Coming-of-Age-Komödie "Ganz weit hinten" Schweres, leichtes Leben

Angesichts eines Stiefvaters aus der Hölle sucht sich ein 14-Jähriger ein neues Vorbild - und findet es im örtlichen Bademeister. Nat Faxon und Jim Rash gelingt mit "Ganz weit hinten" ein erwachsener Film über das Erwachsenwerden, der nicht zufällig an "Little Miss Sunshine" erinnert.

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So wie viele 14-Jährige findet sich Duncan ohnehin schon ätzend genug, aber wenn da noch etwas Selbstbewusstsein übrig ist, dann hat es keine Chance gegen Trent. Auf einer Persönlichkeitsskala bis zu zehn Punkten erreiche Duncan nur drei, sagt ihm der neue Freund seiner Mutter ins Gesicht. Trent ist die Sorte Alphamännchen, die solche Kommentare für hilfreich hält, was Duncan fast so sehr deprimiert wie die Aussicht darauf, die Sommerferien mit Trent und seiner nur unwesentlich angenehmeren Tochter Steph zu verbringen.

Das Leben ein Spießrutenlauf, alle gegen einen, jeder Tag eine Aneinanderreihung von Demütigungen und Peinlichkeiten - fast jeder, der mal in der Pubertät war, kennt das Gefühl, und fast jeder erkennt dann viele Jahre später, dass es sooo schlimm damals vielleicht doch nicht war. Darauf mag auch Duncan (Liam James) hoffen. Doch die Regisseure Nat Faxon und Jim Rash machen es ihrem Helden in "Ganz weit hinten" wirklich ziemlich schwer. Ein Möchtegern-Stiefvater (Steve Carell) aus der Hölle, eine großkotzige Stiefschwester (Zoe Levin), ein komplett desinteressierter echter Vater (taucht nicht auf) und eine eigentlich liebevolle Mutter (Toni Collette), die aus Angst vor der Einsamkeit mit aller Entschlossenheit verdrängt, was für ein Arschloch sie sich da gerade als neuen Freund an Land gezogen hat.

Aber Duncan wird einen Verbündeten finden: Owen (Sam Rockwell), ein etwa 40-jähriger Verlierer, der es zu nicht viel mehr als zum Hilfsbademeister im Nachbarschaftsspaßbad gebracht hat und der trotzdem glücklich mit seinem Leben ist. Und als Owen bemerkt, wie unglücklich Duncan mit dem seinigen ist, beschließt er, den Jungen in der Kunst zu lehren, mit sich selbst zufrieden zu sein.

Vollgepumpt mit Leben

Bei vielen Zuschauern dürften erst mal die Alarmglocken angehen, wenn ein leicht abgewrackter, unverheirateter Typ mittleren Alters plötzlich offensiv die Nähe zu einem 14-jährigen Jungen sucht. Doch Owens Motive sind edel und rein (tatsächlich ist er in seine Co-Bademeisterin verknallt), und es ist eine der vielen kleinen Stärken von "Ganz weit hinten", dass dieser Film jeden Anflug von Zynismus meidet und fest an das Gute im Menschen und an ein gutes Ende glaubt. Das mag nicht sehr überzeugend sein, aber es ist sehr charmant. Und vor allem dank Allison Janneys umwerfendem Auftritt als überdrehte und leicht angeknackste Nachbarin Betty zwischendurch auch sehr, sehr lustig.

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Kinostart "Ganz weit hinten": Von Verlierern lernen

Nat Faxon und Jim Rash sind als Autoren von Alexander Paynes viel gefeiertem George-Clooney-Familiendrama "The Descendants" bekannt geworden und verpassen auch ihrem Regiedebüt dessen sommerliche Melancholie und vorsichtigen Witz. Ein Problem ist natürlich, dass der junge Duncan im Verhältnis zu George Clooney mit erheblich weniger Charisma auskommen muss - er tut den ganzen Film eigentlich nichts, außer sich selbst leidzutun und missmutig bis traurig in die Ferne zu schauen.

Dafür gibt der Rest des Ensembles alles, um diesen Film mit so viel Leben vollzupumpen, wie es nur geht: Steve Carell ("The 40 Year Old Virgin") - bislang bestimmt dafür, immer nur die nettesten und harmlosesten Männer zu spielen - gibt einen überzeugenden Unsympathen, der es ja eigentlich auch nur gut meint; Toni Collette ("Muriels Hochzeit"), hier als verunsicherte, aber liebenswerte Kämpferin, möchte man sowieso immer nur fest an sich drücken; und Sam Rockwell ("Moon") schafft es tatsächlich mit voller Überzeugung, einen ziemlichen Verlierer als Held der Stunde dastehen zu lassen.

Ein bisschen "Little Miss Sunshine" weht durch diesen Film, und nicht nur wegen der Anwesenheit von Collette und Carell: "Ganz weit hinten" erzählt mit aller Leichtigkeit davon, wie schwer das Leben sein kann und wie einfach, wenn man nur die richtigen Menschen um sich herum hat. Ein leiser, erwachsener Film über das Erwachsenwerden, manchmal banal, oft weise und immer unaufgeregt witzig. Ein Sommerfilm gegen kalte Winter.


Ganz weit hinten. Start: 5.12. Regie: Nat Faxon, Jim Rash. Mit Liam James, Sam Rockwell, Toni Collette, Steve Carell.



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spon-facebook-660138087 05.12.2013
1. Im Flugzeug gesehen
Zitat von sysop20th Century FoxAngesichts eines Stiefvaters aus der Hölle sucht sich ein 14-Jähriger ein neues Vorbild - und findet es im örtlichen Bademeister. Nat Faxon und Jim Rash gelingt mit "Ganz weit hinten" ein erwachsener Film über das Erwachsenwerden, der nicht zufällig an "Little Miss Sunshine" erinnert. http://www.spiegel.de/kultur/kino/kinostart-ganz-weit-hinten-mit-liam-james-sam-rockwell-toni-collette-a-937196.html
Ich hab den Film bereits im September auf Emirates ICE gesehen, mir hat er gefallen. Steve Carell ist hier sogar mal richtig unsympatisch als Stiefvater bzw. neuer Partner der Mutter und Sam Rockwell.. good as always. The Way Way Back lohnt sich auf jeden Fall!
berbatof 05.12.2013
2. Loser
Ich möchte an dieser Stelle mit der unglaublich witzigen Feststellung auffallen, daß positive Filmkritiken im Spiegel ja immer ein Hinweis auf einen schlechten Film sind. Gezeichnet: Loser
vk-stgt 05.12.2013
3. Toni Collette...
... ist eine meiner Lieblingsschauspielerinnen. Der Film hört sich lustig an. Werde ich mir auf jeden Fall ansehen.
seriousernst 05.12.2013
4. zu wenig Charisma?
Trotz der "Malen nach Zahlen" - Coming of Age Story ist "Ganz weit hinten" ein sehr schöner Film geworden. Und auch wenn ich den Artikel ein wenig zu wörtlich nehme, aber warum sollte bitte ein 14jähriger so charmant sein wie George Clooney? Ganz im Gegenteil: Ich begrüße einen Film, der einen jungen Außenseiter mal nicht als gutaussehenden Nerd mit charmanten Wortwitz portraitiert - ein Mythos, der ein bisschen zu oft propagiert wird - , sondern als verschüchterter, leicht nuschelnder (zumindest in der Originalversion) Junge mit gebeugter und krummer Körperhaltung. Gerade im Kontext dieses Films sehr viel überzeugender.
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