Abenteuerfilm "Kon-Tiki": Der Papagei und der Walhai

Von Ilse Henckel

Abenteuerfilm "Kon-Tiki": Ein Floß wird kommen Fotos
DCM

Ein mitreißendes Wissenschafts- und Heldenepos: Ein Abenteurer driftet mit seiner Mini-Crew und einem Papagei auf dem Steinzeitfloß "Kon-Tiki" über den Südpazifik. Weil er an eine Idee glaubt. Die Geschichte des Thor Heyerdahl als Großspektakel.

Fatu Hiva, 1937: Ein blonder junger Mann sitzt in einem Auslegerkanu und fängt Fische. Seine schöne Frau paddelt ihn stramm durch die Südsee-Dünung und überlegt, wie denn einst urtümliche Entdecker gegen diese starke Strömung anschippern konnten und es von Asien bis hierher auf die Marquesas geschafft haben.

Womit der Spielfilm "Kon-Tiki" eine Lebensfrage des norwegischen Universalgelehrten und Abenteurers Thor Heyerdahl anreißt: Wie kamen die Polynesier nach Polynesien? Denn entgegen der gängigen Lehrmeinung war Heyerdahl schon in den dreißiger Jahren überzeugt, dass vor 1500 Jahren nicht die vermuteten Alt-Asiaten, sondern präkolumbische Peruaner aus Südamerika dort landeten - mit dem Wind und der Strömung reisend, nicht dagegen.

Eine fixe Idee, die ihn zehn Jahre nach seinem Kanu-Erlebnis zu jener legendären Floßfahrt inspirierte, deren Chronik in Buchform ein Millionenpublikum fesselte und als Dokumentarfilm 1951 einen Oscar gewann. Stoff für einen klassischen Abenteuerfilm, wie ihn die norwegischen Regisseure Joachim Rønning und Espen Sandberg nun in schönen Bildern und mit schönen Nordmännern inszeniert haben.

8000 Kilometer in 101 Tagen

Ihr Film konzentriert sich auf den radikalen Selbstversuch Thor Heyerdahls (Pål Sverre Hagen), der für den Nachweis seiner Hypothese viel riskiert: Frau und Kinder lässt er in Norwegen warten, deichselt die Finanzierung seines Projekts, findet eine Crew, baut in der peruanischen Hafenstadt Callao ein hoffentlich seetüchtiges Floß aus neun riesigen Balsastämmen, nennt es "Kon-Tiki" und bricht am 28. April 1947 auf: Ein wasserscheuer, sturer Naturforscher, fünf Gleichgesinnte, von denen nur einer etwas von der Seefahrt versteht, ein Papagei und ein paar Zentimeter Holz über dem Meeresspiegel müssen genügen, um mit Passat und Humboldtstrom in 101 Tagen 8000 Kilometer westwärts in Richtung Datumsgrenze zu segeln.

Weil aber die Urreise der "Kon-Tiki" bei allem Selbstzerstörungspotential und der strapaziösen Enge auf dem Steinzeit-Gefährt für einen Actionfilm offenbar zu harmlos erschien, sahen sich die Filmemacher genötigt, einiges an Action und Drama nachzuschieben - eine gewaltige Walhai-Begegnung etwa, verrottende Holzbohlen, schwindende Moral der Crew. Zu viel dramaturgische Freiheit, wie die Tochter des Bordingenieurs Hermann Watzinger nach Sichtung des Films monierte. Sie fand ihren Vater allzu negativ und nervenschwach dargestellt und wird nicht glücklich darüber sein, dass "Kon-Tiki" in diesem Jahr für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert wurde.

Gefilmt wurde weltweit, doch überwiegend vor und auf Malta mit seinen drei gigantischen Meeres-Simulations-Wassertanks für naturidentische Sturm- und Schiffsuntergangsszenen. Sämtliches Meeresgetier wurde im Computer erzeugt, so auch der Hai, der das Ende von Papagei Lorita bedeutet.

Ohne einzelne Personen oder Konflikte tiefer auszuleuchten, fasziniert "Kon-Tiki", nicht zuletzt dank umwerfender Kameraarbeit und makelloser Tricktechnik als packendes, emotionales Großspektakel um große Themen: um Ausgeliefertsein an Wind und Wellen, um Forschergeist, Courage, Zusammenhalt, Entschlossenheit. Und Glück.

Das brauchten auch die antiken Seefahrer, ganz gleich, woher sie stammten. Sie hatten weder Seekarten noch Sextanten, keine Funkgeräte. Und schon gar keine Ahnung, ob nun Polynesien vor ihnen lag oder der Rand der Welt.


"Kon-Tiki". Regie: Joachim Rønning und Espen Sandberg. Start: 21.3. Mit Pål Sverre Hagen, Anders Baasmo Christiansen.

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1.
fuzzi-vom-dienst 21.03.2013
Ich habe als Kind Kon-Tiki gesehen. Ich werde es mir nicht antun, jetzt einen "Sensationsfilm" anzuschauen. Der Papagei wurde z.B. von einer riesigen Welle über Bord gespült, das weiß ich noch. Alles nur Show, was da jetzt läuft! Blödsinn!
2.
thorkhan 21.03.2013
Wie kann ein planktonfressender Walhai die Todesursache für einen Papagei sein? Klingt nach obiger Formulierung reichlich gaga.
3. Lesenswerte Biografie
detlefjens 21.03.2013
Hier geht es zu einer sehr lesenswerten Heyerdahl-Biografie (erschienen im mare Verlag): http://www.literaturboot.de/2012/11/heyerdahl-auf-dem-floss-zum-forscherruhm/
4. Ich habe
blabliblupp 21.03.2013
als Kind die Heyerdahl Bücher begeistert gelesen und freue mich nun auf diesen Film
5. Alter Film
Butenkieler 21.03.2013
Man hätte den alten Film technisch überarbeiten sollen. Und gut ist. Aber nein, nichts ist so gut, das man es nicht noch verbessern könnte und damit noch einmal Geld scheffeln. Damit jeder, wirklich jeder Beteiligte ganz groß raus kommt. Nein, danke! Ich werde mir den neuen Film nicht antun.
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