Fiese Kino-Kuscheltiere: Im Streichelzoo des Schreckens

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Er hat Kulleraugen, einen Killerinstinkt und eine Mega-Potenz: Der Held der neuen Kino-Zote "Ted" ist ein Plüschtier, das koitieren und nicht kuscheln will. Der triebstarke Teddy steht in einer langen Reihe von berühmten Kinderpuppen in Film und Fernsehen, die sich als echte Monster erweisen.

Kuscheltier-Klamotte "Ted": 30 Zentimeter pure Potenz Fotos
Universal Pictures/ Tippett Studio

Er soll gern knuddeln und gleichzeitig bestimmen, wo es lang geht. Er soll flauschig sein wie ein Kuscheltier, aber auch hart wie ein Macho. Wer Frauenzeitschriften studiert, der ahnt: Der perfekte Mann ist eine Illusion. Mit der Figur des Ted im gleichnamigen Komödien-Blockbuster wird sie nun aber wahr: Der zum Leben erweckte Teddybär in "Ted" hat süße Knopfaugen, ein putziges pelziges Bäuchlein - und einen monströsen Trieb, den er bereitwillig auslebt.

Damit ist er das Gegenteil seines menschlichen Freundes John (Mark Wahlberg), mit dem er seit Kindertagen eine unverbrüchliche Einheit bildet. Doch während John seine Partnerin auf den öden Empfang ihres Chefs begleitet, feiert Ted eine Party, auf der die Gäste auf Koks Ringelpiez mit Anfassen spielen. Und wenn John mal wieder linkisch seiner langjährigen Freundin einen Heiratsantrag macht, dann saut Ted gleich mit vier Huren die WG-Couch ein.

Ted, das sind 30 Zentimeter pure Potenz. Ein Knuddeltier mit Killerinstinkt. Jedoch ohne Genital, das hat sein Hersteller vergessen. Regisseur Seth MacFarlane ("Family Guy") stört dieser Umstand wenig: Er lässt den als Supermarktaushilfe arbeitenden Stoffel erst an der Kasse Porno-Posen aufführen, um ihn später im Lagerraum die Kollegin beglücken zu lassen. In den USA spielte die Plüschtier-Zote, die diese Woche in deutschen Kinos startet, allein am Startwochenende Anfang Juli sensationelle 54,1 Millionen Dollar ein.

Kaum anzunehmen allerdings, dass das Publikum aus Frauenzeitschriften-Leserinnen besteht, die in Ted die perfekte Mischung aus Kuscheltier und Testosteronbombe sehen. Vielmehr dürften die Zuschauer eher hormongeplagte Jungs sein, für die der Steiftier-Stenz eine Art Ventil für die eigene Verklemmtheit ist. Damit steht Ted in einer langen Reihe von Kinderpuppen, die sich stellvertretend für ihre Fans in Enthemmung üben - depressive, aggressive oder triebgesteuerte Kuschelmonster. (cbu)

Wenn das Possierliche pathologisch wird, wenn sich süße Knopfaugen zum Spiegel kranker Seelen wandeln, werden menschliche Abgründe überdeutlich. SPIEGEL ONLINE schaut genau dort hin: auf Chucky, die Mörderpuppe. Bis zu Gizmo von den Gremlins.

Der flauschige Faschist: Lots-O-Huggin aus "Toy Story 3"

"Toy Story"-Charakter Lotso: Stupsnase des Grauens Zur Großansicht
ddp images/Walt Disney Studios

"Toy Story"-Charakter Lotso: Stupsnase des Grauens

Rosa Zotteln, lustig rollende Knopfaugen und eine gigantische Stupsnase: Noch nie kam die Diktatur so niedlich daher. Und doch: Knuddelbär Lots-O-Huggin, genannt Lotso, errichtet im dritten Teil des Pixar-Dauerbrenners "Toy Story" (2010) einen prototypisch faschistischen Staat. Die ausgemusterten Spielfiguren um Cowboy Woody werden in einer großen Kiste in den Kindergarten Sunnyside verfrachtet, wo der Plüsch-Despot Lotso herrscht.

Ohne Mitleid führt der die Spielzeugcharaktere ihrer Endverwertung zu: In brutalen Schichten müssen sie Windelmonster bespaßen, egal, wie viele Körperteile ihnen auch von diesen ausgerissen werden. Wer überlebt und sich als unsolidarisches Charakterschwein beweist, steigt in dem gnadenlos hierarchischen System aus Ausbeutung und Überwachung auf. Mit zynischen Kulleraugen blickt Lotso auf den von ihm erschaffenen Apparat, der die Schwachen schwächt und die Starken stärkt. Das Bärchen als Fascho-Schwein. (cbu)

Die herrische Handpuppe: Mel Gibsons Biber

Mel Gibson und sein Biber: Wenn die Handpuppe das Kommando übernimmt Zur Großansicht
ddp images/ Concorde

