Kinospektakel "Tron: Legacy" Nerds im Wunderland

Visuell überwältigend und großartig entspannt: "Tron: Legacy" gelingt es, das Nerd-Erbe des 30 Jahre alten Filmklassikers zu bewahren und die Geschichte um Cyber-Kämpfer Kevin Flynn ins Heute zu übertragen. Der Soundtrack von Daft Punk veredelt das 3-D-Spektakel zum sehenswerten Kino-Trip.

Von

Disney

Wenn "Tron: Legacy" nach dem gelungenen US-Start auch international ein Erfolg wird, dann ist dies mehreren Faktoren geschuldet. Sicher gibt es eine gänzlich neue Generation von Kinobesuchern, die auf ein weiteres 3-D-Spektakel hofft, aber wenig mit dem fast 30 Jahre alten Ursprungsfilm anfangen kann. Doch ebenso wichtig ist jene Zuschauergruppe, die nostalgische Erinnerungen an das Original hegt. Denn zusammen mit dem neuen und alten Hauptdarsteller Jeff Bridges geht es in der Fortsetzung vor allem zurück in die Vergangenheit der Zukunft.

Um also den eigentümlichen Charme der "Tron"-Filme zu verstehen, muss man sich zunächst an die frühen achtziger Jahre erinnern: Als der erste Homecomputer-Boom aufkam, sorgten die neuen Geräte für Aufbruchstimmung in den Wohnstuben. Ob nun Atari, Sinclair, Commodore oder Macintosh, wer eine dieser Maschinen mit den verheißungsvollen Namen besaß, wähnte sich an der Spitze einer digitalen Revolution. Dass damals klobige Grafik, minimale Piepgeräusche und Rechenkapazitäten im untersten Bitbereich eine derartige Faszination ausüben konnten, ist heute nur noch schwer zu vermitteln, da jedes schnöde Mobiltelefon das Abertausendfache an Leistung bietet.

Aber gerade weil die Anwendungen zwangsläufig abstrakt blieben, beflügelte die unbekannte Welt aus Nullen und Einsen die Imagination. Wer Zugang zu ihr fand und die grauen Kisten gar mittels kryptischer Eingaben befehligen konnte, dem wurden außerordentliche Fähigkeiten attestiert. Es war die Zeit, als die Nerds in den Jugendzimmern erstmals Helden sein konnten. Und "Tron" war ihr Film.

1982 brachte Regisseur und Autor Steven Lisberger seine Vision eines elektronischen Paralleluniversums in die Kinos. Jeff Bridges gab darin den rebellischen Programmierer Kevin Flynn, der ein Komplott im IT-Konzern Encom aufdecken will. Bei seinen Recherchen wird Flynn ertappt und per Laser in den Encom-Mainframe transferiert. In den Weiten des Computersystems hat jede Software eine individuelle Gestalt und Persönlichkeit, entsprechend ihrer Programmierung. Hier muss der digitalisierte Nutzer Flynn gegen das böse Master Control Program antreten, welches die nette und anwenderfreundliche Datenpopulation unterdrückt. Flynn verbündet sich mit freiheitsliebenden Programmen, darunter der titelgebende Tron, und gemeinsam gelingt ihnen der Sturz des Regimes. Das System ist wieder für die Kommunikation zwischen Nutzern und ihren Programmen geöffnet. Flynn kehrt in die analoge Realität zurück.

Programmierte Popkultur

So konfus sich die Handlung über weite Strecken auch präsentierte, die im Grunde naive, aber überaus reizvolle Idee des Computerinneren als eigene Lebenswelt hatte eine erstaunliche Halbwertszeit. Zudem kreierten die Designer um Lisberger, darunter der französische Comic-Künstler Jean "Moebius" Giraud, einen distinktiven Look für "Tron": In der aus traditioneller Animation, Realfilm und damals bahnbrechender Computergrafik gestalteten Netzphantasie bevölkerten Wesen in neonleuchtenden Bodysuits eine Rasterlandschaft, lieferten sich Rennen in bunten Boliden und traten mit schillernden Frisbees - Pardon, ihren immens wichtigen Identitätsdisks - gegeneinander an.

Kommerziell ein moderater Hit, sollte Lisbergers Film erst später seine nachhaltige Wirkung entfalten. Filmemacher wie der Pixar-Pionier John Lasseter erkoren "Tron" zum Vorbild, und die wachsende Fangemeinde bescherte ihrem Kultfavoriten ein langes Leben.

Das Sequel von Regisseur Joseph Kosinski weiß um dieses angehäufte Popkultur-Kapital und modernisiert das stilbildende Design nur dezent. Der Plot greift ebenfalls die zentralen Motive des Originals auf, weshalb er sich auch ähnlich häufig verheddert.

Zumindest der Ansatz ist simpel: Nachdem er die Computerwelt befreit und Encom übernommen hat, verschwand Kevin Flynn im Jahr 1989 spurlos. 20 Jahre später stößt Flynns verwaister Sohn Sam (Garrett Hedlund) in der alten Videospielhalle seines Vaters auf ein verborgenes Terminal und wird prompt in die digitale Dimension entführt. Dort herrscht Clu, ein Programm mit dem Antlitz seines Vaters und dem fatalen Streben nach absoluter Perfektion: Was nicht der Norm entspricht, wird gelöscht. Auf der Flucht vor Clu bekommt Sam Unterstützung von Quorra (Olivia Wilde), einer eigensinnigen Software aus dem Untergrund. Sie bringt ihn zu Flynn senior (Bridges), der am Rande des Systems lebt, seitdem seine Schöpfung Clu die Macht übernommen hat. Als Clu den Sprung ins World Wide Web plant, um auch die analoge Welt seiner Logik zu unterwerfen, müssen die wiedervereinten Flynns gemeinsam versuchen, dem Despoten den Stecker rauszuziehen.

