Kinostar Tyler Perry Man in Black

Sein Humor ist derb, seine Figuren wirken holzschnittartig, Kritiker werfen ihm unterschwelligen Rassismus vor: Trotzdem gilt der schwarze US-Filmmogul Tyler Perry als eines der bestgehüteten Geheimnisse Hollywoods - und produziert einen Kassenerfolg nach dem anderen.

Von Jonathan Fischer


Afroamerikanische Schauspieler wie Will Smith, Forest Whitaker oder Eddie Murphy sind für das Hollywood-Kino längst unverzichtbar. Wir haben uns daran gewöhnt, dass sowohl Polizisten wie Piraten, Präsidenten wie Penner schwarze Gesichter haben können. Doch wie steht es mit der Macht hinter den Kulissen? Wer kennt einen schwarzen Studio-Boss? Oder hat gar von Tyler Perry gehört?



Seine Filme heißen "Diary Of A Mad Black Woman", "Daddy's Little Girls" oder "Why Did I Get Married". Komödien, die Tyler Perry nicht nur selbst vermarktet, für die er sämtliche Drehbücher schreibt und Regie führt. Sondern bei denen er in der Regel auch die Hauptfigur - eine übergewichtige, zeternde und pistolenschwingende schwarze Großmutter namens Madea - spielt. Mit Erfolg: Inzwischen wird Perry vom Wirtschaftsmagazin "Forbes" als drittreichster afroamerikanischer Schauspieler geführt.

Geheimtipp für alle

Dennoch gehört der schwarze Medienmogul immer noch zu Hollywoods bestgehüteten Geheimnissen. Und das obwohl der 39-jährige Autodidakt letzten Oktober - mit Will Smith, Oprah Winfrey und Sidney Poitier als Ehrengästen - einen eigenen gewaltigen Studio-Komplex in Atlanta eröffnete. Über 25 Millionen DVDs seiner Filme hat er bereits verkauft; neben seinen Leinwandprojekten produziert er mehrere Shows, etwa die diesen Sommer anlaufende Sitcom "Meet The Browns".

Dass Tyler Perry vom weißen Establishment bisher kaum beachtet wurde, liegt nicht nur an seiner autarken Arbeitsweise, dem Verzicht auf Kritikervorschauen und konventionelle Werbung, sondern auch an dem Nischenmarkt, den er bedient. Während keiner seiner Filme bislang in einen europäischen Verleih kam, gilt Tyler Perry im schwarzen Amerika längst als Hausmarke. Denn er hat allein durch Mundpropaganda ein Publikum ins Kino gelockt, das die Lichtspielhäuser bisher eher mied: afroamerikanische Kirchgänger, Familien, Großmütter. Wer hatte vorher je schon Schlangen älterer schwarzer Damen vor einer Kinokasse anstehen sehen?

Sidney Poitier, der große alte Mann des afroamerikanischen Kinos, glaubt zu wissen, warum Perry so erfolgreich ist: "Er spricht ein Publikum an, das die Filmindustrie über Jahrzehnte ignoriert hat. Ein Publikum, das sich gerne selbst einmal im eigenen Image reflektiert sähe - als durchschnittliche, liebende, fehlerhafte Menschen."

Diese treue Fangemeinde verhalf auch Perrys aktuellem Film "Madea Goes To Jail" - gegen alle Unkenrufe der Experten - zum Blockbuster-Status: Schon am Eröffnungswochenende spielte die Komödie 41 Millionen US-Dollar ein. Eine Marge, die selbst so einige Hollywood-Größen in den Schatten stellt: "Der Name Tyler Perry", erklärte das Branchenmagazin "Media By Numbers", "bürgt für einen konstanten Erfolg wie sonst nur Harry Potter".

Das Blatt bezog sich dabei auf die sieben Filme, die dem Afroamerikaner in den letzten vier Jahren durchschnittliche Einnahmen von jeweils 45 Millionen Dollar bescherten - bei einem Kostenaufwand von weit unter zehn Millionen Dollar. Noch erstaunlicher sind diese Zahlen wenn man bedenkt, dass Perrys Filme ein zu 95 Prozent nichtweißes Publikum anspricht.

Kreativität, Klischees, Kommerz

Die Art, wie seine Filme schwarze Menschen porträtieren, ist bei Kritikern dennoch umstritten. Nicht ganz zu Unrecht bezeichnen sie Perrys Charaktere als grobschlächtig, seinen Humor als einfältig und seine Filmstoffe als melodramatische Beziehungskisten.

Schlimmer noch bezichtigen sie ihn eines unbewussten Rassismus: "Perry hat einige der alten Hollywood-Stereotypen aus den Zeiten der Rassentrennung wieder ausgegraben", behauptet Todd Boyd, Dozent für Popkultur an der University of Southern California, "Schwarze Menschen sind da oft einfältig und langsam. Nun reinterpretieren Perrys Filme diese Vorurteile für ein neues Zeitalter."

Doch mögen die "Madea"-Komödien auch noch so holzschnittartig gemacht sein - sie treffen offensichtlich ein breites Bedürfnis. Das Bedürfnis, schwarze Menschen in alltäglicher Interaktion zu sehen. Oder, wie Eugene Robinson in der "Washington Post" schreibt, das "Magic Negro"-Paradigma hinter sich zu lassen: Während sich in Hollywood schwarze Charaktere meist ausschließlich über ihr Verhältnis zur weißen Welt definieren, wird ihnen bei Perry zumindest keine moralische Funktion in Bezug auf die Mehrheitsgesellschaft aufgebürdet.

