Tragikomödie "Song for Marion": Schlüpfriges im Altenchor

Von Kaspar Heinrich

Ascot Elite

Sie hat Krebs und singt gerne, er ist ein alter Griesgram: Vanessa Redgrave und Terence Stamp spielen ein Ehepaar, das der Krebs auseinanderreißt. Die Chor-Szenen sind sehr charmant - ansonsten arbeitet die Tragikomödie "Song for Marion" die Regeln des Genres zu eilfertig ab.

Im wahren Leben hätte man längst die Geduld verloren mit Arthur (Terence Stamp), diesem ewig grantelnden älteren Herrn. Der Missmut ist ihm faltenweise ins Gesicht gekerbt und sein Interesse daran, die schlechte Laune zu kaschieren, überschaubar. Mitmenschen sind für ihn ein nerviges Übel, am liebsten meidet er sie und zieht sich zum einsamen Rauchen zurück.

Aber wir sind nicht im wahren Leben, wir sitzen im Kinosessel, und vor uns auf der Leinwand plätschert die britische Tragikomödie "Song for Marion" dahin. Im Film, zumal im Herzschmerz-Fach, finden sich immer Menschen mit beneidenswerter Geduld, denen Arthur zehn Mal den Nerv rauben kann - und die ihn beim elften Mal noch immer sanftmütig anlächeln und mit einem Blick, der zu sagen scheint: "Ach, was für ein putzig griesgrämiger Alter." Eine solche geduldige Figur ist Lizzy (Gemma Arterton), Mitte zwanzig und dauervergnügte Leiterin einer Gesangsgruppe für alte Menschen. Vormittags unterrichtet sie Jugendliche in Musik, anschließend leitet sie im Gemeindehaus ehrenamtlich den Rentner-Chor, wo sie statt klassischen Liedguts lieber Schlüpfriges ("Let's talk about Sex") und Unangepasstes ("Ace of Spades") anstimmen lässt.

Fotostrecke

5  Bilder
Tragikomödie "Song for Marion": Grantelig versus dauervergnügt
In diesem Chor singt auch Arthurs Ehefrau Marion (Vanessa Redgrave). Sie ist im Sinne des "Odd Couple" ganz Gegenstück zu ihrem Mann: gesellig, beliebt und voller Lebensfreude. Gerne hätte man erfahren, wie diese beiden einst zusammenkamen und wie sie es im Alltag miteinander aushalten - doch darum soll es nicht gehen. Marion ist schwer krebskrank und musste bereits eine Chemotherapie über sich ergehen lassen. Nach einem Zusammenbruch bei der Chorprobe macht die Ärztin deutlich, dass ihr nur noch wenige Wochen zu leben bleiben.

Die Regeln des Genres werden eilfertig abgearbeitet

Diese Zeit will sie nutzen, um sich mit ihren "OAP'z" ("Old Age Pensioners", also"Rentnern"), für einen Gesangswettbewerb zu qualifizieren. Ihr Mann hält davon nichts, er würde seine geschwächte Frau lieber zu Hause pflegen. Als Marions Chor-Freunde eines Morgens vor ihrem Schlafzimmerfenster stehen und für sie singen, im Regen auch noch, hat Arthur nur Beleidigungen für die klangvolle Schar übrig und schlägt das Fenster zu. So wenig er mit anderen Menschen anfangen kann, so protektiv und zärtlich ist er im Umgang mit seiner Frau. Wenn sie eine Nacht im Krankenhaus verbringt und er alleine im heimischen Bett liegt, wandert seine Hand suchend auf die verlassene Hälfte hinüber.

Es geschieht noch so einiges in diesem Film, zumal nach Marions Tod: Ihr Witwer begreift allmählich, wie wichtig seiner Frau der Chor war und bittet selbst um Aufnahme. Dann schmeißt er wieder alles hin, kehrt doch zurück, bereitet sich am Ende gar auf ein Solo vor, den "Song for Marion". Kurz gesagt: Es entspinnt sich das ewig gleiche, vorhersehbare und übertriebene Hin und Her einer Tragikomödie, die die Regeln ihres Genres eilfertig abarbeitet. Da darf auch der Konflikt zwischen Arthur und seinem Sohn nicht fehlen; es geht um mangelnde Anerkennung, um nie ausgesprochenen Vaterstolz.

Dem Rentner schießt es beim Robotertanz ins Kreuz

Das alles wäre berührender, hätten die Figuren mehr Tiefe, wären sie facettenreicher und damit glaubwürdiger gezeichnet. Immerhin spielen das Ehepaar mit Vanessa Redgrave und Terence Stamp zwei, die schon in Cannes als beste Darsteller ausgezeichnet wurden, wenn auch in den fernen sechziger Jahren. Doch die Figuren bleiben Abziehbilder, sie erscheinen in ihrer Berechenbarkeit wie Charaktere aus einem Comicstrip.