Ironischer Discotrip gegen "Matrix"-Puritanismus

Der Film selbst liefert hierzu noch etliche verschwurbelte Erläuterungen, die zwar herzlich wenig Sinn ergeben, aber immerhin nicht den Spaß schmälern. Denn "Tron: Legacy" ist ein sonderbares Vergnügen: Ein als Action-Spektakel getarnter, tatsächlich aber erstaunlich zurückgelehnter Trip durch ein artifizielles Wunderland. Passend zum beeindruckenden 3-D-Bilderbogen pluckert der Elektronik-Soundtrack des französischen Elektro-Duos Daft Punk, und so fehlt eigentlich nur noch die Discokugel im Kinosaal für das entspannte Clubgefühl.

Über all dem thront gelassen Jeff Bridges, der buchstäblich in den Computer geratene Star, denn dank digitaler Straffung seiner Gesichtszüge spielt er auch den jungen Kevin Flynn und Clu. Doch seine besten Momente hat er in naturbelassener Faltigkeit: Halb als Heiland, halb als Hippie befriedet er den Cyberspace mit einer sanft ironischen Selbstverständlichkeit, die wohl kein anderer Schauspieler mitbringt. Ohne in Schweiß zu geraten, liefert Bridges damit den sinnesfrohen Gegenentwurf zu Keanu Reeves' puritanischem "Matrix"-Messias; sein Kevin Flynn ist der Anti-Neo.

So treffen sich beide "Tron"-Filme im Ideal des uneigennützigen Users, der das Netz offen und frei für alle hält. Und die kindliche Vorstellung, dass übergriffige Datenhamsterer und machtvolle Informationsmaschinen von einem knorrigen Typen virtuell Bescheid gestoßen kriegen, ist heute reizvoller denn je.

Und mit Jeff Bridges, so die einfache Lektion, wird alles wieder neu und interessant. Sogar das Internet.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gunman, 25.01.2011
1. Fein ...
Zitat von sysopVisuell überwältigend und großartig*entspannt: "Tron: Legacy" gelingt es, das Nerd-Erbe*des 30 Jahre alten Filmklassikers*zu bewahren und die Geschichte um Cyber-Kämpfer Kevin Flynn ins Heute zu übertragen. Der Soundtrack von Daft Punk veredelt das 3-D-Spektakel zum sehenswerten Kino-Trip. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,741470,00.html
Fein, wenn das Remake taugt. Ich mag den Ursprungsfilm sehr. Begriffe wie "eigner Charme" treffen es. Guck ich mir also auch das Remake an.
erbseneintopf, 25.01.2011
2. mal abwarten
Zitat von sysopVisuell überwältigend und großartig*entspannt: "Tron: Legacy" gelingt es, das Nerd-Erbe*des 30 Jahre alten Filmklassikers*zu bewahren und die Geschichte um Cyber-Kämpfer Kevin Flynn ins Heute zu übertragen. Der Soundtrack von Daft Punk veredelt das 3-D-Spektakel zum sehenswerten Kino-Trip. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,741470,00.html
..lassen wir uns überraschen, der Originalfilm war auf jeden Fall klasse. Nur finde ich es etwas seltsam das den Drehbuchautoren nix eigenes Revolutionäres mehr einfällt und sie immmer mehr "Klassiker" neu drehen.. ....z.B bei predinct 13 ex "assault,anschlag bei nacht" ist zwar die neuverfilmung nicht schlecht es fehlt dem Film aber eben dieses etwas, das das Original ausgemacht hat..ebenso wie z.B. beim "Schakal" und und und...deswegen darf mann vom neuen Tron zurückhaltend gespannt sein..
Monark, 25.01.2011
3.
Zitat von gunmanFein, wenn das Remake taugt. Ich mag den Ursprungsfilm sehr. Begriffe wie "eigner Charme" treffen es. Guck ich mir also auch das Remake an.
Soll allerdings kein Remake sein, sondern eine Fortsetzung. Nachdem ich kürzlich nach 20 Jahren TRON noch einmal gesehen und mich dabei köstlich amüsiert habe, schaue ich mir "Tron: Legacy" auf jeden Fall auch an. Allein Jeff Bridges wird es schon wert sein.
archie, 25.01.2011
4. Antwort
Zitat von gunmanFein, wenn das Remake taugt. Ich mag den Ursprungsfilm sehr. Begriffe wie "eigner Charme" treffen es. Guck ich mir also auch das Remake an.
Der erste Tron war schon langweiliger völlig überbewerteter Mist, das dazugehörige Computerspiel ebenso und die hier gezeigten Bilder lassen für das Remake auch nur Schlimmes befürchten. Computer wie Mutti sich die vorstellt.
README.TXT 25.01.2011
5. Ich fand ihn einfach nur langweilig
Normalweise gehe ich auch aus Filmen die ich öde finde nicht vorzeitig raus, aber DER Film ist sowas von langweilig und doof. Katastrophal misslungen wie die meisten Fortsetzungen. Schade um das viele Geld das dort verbrannt wurde.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.