dass ihre berühmtesten Stars, die Chinesinnen Zhang Ziyi, Gong Li und Michelle Yeoh japanische Huren spielen, ist für sie indiskutabel. Zwar wird in den Dialogen mehrfach betont, Geishas seien keine Prostituierte, sondern hoch gebildete Künstlerinnen. Die Handlung aber verläuft anders, zumal Chiyo, die Hauptfigur, ihre Jungfräulichkeit meistbietend verkauft.

Das chinesische Filmbüro und die staatliche Verwaltung für Radio, Film und Fernsehen (SARFT) haben jetzt die Konsequenzen aus dem wachsenden Unmut gezogen: Marshalls Werk wird nicht in China anlaufen. Die Synchronisation wurde gestoppt, obwohl bereits eine große Werbekampagne gestartet worden war.

Einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa zufolge sprechen chinesische Zeitungen von einem "Gesichtsverlust für alle Chinesen" und erinnern daran, dass Japan tausende Chinesinnen während des Zweiten Weltkriegs als Sexsklavinnen hielt und japanische Soldaten beim Massaker von Najing zehntausende Chinesinnen vergewaltigten.

Auch dass Ministerpräsident Junichiro Koizumi regelmäßig zum Yasukini-Schrein pilgert, wo neben Kriegstoten auch verurteilten Kriegsverbrechern aus der Zeit von Chinas Besatzung gedacht wird, trägt nicht gerade zur Aussöhnung der beiden Länder bei. Mit der Besetzung von Chinesinnen als japanische Geishas verschärft der Film diesen Konflikt.

"Eine Chinesin kann keine Geisha spielen, es ist eine traditionelle Figur der japanischen Kultur", zitiert der Bericht den chinesischen Starregisseur Chen Kaige ("Lebewohl, meine Konkubine"). "Aber vielleicht war es dem Regisseur egal."

Tatsächlich ist die Besetzung befremdlich und anachronistisch; die Zeiten, da gelbe Haut und schmale Augen ausreichen, um jede asiatische Rolle zu besetzen, sind eigentlich vorbei. Das asiatische Kino in seinen verschiedenen Ausprägungen und Herkunftsländern hat sich in den letzten Jahren auch in Europa und Amerika etabliert. In der Folge hat sich die Wahrnehmung für physiognomische Unterschiede geschärft, "und eine Chinesin im Kimono wirkt so seltsam wie eine Japanerin im Mao-Anzug" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung").

Chinas Kinostar Maggie Cheung ("Hero", "2046") hatte das Angebot für eine "Geisha"-Rolle deshalb gar nicht erst angenommen: "Ich wollte nicht nach Hause kommen und die Leute sagen, ich hätte meine Kultur betrogen", schrieb die Zeitung "Chongqing Shibao".

dan/dpa



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