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Kinostar Christoph Waltz: "Ein Oscar ist wie ein Zaubertrank"

In "Inglourious Basterds" begeisterte er die Kinowelt: Jetzt hat Oscar-Gewinner Christoph Waltz mit "The Green Hornet" seinen ersten echten Hollywood-Film gedreht. Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen und verrät, warum es ihn nicht interessiert, ob seine Figuren gut oder böse sind.

Kino-und TV-Star Christoph Waltz: Österreicher mit Oscar Fotos
Sony Pictures

SPIEGEL ONLINE: Herr Waltz, haben Sie es sich als Schauspieler zur Aufgabe gemacht, als Bösewicht die eigentlichen Helden an die Wand zu spielen? So haben Sie es in "Inglourious Basterds" gemacht, und ähnlich läuft es jetzt im Superhelden-Spektakel "The Green Hornet".

Waltz: Diese Einschätzung lässt vermuten, dass Sie "The Green Hornet" insgesamt langweilig fanden. Könnten Sie das erklären?

SPIEGEL ONLINE: Von einem Arthouse-Regisseur wie Michel Gondry hätten wir einen originellen Film erwartet. "The Green Hornet" sieht aber aus wie jeder andere Superhelden-Film. Außerdem erinnert der zotige Humor an die Komödien von Judd Apatow, in denen Titelheld Seth Rogen sonst mitspielt. Was hat Sie dazu bewogen, bei so einer Mainstream-Produktion mitzuspielen?

Waltz: Zum einen war die Rolle des Gangsterbosses Chudnofksy noch nicht klar definiert, als sie mir angeboten wurde. Deshalb konnte ich meine eigenen Ideen anbringen, denen ab und zu stattgegeben wurde. Zum anderen fand ich es bemerkenswert, dass man ein Budget von 90 Millionen Dollar in die Hände von jemandem wie Michel Gondry legt und dann auch noch Seth Rogen als Action Hero besetzt. Rogen ist so eine überraschende Wahl, dass ich die Konstellation tatsächlich - und das ist ein Wort, das ich sonst nicht benutze - reizvoll fand. Bei der Produktion war wahnsinnig viel neu für mich.

SPIEGEL ONLINE: Was genau war denn anders?

Waltz: Eigentlich alles. Ich habe noch nie einen Film mit so einem Budget gemacht und außerdem noch nie einen ganzen großen Film in den USA gedreht.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Freiheit bei der Gestaltung Ihrer Rolle hatten Sie?

Waltz: Insgesamt war man da sehr flexibel. Jeder konnte Ideen anbringen. Das war dann aber auch mit der Erwartung verbunden, dass sich eine Idee schnell in der Praxis beweisen muss. Dieses ständige Ausprobieren war manchmal ein bisschen mühsam, weil Michel Gondry sehr viele Ideen hatte - genauso wie Seth Rogen und sein Co-Autor Evan Goldberg. Da kam schon was zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Sieht man sich die Flut an Superhelden-Filmen der vergangenen Jahre an, fällt auf, dass wenige Heldenfiguren - außer vielleicht Robert Downey Jr. als "Iron Man" - in Erinnerung geblieben sind. Ist das Superhelden-Genre auserzählt?

Waltz: Ich glaube, es liegt eher an der Anlage des Helden allgemein. Der Held bleibt nicht so in Erinnerung, weil er oft unsere Erwartungen erfüllt, indem er sich heldenhaft verhält. Der Widersacher hingegen stellt eine unerwartete Projektionsfläche dar. Wenn man sich mit ihm identifiziert, ist man überrascht und beeindruckt - und deshalb erinnert man sich länger an ihn. Der Held hingegen ist zur Routine in unserer Welt geworden.

SPIEGEL ONLINE: Das Fernsehen hat mit Figuren wie Don Draper aus "Mad Men" oder Walter White aus "Breaking Bad" sehr komplexe Helden hervorgebracht, die weltweit faszinieren. Sind TV-Produktionen die besseren Orte für Heldengeschichten?

Waltz: Auf jeden Fall! Allerdings gilt das nur fürs amerikanische Fernsehen. In Deutschland ist solche Komplexität nicht möglich. Fragen Sie mich nicht, warum.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Kinohelden langweilig geworden?

Waltz: Eigentlich ist es ja erst die Bewältigung einer persönlichen Krise, die jemanden zum Helden macht. Innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems werden einem Helden aber keine eigenen Krisen mehr zugestanden. Heute muss er die Krisen der anderen bewältigen. Da kommt ein Bösewicht mit einer Atombombe in der Tasche daher und gefährdet zweieinhalb Kontinente. Der Held wendet dann die Gefahr ab, ohne eine persönliche Schwierigkeit durchlebt haben zu müssen - das ist fürchterlich langweilig.

