Im wahren Leben hätte man längst die Geduld verloren mit Arthur (Terence Stamp), diesem ewig grantelnden älteren Herrn. Der Missmut ist ihm faltenweise ins Gesicht gekerbt und sein Interesse daran, die schlechte Laune zu kaschieren, überschaubar. Mitmenschen sind für ihn ein nerviges Übel, am liebsten meidet er sie und zieht sich zum einsamen Rauchen zurück.
Aber wir sind nicht im wahren Leben, wir sitzen im Kinosessel, und vor uns auf der Leinwand plätschert die britische Tragikomödie "Song for Marion" dahin. Im Film, zumal im Herzschmerz-Fach, finden sich immer Menschen mit beneidenswerter Geduld, denen Arthur zehn Mal den Nerv rauben kann - und die ihn beim elften Mal noch immer sanftmütig anlächeln und mit einem Blick, der zu sagen scheint: "Ach, was für ein putzig griesgrämiger Alter." Eine solche geduldige Figur ist Lizzy (Gemma Arterton), Mitte zwanzig und dauervergnügte Leiterin einer Gesangsgruppe für alte Menschen. Vormittags unterrichtet sie Jugendliche in Musik, anschließend leitet sie im Gemeindehaus ehrenamtlich den Rentner-Chor, wo sie statt klassischen Liedguts lieber Schlüpfriges ("Let's talk about Sex") und Unangepasstes ("Ace of Spades") anstimmen lässt.
Die Regeln des Genres werden eilfertig abgearbeitet
Diese Zeit will sie nutzen, um sich mit ihren "OAP'z" ("Old Age Pensioners", also"Rentnern"), für einen Gesangswettbewerb zu qualifizieren. Ihr Mann hält davon nichts, er würde seine geschwächte Frau lieber zu Hause pflegen. Als Marions Chor-Freunde eines Morgens vor ihrem Schlafzimmerfenster stehen und für sie singen, im Regen auch noch, hat Arthur nur Beleidigungen für die klangvolle Schar übrig und schlägt das Fenster zu. So wenig er mit anderen Menschen anfangen kann, so protektiv und zärtlich ist er im Umgang mit seiner Frau. Wenn sie eine Nacht im Krankenhaus verbringt und er alleine im heimischen Bett liegt, wandert seine Hand suchend auf die verlassene Hälfte hinüber.
Es geschieht noch so einiges in diesem Film, zumal nach Marions Tod: Ihr Witwer begreift allmählich, wie wichtig seiner Frau der Chor war und bittet selbst um Aufnahme. Dann schmeißt er wieder alles hin, kehrt doch zurück, bereitet sich am Ende gar auf ein Solo vor, den "Song for Marion". Kurz gesagt: Es entspinnt sich das ewig gleiche, vorhersehbare und übertriebene Hin und Her einer Tragikomödie, die die Regeln ihres Genres eilfertig abarbeitet. Da darf auch der Konflikt zwischen Arthur und seinem Sohn nicht fehlen; es geht um mangelnde Anerkennung, um nie ausgesprochenen Vaterstolz.
Dem Rentner schießt es beim Robotertanz ins Kreuz
Das alles wäre berührender, hätten die Figuren mehr Tiefe, wären sie facettenreicher und damit glaubwürdiger gezeichnet. Immerhin spielen das Ehepaar mit Vanessa Redgrave und Terence Stamp zwei, die schon in Cannes als beste Darsteller ausgezeichnet wurden, wenn auch in den fernen sechziger Jahren. Doch die Figuren bleiben Abziehbilder, sie erscheinen in ihrer Berechenbarkeit wie Charaktere aus einem Comicstrip.
Wie Marion und Arthur miteinander umgehen, nach Jahrzehnten des gemeinsam verbrachten Lebens, soll vermutlich kokett wirken. Es kommt aber eher kindsköpfig daher, wenn die Frau den Ehemann stundenlang anschweigt, um ihren Willen durchzusetzen. Ernst nimmt man Figuren, die die Sechzig überschritten haben, auf diese Weise jedenfalls nicht. Und guter Humor geht irgendwie auch anders.
Der Ton des Films bleibt betulich und bieder, der Gipfel an Abgründigkeit sind Anspielungen darauf, dass auch alte Menschen noch manchmal an Sex denken. Gemma Artertons Lizzy glaubt man sofort, dass sie keine Freunde in ihrem Alter hat, wie sie Arthur gegenüber bedauert. Denn sie ist derart gutgläubig, so kreuzbrav, dass man sich insgeheim voller Besorgnis fragt, ob ihr die Jugendlichen am Vormittag wohl übel zusetzen.
Besonders aber die Rentner bedienen schlimmste Kaffeefahrten-Klischees: Sie sind harmlos, weltfremd und ein bisschen blöde. Dass es einem von ihnen beim Roboter-Tanz ins Kreuz schießt und er mit dem Krankenwagen abtransportiert werden muss, ist einer der typischen, altbackenen Scherze von "Song for Marion" über die Generation Sechzig Plus.
Wenn der Chor singt, ist das nicht ohne Charme, zugegeben. Doch es verwirrt, dass weite Teile des Films mit weihnachtlich anmutender Musik unterlegt sind, einem Gemisch aus Klavier, Streichern und Glockenspiel - als hätte zufällig der Soundtrack von "Kevin - Allein zu Haus" im Schnittraum herumgelegen.
Regisseur und Drehbuchautor Paul Andrew Williams hat bisher Thriller und Horrorfilme gedreht - doch der naheliegende Scherz soll ausbleiben: Zum Gruseln ist sein jüngstes Werk nicht. Im Gegenteil: Ein paar Schauermomente hätten ihm ganz gut getan.
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