Von Ilse Henckel
Jede Verfilmung von Charles Dickens' berühmtem Bildungsroman "Große Erwartungen" hat das Problem, in relativ wenig Zeit eine ganze Menge Handlung abarbeiten zu müssen: Es ist ein nebliger Weihnachtsabend im Marschland von Kent, als der kleine Pip am Grab seiner Eltern von einem entflohenen Kettensträfling überwältigt und gezwungen wird, Proviant und eine Feile zu besorgen - höchst folgenschwer für den hilfsbereiten Waisenknaben, der bei seiner grantigen Schwester und deren Mann lebt, einem herzlichen Grobschmied.
Monate danach wird der Junge auf das Anwesen der exzentrischen Miss Havisham zitiert, als Spielkamerad für ihre Adoptivtochter Estella. Die exzentrische Dame im verwitterten Brautkleid richtet das Mädchen zur gefühlskalten Schönheit ab, denn wer Estella einst lieben wird, soll an gebrochenem Herzen leiden. Genau wie sie, die einst an ihrem Hochzeitstag sitzen gelassen wurde. Pip weiß nicht recht, wie ihm geschieht, er ist geblendet vom Abglanz einer herrschaftlichen Welt, und er verfällt der schroffen Estella sogleich und für immer. Pips Traum vom anderen Leben setzt ein.
Eines Tages aber ist die Herkunft seines Vermögens enträtselt, werden die unerhörten Geheimnisse der Personen um ihn herum entschleiert - und Pips Leben gerät ins Wanken.
Durchrauschender Bilderbogen
Harry-Potter-Regisseur Mike Newell hat die mehr psychoanalytisch als gesellschaftskritisch untermauerte Dickens-Vorlage von 1860 zum üppigen Ausstattungsdrama mit morbidem Tim-Burton-Touch, viel Musik und Starbesetzung komprimiert. Neben dem verhinderten Liebespaar Pip und Estella (leider ohne Strahlkraft: Jeremy Irvine und Holliday Grainger) balancieren Altstars wie Helena Bonham Carter, Ralph Fiennes, Robbie Coltrane routiniert durch das Handlungsgeflecht.
Doch trotz Abenteuer, trotz Werknähe, trotz herrlicher Bilder von der karg-schönen Küstenlandschaft Kents und von einem kunstvoll aufbereiteten Alt-London: Der Film findet nicht über die Darstellungsebene hinaus. Dem 128 Minuten lang durchrauschenden Bilderbogen fehlen die emotionale Tiefe, die feine Ironie und Reflektion des Romans, bei allem Aufwand wirkt er uninspiriert und so flach wie Pips heimatliches Marschland.
Ganz wunderbar hingegen ist es, dem Werdegang des Ich-Erzählers Pip in David Leans Adaption von 1946 nachzuspüren: Die "Geheimnisvolle Erbschaft" ist sinnfälliges, atmosphärisch dichtes Schwarzweißkino mit ausdrucksvollen Schauspielern, unter ihnen der strahlend junge Alec Guinness in seiner Debütrolle als Pips Freund Herbert Pocket. Hätte mal jemand Mike Newell sagen sollen.
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