Kinostart von "Metropolis" Schwulst der grandiosen Art

Die neu restaurierte Fassung von Fritz Langs Stummfilmklassiker "Metropolis" mit verschollen geglaubten Szenen wurde bei der letztjährigen Berlinale als Weltoffenbarung gefeiert. Das war übertrieben, dennoch sollte man sich das Spektakel im Kino nicht entgehen lassen.

DDP

Von Andreas Banaski


Parallel zur Berlinale-Welturaufführung am 12. Februar 2010 übertrug Arte die nahezu vollständig rekonstruierte Premierenfassung von 1927 auch frei Haus. Warum also im Kino jetzt noch Geld ausgeben? Sicher nicht wegen der Handlung. Das verquaste völkische Pathos und die expressionistische Symbolik im Drehbuch der damaligen Fritz-Lang-Ehefrau Thea von Harbou sind auch unter Berücksichtigung der historischen Umstände eine Zumutung. Das haben schon zeitgenössische Kritiker, darunter Zukunftsschriftsteller H. G. Wells, moniert - mag es auch hundertfünfzigprozentige Cineasten noch so provozieren.

Die Identifikationsfiguren stoßen ab: Grimassen und Gehampel des "Mittlers" Freder Fredersen (Gustav Fröhlich), einer selten trüben Tasse, die Kapital und Arbeit versöhnt, nerven. Und der Maschinenmensch-Vamp (Brigitte Helm) ist als Barrikaden- und Scheiterhaufen-Hedonistin viel sinnlicher und klassenkämpferischer als die holde blonde Jungfrau und Sozialpartnerschaftspredigerin, die als ihr menschliches Vorbild gar nicht leuchtet.

Es spricht für Fritz Lang, den Meister der Bildkomposition und Massenchoreografie, dass er diesen Schwulst trotzdem mitreißend inszenierte. Und wegen seiner famosen Bilder ist auch der Kinobesuch Pflicht. Denn wann kann man schon einmal einen Meilenstein der Filmgeschichte, sonst nur im Heimkino oder gelegentlich im Fernsehen zu erleben, auf großer Leinwand sehen? Eine Kino-Wiederaufführung hätte sich allerdings schon die bekannte, 2001 letztmalig überarbeitete Version verdient.

"Der Schmale" kommt groß raus

Gibt es denn nun wirklich Weltbewegendes neu zu entdecken? "Zwar bleibt die Handlung des Films in ihrem bekannten Rahmen, Handlungszusammenhänge verändern sich aber: sie werden harmonischer und verständlicher," schreibt die Murnau-Stiftung dazu auf ihrer Website. Inhalte der neu dazu montierten Szenen, die aus einer 2008 in Buenos Aires gefundenen Kopie stammen und durch eine deutlich schwächere Bildqualität leicht zu identifizieren sind, waren allerdings vorher schon durch Schrifttafeln ergänzt. Einige gekürzte Szenen im apokalyptischen Finale wurden wieder eingefügt, und die zusätzlichen Auftritte des großen Fritz Rasp, der zuvor als sinistrer Handlanger "Der Schmale" kaum mal zu sehen war, goutiert man natürlich ebenso dankbar.

Wesentliches hat sich aber nicht geändert. "Vom Inhalt her ist es keine Überraschung", meinte denn auch bereits 2008 der Filmhistoriker Enno Patalas, der sich die Restauration von " Metropolis" fast schon zur Lebensaufgabe gemacht hat. Rainer Rother, Direktor des Filmmuseums Berlin, "würde mal sagen, man muss auch nicht zu viel vom Wunder erwarten", aber "was wir haben, ist trotzdem nichts weniger als eine Sensation".

Der an akademischen Debatten weniger interessierte Filmfreund sollte sich einfach an einer visionären Ästhetik erfreuen, die entstanden ist unter Mitarbeit der größten Könner der Kameraführung, des Set Designs und der Spezialeffekte, und die stilbildend wurde für zahllose Science-Fiction-Filme.