Perry hat sein Publikum von der Pike auf studiert: Seine Filme basieren auf Theaterstücken, mit denen der einstige Autohändler jahrelang durch afroamerikanische Kirchen und Gemeindehäuser tourte. Aufgewachsen in einem Armenviertel von New Orleans, vom Vater misshandelt, von der Mutter, um der Gewalt aus dem Weg zu gehen, regelmäßig in den Hafen der schwarzen Kirche geschleppt, sammelte Perry hier die Charakterstudien, aus denen er später seine Theater- und Leinwandfiguren konstruierte.

Einzelkämpfer, Massenmagnet

Letztlich führte ihn ein Ratschlag Oprah Winfreys auf seinen Weg: Es wirke kathartisch, die eigenen Gefühle niederzuschreiben, verkündete sie in ihrer Fernsehshow. Perry schrieb in der Folge Briefe an sich selbst, verarbeitete seine Wut über seinen Vater und die missglückte Jugend und machte daraus 1992 sein erstes Theaterstück: "I Know I've Been Changed". Dann baute er sich hartnäckig eine Gefolgschaft auf. Er schlief im Auto, um die Miete zu sparen, und tourte oft 350 Tage im Jahr durch die schwarzen Nachbarschaften von Newark über Cleveland bis Houston.

Als er 2002 die Idee hatte, seine Komödien auf die Leinwand zu bringen, ließen ihn die großen Studios abblitzen. "Schwarze Kirchgänger sind doch fürs Kino sowieso verloren", soll ihm ein Vertreter von Paramount Pictures frank und frei erklärt haben.

Perry setzte alles daran, diese Aussage zu widerlegen: Er baute die abschätzige Äußerung des weißen Studiobosses in seine landauf, landab ausverkauften Kirchen-Schauspiele ein. Mit vorhersehbarem Effekt: Das Publikum buhte empört und war mehr denn je angestachelt, sich Perrys Debüt "Diary Of A Mad Black Woman" im Kino anzusehen. Für viele war es das erste Mal, dass sie eines der verrufenen Lichtspiel-Etablissements betraten.

Und so wird wohl "Madea Goes To Jail" nicht der letzte Film bleiben, in dem Perry Kinogeschichte von unten schreibt. Großmutter Madea ist in Afroamerika längst zur Pop-Ikone aufgestiegen. Eine Naturgewalt, die auch durch planlos von Gag zu Gag holpernde Drehbücher nicht zu stoppen ist. Die alle Regieschwächen mit Herz und bodenständiger Lebensweisheit wettmacht.

Und wenn die "New York Times" Perry als "einen der wenigen genuinen Populisten im amerikanischen Filmgeschäft" bezeichnet, mag das zwar keine Oscar-Empfehlung sein. Der schwarze Filmemacher aber wird es als Kompliment nehmen. Schließlich zählen auch in Hollywood am Ende allein die Kassenzahlen.



insgesamt 2 Beiträge
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Hercules Rockefeller, 28.04.2009
1. Was soll das?
Den kennt hier doch keiner! Genau so könnte CNN ein Forum für Bully Herbig aufmachen, denn kennt in Amerika doch auch keine Socke.
Mona_Baudelaire 29.04.2009
2. Nicht immer von sich auf andere schließen
Tja, ich kenne zufällig Tyler Perry und hab fast alle seine Stücke gesehen, so ein Zufall aber auch. Es ist schon richtig, dass die Figuren für uns etwas "holzschnittartig" oder stereotyp herkommen. Dazu muss man etwas von der schwarzen Mentalität wissen und nachvollziehen können. Was wahrscheinlich ein Grund ist, dass Tyler Perry niemals in Deutschland bekannt werden wird, weil diese Kultur komplett anders ist als unsere. Perry gibt mit seinen Theaterstücken und Filmen eine "Message". Er möchte die "einfachen" Leute erreichen und ihnen damit sagen, dass die Familie und der Glaube an Gott das wichtigste sind. Das man alles schaffen kann, wenn man zusammen hält. Natürlich ist das für viele etwas zu platt, weil das für unsere Verhältnisse nicht so passt. Aber viele Schwarze sind eben wesentlich religiöser und was da gezeigt wird, ist auch das, was sie bewegt und um was sie kämpfen. Die Unterdrückung von Frauen, Arbeitslosigkeit, das Kämpfen um ein besseres Leben und so weiter und so fort. Er macht eben kein Kino für intellektuelle Weiße und das ist auch gut so. Und es hat überhaupt keinen Sinn, das auf deutsche Verhältnisse zu übertragen oder sich darüber lustig zu machen, dazu muss man erstmal wissen wo er herkommt und mit was für Problemen sich viele Afroamerikaner rumschlagen müssen. Der Grund, warum ich seine Stücke mag - sie sind auch superwitzig (wenn man den schwarzen Humor versteht und mag), außerdem können die Schauspieler sehr gut singen und Madea ist einfach der Hammer :-).
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