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Kinostar Amy Adams: Hollywoods aufregendste Spätzünderin

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Disney-Prinzessin, Ordensschwester, White-Trash-Girl: Man muss schon vielseitig sein, um all diese Charaktere perfekt zu verkörpern. Darstellerin Amy Adams meistert ihre Rollenwechsel mit Bravour - und würzt selbst eine laue Küchenkomödie mit Charme und Tiefgang.

Es gibt genau zwei Gründe, sich Nora Ephrons laue Küchenkomödie "Julie & Julia" anzusehen, und keiner davon hat etwas mit kulinarischen Köstlichkeiten zu tun. Denn nur die beiden Hauptdarstellerinnen sorgen hier für Genuss: Meryl Streep und Amy Adams füllen die Titelrollen mit Leben abseits der abgefilmten Speisekarte.

Basierend auf Julie Powells Bestseller "Julie & Julia: My Year of Cooking Dangerously" bebildert Ephron brav zwei zeitlich getrennte Lebensläufe, die sich in der gemeinsamen Leidenschaft für die französische Küche treffen: Streep gibt die unkonventionelle Diplomatengattin Julia Child, die Ende der vierziger Jahre in Paris auf den guten Geschmack kommt und später mit ihren Kochbüchern US-amerikanische Hausfrauen in die Geheimnisse der Haute Cuisine einweiht.

Ein halbes Jahrhundert später greift dann die junge New Yorkerin Julie Powell (Adams) in einer Sinnkrise zu Childs Standardwerk "Mastering the Art of French Cooking" und beschließt, binnen einen Jahres alle 524 Rezepte nachzukochen. Über ihre Erlebnisse zwischen Pfanne und Kasserolle berichtet sie in einem täglichen Blog, der zum Überraschungserfolg gerät. Womit denn auch eigentlich schon alles erzählt ist: "Julie & Julia" wertet das Heimchen am Herd zum emanzipatorischen Vorbild um, spart dabei nicht mit sentimentaler Soße, und am Ende findet natürlich jeder Topf seinen Deckel.

Dann kam "Junebug"

Dass Meryl Streep als quicklebendige Filmlegende noch aus den dürftigsten Zutaten etwas Brauchbares zaubern kann, ist nach 15 Oscar-Nominierungen, zahllosen Preisen und ganzen drei Jahrzehnten als Charakterdarstellerin im US-Kino wahrlich keine Neuigkeit.

So gilt die Aufmerksamkeit unweigerlich Amy Adams: Die 1974 in eine siebenköpfige Mormonenfamilie geborene Schauspielerin ist die derzeit aufregendste Spätzünderin Hollywoods. Nach Jahren im provinziellen Dinner-Theater, kaum beachteten TV-Engagements und einer einzigen, prägnanten Kleinstrolle in Steven Spielbergs "Catch Me If You Can" (2002) schien Adams' nicht vorhandene Karriere schon wieder vorbei zu sein.

Doch 2005 kam die Independentproduktion "Junebug", für die Regisseur Phil Morrison sie entgegen ihres tatsächlichen Alters in der Rolle der jungen Ashley Johnston besetzte. Mit intuitiver Selbstverständlichkeit spielt Amy Adams das hochschwangere Mädchen, dessen unvoreingenommene Weltsicht und genuine Wärme einer von verborgenen Konflikten geplagten Familie aus der Isolation helfen. Völlig zu Recht wurde "Junebug" ein Arthouse-Erfolg in den USA, während Amy Adams, die so lange unterhalb des Radars existierte, mit Anfang 30 für den Oscar nominiert wurde.

Vom Indie-Star zur Umsatzgarantin

Adams, die ihre rotblonden Haare für die Rolle in ein leuchtendes Signalfeuer umfärbte, nahm die markante Kopfpracht sowie die überbordende Herzlichkeit Ashleys gleich mit ins gänzlich anders gelagerte Märchenspektakel "Enchanted". In dem quietschbunten Disney-Musical purzelt sie als Prinzessin Giselle aus der zweidimensionalen Zeichentrickwelt des Konzerns in das heutige Manhattan. Dort fegt sie als überbordende Romantikerin allen Zynismus mit einem Lied auf den Lippen hinweg.

Mit "Enchanted" kam nicht nur eine Golden-Globe-Nominierung für Adams, die als legitime Erbin von Julie "Mary Poppins" Andrews gefeiert wurde, sie galt nun dank des kommerziellen Erfolgs als "bankable star", der die Kassen füllen kann: Mit nur zwei Filmen hat Adams scheinbar mühelos die Kluft zwischen Independentfilm und Großproduktion überwunden, eine Hürde, an der etliche ihrer Kollegen und Kolleginnen immer wieder scheitern.

Nebenbei schuf sie einen neuen Typus der grundoptimistischen Naiven, die bei aller Aufgekratztheit immer auch Intelligenz und dunklere Charakterfacetten durchscheinen lässt. Dass ihre exaltierten Frauenfiguren durchaus Abgründe in sich bergen, bewies Amy Adams bereits 2008. An der Seite von Frances McDormand gab sie in der frivolen Salonkomödie "Miss Pettigrew Lives for a Day" eine Künstlerin mit halbseidener Vergangenheit, die sich im London des Zweiten Weltkriegs in der dünkelhaften Oberschicht behaupten muss.

Lächeln und dann etwas Unerwartetes tun

Im selben Jahr trat sie in "Sunshine Cleaning" auf und gab die alleinerziehende Rose Lorkowski, die trotz etlicher Rückschläge ihre dysfunktionale Familie zusammenhält. Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ sie jedoch als junge Nonne in John Patrick Shanleys komplexem Kirchendrama "Doubt": Als anfangs unbeirrte Sister James oszilliert Adams zwischen profundem Gottvertrauen und quälendem Zweifel. Ihr zurückgenommenes Hadern bewegt dabei oft mehr als der Disput zwischen Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman, die als strikte Oberin und wankender Priester ihren Glaubenskampf austragen.

Dass Streep, Hoffman und Adams jeweils für den Oscar nominiert waren, aber keiner von ihnen gewann, ist da schon eher ganz diesseitigen Bedingungen geschuldet. Die Gefahr, sich wegen verpasster Trophäen zu grämen, besteht bei "Julie & Julia" hingegen kaum: Für Meryl Streep ist es nach "The Devil Wears Prada" und "Mamma Mia" ohnehin nur ein weiterer Ausflug ins muntere Chargieren, da sie niemandem mehr etwas beweisen muss.

Und Amy Adams, der Kritiker mal das traurige Strahlen Ingrid Bergmans, dann wieder die komödiantische Verve Jean Arthurs attestieren, kocht hoffentlich weiter ihr eigenes Süppchen. Vorausgesetzt, sie kann sich ihr Erfolgsrezept bewahren: voller vermeintlicher Vertrautheit zu lächeln, um dann etwas völlig Unerwartetes zu tun.

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