Wie Marion und Arthur miteinander umgehen, nach Jahrzehnten des gemeinsam verbrachten Lebens, soll vermutlich kokett wirken. Es kommt aber eher kindsköpfig daher, wenn die Frau den Ehemann stundenlang anschweigt, um ihren Willen durchzusetzen. Ernst nimmt man Figuren, die die Sechzig überschritten haben, auf diese Weise jedenfalls nicht. Und guter Humor geht irgendwie auch anders.

Der Ton des Films bleibt betulich und bieder, der Gipfel an Abgründigkeit sind Anspielungen darauf, dass auch alte Menschen noch manchmal an Sex denken. Gemma Artertons Lizzy glaubt man sofort, dass sie keine Freunde in ihrem Alter hat, wie sie Arthur gegenüber bedauert. Denn sie ist derart gutgläubig, so kreuzbrav, dass man sich insgeheim voller Besorgnis fragt, ob ihr die Jugendlichen am Vormittag wohl übel zusetzen.

Besonders aber die Rentner bedienen schlimmste Kaffeefahrten-Klischees: Sie sind harmlos, weltfremd und ein bisschen blöde. Dass es einem von ihnen beim Roboter-Tanz ins Kreuz schießt und er mit dem Krankenwagen abtransportiert werden muss, ist einer der typischen, altbackenen Scherze von "Song for Marion" über die Generation Sechzig Plus.

Wenn der Chor singt, ist das nicht ohne Charme, zugegeben. Doch es verwirrt, dass weite Teile des Films mit weihnachtlich anmutender Musik unterlegt sind, einem Gemisch aus Klavier, Streichern und Glockenspiel - als hätte zufällig der Soundtrack von "Kevin - Allein zu Haus" im Schnittraum herumgelegen.

Regisseur und Drehbuchautor Paul Andrew Williams hat bisher Thriller und Horrorfilme gedreht - doch der naheliegende Scherz soll ausbleiben: Zum Gruseln ist sein jüngstes Werk nicht. Im Gegenteil: Ein paar Schauermomente hätten ihm ganz gut getan.


Song for Marion. Start: 14.3. Buch und Regie: Paul Andrew Williams. Mit Vanessa Redgrave, Terence Stamp, Gemma Arterton.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Unbedarfter Rezensent
Taurina 14.03.2013
---Zitat--- Das alles wäre berührender, hätten die Figuren mehr Tiefe, wären sie facettenreicher und damit glaubwürdiger gezeichnet. [...] Doch die Figuren bleiben Abziehbilder, sie erscheinen in ihrer Berechenbarkeit wie Charaktere aus einem Comicstrip. Wie Marion und Arthur miteinander umgehen, nach Jahrzehnten des gemeinsam verbrachten Lebens, soll vermutlich kokett wirken. Es kommt aber eher kindsköpfig daher, wenn die Frau den Ehemann stundenlang anschweigt, um ihren Willen durchzusetzen. Ernst nimmt man Figuren, die die Sechzig überschritten haben, auf diese Weise jedenfalls nicht. ---Zitatende--- Herr Heinrich scheint die Situation noch nicht von Nahem miterlebt zu haben, dass ein Partner eine Krankheit im finalen Stadium hat und dann stirbt und der andere sich um ihn kümmert. Sonst würde er sich hier nicht so von oben herab ihre Berechenbarkeit, Unglaubwürdigkeit und Kindsköpfigkeit mokieren. Ich habe den Film als Vorpremiere gesehen und fand die Figuren von Arthur und Marion, nachdem ich eine sehr ähnliche Situation bei meinen Eltern erlebt habe, ziemlich realistisch dargestellt. In solchen Extremsituationen verhalten sich Menschen nunmal oft anders als im "normalen" Leben. Es mag an der persönlichen Betroffenheit liegen, aber ich fand den Film auch weder seicht noch "dahinplätschernd" (wobei ich nicht in Abrede stellen möchte, dass man das so empfinden kann, wenn man ausreichend Distanz zum Thema Tod und Sterben einer nahestehenden Person hat), sondern er hat mich sehr mitgenommen, und das ging auch anderen aus der Gruppe so, die mit mir in dem Film waren und zufällig auch vor nicht allzu langer Zeit nahe Angehörige nach längerer Krankheit verloren hatten. Wer gerade um jemanden trauert und keine selbstquälerischen Tendenzen hat, tut sich vermutlich keinen Gefallen damit, diesen Film anzuschauen.
2. Toller Film - Zynischer, abgebrühter Kritiker bei Spiegel online.
goinfo 14.03.2013
SONG FOR MARION ist ein toller, witziger und vor allem bewegender Film. Was muß dieser Filmkritiker, ein Herr Heinrich, nur für ein abgebrühter, weltfremder und humorloser Mensch sein, um so bösartig über einen so schönen Film zu schreiben. Na ja, deutscher Filmkritiker eben... Wenn man ein Herz hat, und gut unterhalten werden möchte, kann ich den Film sehr empfehlen. Außerdem wunderbare Schauspieler. Man muß blind, oder eben bösartig sein, dies nicht zu sehen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
  • Zur Startseite
Video


Facebook