Metropolis (restaurierte Fassung). Start: 12.5. Regie: Fritz Lang. Mit Gustav Fröhlich, Brigitte Helm, Alfred Abel



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Seite 1
cc_zero 12.05.2011
1. .
"Eine Kino-Wiederaufführung hätte sich allerdings schon die bekannte, 2001 letztmalig überarbeitete Version verdient." Diese Fassung wurde hier im Rahmen einer stadt- und uniweiten Langen Nacht der Wissenschaft im Kino gezeigt. Einschließlich musikalischer Untermalung durch einen Organisten(an einer elektronischen 'Orgel' natürlich). War ein schönes Erlebnis. :)
gummiball2 12.05.2011
2. Einen haben wir noch
Ich habe das Gefühl, dass jedes Jahr eine neue, restaurierte Fassung mit noch mehr Szenen die Welt erblickt. Das ist schon fast so wie bei den Starwars-Teilen. Irgendwann sollte mal Schluss sein.... Oder gibt es das Ding schon in 3D, HD und nachcoloriert? Na ja, 2012 kommt ja bald.
Joe Ghurt, 12.05.2011
3. Flop
Wahnsinn was man aus einem Flop noch alles machen kann. Wenn man sich den Film vorbehaltlos anguckt ohne zu berücksichtigen wie einflussreich die Stilelemente sind und so weiter, dann ist er einfach nur furchtbar langatmig und sterbenslangweilig. Kein Vergleich mit anderen Lang Filmen (etwa "M - Eine Stadt sucht einen Mörder") und man versteht sehr gut, warum der Film damals die UFA beinahe ruiniert hat. Bitte keine noch schwulstigeren und längeren Fassungen mehr!
zyrte 13.05.2011
4. Ignoranten
Zitat von Joe GhurtWahnsinn was man aus einem Flop noch alles machen kann. Wenn man sich den Film vorbehaltlos anguckt ohne zu berücksichtigen wie einflussreich die Stilelemente sind und so weiter, dann ist er einfach nur furchtbar langatmig und sterbenslangweilig. Kein Vergleich mit anderen Lang Filmen (etwa "M - Eine Stadt sucht einen Mörder") und man versteht sehr gut, warum der Film damals die UFA beinahe ruiniert hat. Bitte keine noch schwulstigeren und längeren Fassungen mehr!
Fritz Langs "Metropolis" ist und bleibt eine cineastische Sensation unabhängig davon was von einigen Ignoranten hier so geplappert wird.
Rockaxe 14.05.2011
5. Entweder
hat der Autor diesen Film nie richtig gesehen oder von der Filmkunst soviel Ahnung wie eine Kuh vom Eierlegen. Alleine schon der Satz: ---Zitat--- Die Identifikationsfiguren stoßen ab: Grimassen und Gehampel des "Mittlers" Freder Fredersen (Gustav Fröhlich), einer selten trüben Tasse, die Kapital und Arbeit versöhnt, nerven. Und der Maschinenmensch-Vamp (Brigitte Helm) ist als Barrikaden- und Scheiterhaufen-Hedonistin viel sinnlicher und klassenkämpferischer als die holde blonde Jungfrau und Sozialpartnerschaftspredigerin, die als ihr menschliches Vorbild gar nicht leuchtet. ---Zitatende--- Wenn ihm diese Gestik schon zuviel ist - anscheinend inklusive der hervoragenden Ausleuchtung - dann sollte er sich mal von Fritz Lang "Dr. Marbuse, der Spieler" ansehen. (auf DVD als Deluxe Editon bei Transit Film erschienen) Teil 1 - Der große Spieler, ein Bild der Zeit mit 155 min und Teil 2 - Inferno, Ein Spiel von Menschen unserer Zeit mit 115 min. Ebenfalls eine entsprechend restaurierte Fassung. Auch hier spielte bereits - wie später auch bei "Metropolis" Rudolf Klein-Rogge mit. In diesem Falle als Dr. Marbuse (wie auch in dem Film "Das Testament des Dr. Marbuse" von 1932). Daher stammt auch in der Fotoserie ein Fehler bei der Bildunterschrift von Bild Nr. 4 - dort ist nämlich Rudolf Klein-Rogge als C. A. Rotwang (der Erfinder der "Herz-Maschine" sowie unglücklich in "Hel" die spätere Frau von Joh Fredersen verliebt, die bei Freders Geburt starb) Dies ist ein Grund für den latenten Haß Joh Fredersen gegenüber. Aber um nicht zu sehr abzuschweifen, der Autor des Artikels hat anscheinend nicht bemerkt, dass es sich bei diesem Film um ein experessionistischen Film handelt. ---Zitat--- Gibt es denn nun wirklich Weltbewegendes neu zu entdecken? ---Zitatende--- Muss man denn unbedingt immer etwas neues oder weltbewegendes bei einem Film entdecken? Hauptsache ist doch das der Film denjenigen gefällt die ihn sich anschauen. Das dies nicht für Kritiker, Journalisten (oder die die es werden wollen?) gelten muss sollte dabei an und für sich klar sein. Deshalb sollte der Autor trotz allem "die Kirche im Dorf" lassen.
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