SPIEGEL ONLINE: Ist es deshalb für Sie interessanter, den Bösewicht zu spielen?

Waltz: Es ist eine meiner Lieblingsdiskussionen, was genau einen Bösewicht ausmacht. Viele wollen nur Gewissheit, wer der Gute und wer der Böse ist. Für mich als Schauspieler ist aber die Debatte das interessante. Ich schaue erst einmal, was die Figur macht - wo sie sich von anderen unterscheidet und weshalb ihr Verhalten vielleicht als böse angesehen werden kann. Eine Figur als Bösewicht zu kennzeichnen, ist vor allem ein Kürzel für die dramatische Konstruktion einer Figur. Als Anleitung, wie die Figur zu spielen ist, ist das Label aber irrelevant. Das erledigt einen Charakter auf der Stelle.

SPIEGEL ONLINE: Ihren SS-Offizier Hans Landa aus "Inglourious Basterds" könnte man auch als Helden verstehen - er muss Intrigen und Anschläge überstehen und zeigt sich dabei als die mit Abstand gewitzteste und gerissenste Figur des Films.

Waltz: Absolut! Landa ist ein gefallener Held, ähnlich wie Klingsor in Richard Wagners "Parzival". Klingsor hat in seinem Leben ungleich mehr auf die Beine gestellt als Parzival, der eher durchs Leben getapert ist. Trotzdem würden wir immer Parzival als den Helden der Geschichte identifizieren. Dabei hat Wagner für Klingsor sogar die eigentliche Heldenmusik geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Sagt es etwas über unsere Zeit aus, wenn Bösewichte wie zum Beispiel Ihr Hans Landa die Leute faszinieren?

Waltz: Nein, auch in Shakespeares "Othello" ist sein Widersacher Jago die bessere Rolle. Das sind einfach die differenzierteren Figuren, die anders energisiert sind.

SPIEGEL ONLINE: Sind das die Maßstäbe, nach denen Sie Ihre Rollen aussuchen?

Waltz: Ja, das ist ein Maßstab. Ein anderer Maßstab ist, dass ich solche Rollen öfter angeboten bekomme. Und nebenbei bemerkt: Sie sind nicht nur unterhaltsamer zu beobachten, sondern auch unterhaltsamer zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Achten Sie eigentlich darauf, nicht auf eine Rolle festgelegt zu werden? Dass es Gegengewichte zu Ihren Bösewichten gibt?

Waltz: Nein, die Frage, ob eine Figur gut oder böse ist, halte ich für mich als Schauspieler für hinderlich. Ich versuche, der Wertung eines Charakters soweit wie möglich fernzubleiben. Alles andere hätte desaströse Folgen.

SPIEGEL ONLINE: Bei einem Blockbuster wie "The Green Hornet" bleibt für solche Ambivalenzen nicht viel Raum.

Waltz: Nun, ich kann ja machen, was ich will. Wenn die im Schnitt das anders sehen...

SPIEGEL ONLINE: Genau das scheint bei diesem Film der Fall gewesen zu sein. Dafür, dass Sie der große Widersacher des Titelhelden sind, sind Sie nicht besonders häufig zu sehen. Wurde Ihre Rolle stark im Schnitt bearbeitet?

Waltz: Möglicherweise. Aber das muss nicht von Nachteil sein. Eine Figur zu beschneiden, kann - wenn es gut gemacht ist - auch bedeuten, sie auf das für die Geschichte notwendig zu konzentrieren.

SPIEGEL ONLINE: Werden Ihnen nach dem Oscar für "Inglourious Basterds" jetzt bessere Rollen angeboten - oder erhalten Sie einfach nur mehr Angebote?

Waltz: Beides. Der Oscar funktioniert wie ein Zaubertrank. Ich kann überall reingehen und sagen: Warum machen wir das nicht so? Das heißt nicht, dass es dann auch so gemacht wird, wie ich es vorgeschlagen habe - was auch gut so ist. Aber erstens stehen mir mehr Türen offen und zweitens hört man mir jetzt zu. Es ist toll.

Das Interview führte Hannah Pilarczyk

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1. ...
daniel79 12.01.2011
Ich fand den Film schon in der Vorschau langweilig bis peinlich. Aber Herr Waltz wird es schon schaffen, sich die Teilnahme an diesem Streifen schön zu reden. Immerhin hat er ja jetzt nen Oscar.
2. Auch im neuen Jahr gegen Titelzwang
Rockaxe 12.01.2011
interessante Einblicke in das System Hollywood, wenn man als "deutscher Exot" einen Oscar hat. Aber die Rolle des Schurken ist meiner Meinung nach immer interessanter als die des Helden. Der Held hat ein gewisses sterotypes Verhalten (an den Tag zu legen), während der Schurke von liebenswert bis gemeingefährlich die ganze Bandbreite ausloten kann. Schlimm ist nur wieder das bei Bildunterschrift 3 von einem Blockbuster gesprochen wird, obwohl der Film erst am 14.01.2011 in den USA anläuft. Hier war wohl mal wieder die Kristallkugel befragt worden. Dann wird "Green Lantern" wohl ein Mega-Blockbuster werden (USA Start 17.06.2011, für Deutschland zur Zeit noch kein Starttermin lt. IMDB.com). Rechere kann soooo einfach sein.
3. ...
Celegorm 12.01.2011
Zitat von daniel79Ich fand den Film schon in der Vorschau langweilig bis peinlich. Aber Herr Waltz wird es schon schaffen, sich die Teilnahme an diesem Streifen schön zu reden. Immerhin hat er ja jetzt nen Oscar.
Na was jetzt, hat der Film Ihr vorheriges Urteil in dem Fall bestätigt oder basieren Sie effektiv Ihre Einschätzung eines Filmes auf einem Trailer? Und kann ein Film überhaupt eine faire Chance bekommen wenn er nach dem Trailer schon als "peinlich" abgebügelt wird? Oscar oder nicht, dass sich Schauspieler und sonstige Beteiligte in der Promo-Arbeit nicht negativ über ihr Projekt äussern und alles "super" fanden ist ja eine allgemeingültige Banalität. Weshalb man solche Gespräche auch nicht sonderlich ernst nehmen muss. Aber klar, ist immer Schade wenn Darsteller in mittelmässigen Produktionen ihr Potential nicht nutzen. Andererseits darf man kaum ernsthaft erwarten, dass jemand, der bisher wohl nicht übermässig grosse Gagen kassierte, ein wenig leicht verdientes Hollywood-Geld ablehnen würde. Soviel (unnötigen) Idealismus möchte ich zuerst einmal sehen.
4. ...
daniel79 12.01.2011
Zitat von CelegormNa was jetzt, hat der Film Ihr vorheriges Urteil in dem Fall bestätigt oder basieren Sie effektiv Ihre Einschätzung eines Filmes auf einem Trailer? Und kann ein Film überhaupt eine faire Chance bekommen wenn er nach dem Trailer schon als "peinlich" abgebügelt wird? Oscar oder nicht, dass sich Schauspieler und sonstige Beteiligte in der Promo-Arbeit nicht negativ über ihr Projekt äussern und alles "super" fanden ist ja eine allgemeingültige Banalität. Weshalb man solche Gespräche auch nicht sonderlich ernst nehmen muss. Aber klar, ist immer Schade wenn Darsteller in mittelmässigen Produktionen ihr Potential nicht nutzen. Andererseits darf man kaum ernsthaft erwarten, dass jemand, der bisher wohl nicht übermässig grosse Gagen kassierte, ein wenig leicht verdientes Hollywood-Geld ablehnen würde. Soviel (unnötigen) Idealismus möchte ich zuerst einmal sehen.
Der Trailer ist dafür da, Interesse an dem Film zu wecken. Das hat er nicht geschafft. Die ausgewählten Szenen waren voll von schlechten Witzen und dem üblichen Geballer. Mag ja sein, dass der Film ganz toll ist, aber die Chance, dass ich ihn mir ansehe, ist nach der Vorschau deutlich gesunken. Und klar äußern sich Schauspieler nicht negativ über ihr eigenes Projekt. Aber ich darf dann auch äußern, dass das Schöngerede einem überdeutlich ins Ohr springt. Dafür sind wir ja hier.
5. Stimmt
bennysalomon, 12.01.2011
Zitat von Rockaxeinteressante Einblicke in das System Hollywood, wenn man als "deutscher Exot" einen Oscar hat. Aber die Rolle des Schurken ist meiner Meinung nach immer interessanter als die des Helden. Der Held hat ein gewisses sterotypes Verhalten (an den Tag zu legen), während der Schurke von liebenswert bis gemeingefährlich die ganze Bandbreite ausloten kann. Schlimm ist nur wieder das bei Bildunterschrift 3 von einem Blockbuster gesprochen wird, obwohl der Film erst am 14.01.2011 in den USA anläuft. Hier war wohl mal wieder die Kristallkugel befragt worden. Dann wird "Green Lantern" wohl ein Mega-Blockbuster werden (USA Start 17.06.2011, für Deutschland zur Zeit noch kein Starttermin lt. IMDB.com). Rechere kann soooo einfach sein.
Ja, der Film läuft morgen in Deutschland bundesweit an.
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