Mel Gibson und sein Biber: Wenn die Handpuppe das Kommando übernimmt

Stellen Sie sich mal diesen Horror vor: schlaflose Nacht im schäbigen Motel. Die Gattin hat einen aus der Wohnung rausgeschmissen, die Wodka-Flasche auf dem Nachttisch ist dreiviertelleer - und mitten im Selbstmitleidsgewölk greift man zum Telefon und ruft SIE an. Darf man aber nicht. Weil an der anderen Hand eine fiese, flauschige Handpuppe steckt, die einem die eigene Faust ins Gesicht ballert. Und einen noch mit dem verlebten Cockney-Slang eines Ostlondoner Gangsters aus einem Guy-Ritchie-Film aufs Allerübelste beschimpft. Als hätte man sich selbst nicht schon genug zur Minna gemacht!

Die Szene ist nicht dem kranken Hirn des Autors dieses Textes entsprungen, sondern stammt aus Jodie Fosters Familiendrama "Der Biber" (2011), das sich mit dem kranken Hirn des scheiternden Ehemanns und Vaters Walter beschäftigt (und natürlich auch mit dem unter Alkoholeinfluss zu Rassismus und rabiatem Verhalten neigenden Hauptdarsteller Mel Gibson).

Nach einem missglückten Suizidversuch in besagtem Motel spaltet Walter den überlebenswilligen Teil seiner Persönlichkeit ab und transferiert ihn auf die zuvor im Müll gefundene Handpuppe, die fortan für ihn spricht. Seiner Familie erklärt er, die Puppe sei Teil einer Psychotherapie. Und tatsächlich geht es Walter besser, die Zustände normalisieren sich, der Biber wird zum Familienmitglied.

Das geht so lange gut, bis der Mensch mit all seinen dann doch unverzichtbaren Schwächen hinter dem Pelz-Feldwebel vollständig zu verschwinden scheint. Das anfängliche Schmunzeln über Gibson, sein filmisches Selbstgespräch und den zunächst noch possierlichen Biber ("Oy, Oi am tha Beava! And I'm here to save your goddam' loife!") gerät dem Zuschauer alsbald zur Schreckensmiene, wenn sich die Plüschkreatur in eine autoaggressive Waffe wandelt. Vorsicht mit Handpuppen! Wer weiß, ob sie nicht einfach das Kommando übernehmen. Blimey! (bor)

Die Fratze des Gutmenschen: Chucky, die Mörderpuppe

Chucky, die Mörderpuppe: Das Grauen aller Jugendschützer Zur Großansicht
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Chucky, die Mörderpuppe: Das Grauen aller Jugendschützer

Ach, diese blauen Augen! Die Puppe namens Good Guy macht ihrem Namen alle Ehre, so sehen Helden aus. Doch als eines Nachts ein Psychokiller auf der Flucht vor der Polizei in einen Spielzeugladen eindringt, springt dessen böses Ich auf die Kunststofffigur über. Fortan hackt, sticht und sägt sich das Ding mit bizarr verzerrtem Gesicht und manisch aufgerissenen Augen durch die amerikanische Provinz. Chucky, das ist die böse Fratze des Gutmenschen.

Auf "Chucky, die Mörderpuppe" aus dem Jahr 1988 folgten vier Fortsetzungen mit nicht minder expliziten Gewaltdarstellungen. Allen destruktiven Umtrieben zum Trotz gelang es dem Protagonisten einen kleinen Clan um sich aufzubauen - samt kranker Braut (die wunderbare Jennifer Tilly!) und kranker Brut. Die Jugendschützer konnte Chuckys pervertierter Familiensinn allerdings erst sehr spät überzeugen: Bis zum vergangenen Jahr stand der erste Teil der Killerpuppen-Saga in Deutschland noch auf dem Index. (cbu)

Der Erpel mit Riesen-Ego: Howard The Duck

Gefiederter Filmheld Howard the Duck: Im "Playduck"-Magazine auf Entenbrüste starren Zur Großansicht
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Gefiederter Filmheld Howard the Duck: Im "Playduck"-Magazine auf Entenbrüste starren

Zugegeben, im Gegensatz zur garstigen Comic-Vorlage ist die Leinwand-Version von "Howard the Duck" eine, Pardon, lahme Ente. Dennoch ist das Federvieh von einem fernen Planeten eine der furchterregendsten Tierfiguren der Kinogeschichte.

Enten gelten ja in der Cartoon-Historie als cholerische Charaktere. Man denke nur an Geizhals Dagobert und seinen nichtsnutzigen Neffen Donald. Nicht so Howard, die anthropomorphische Ente, die durch einen Zufall auf die Erde gerät und bei dem Versuch, nach Hause zu gelangen, etliche Abenteuer erlebt. Im Film sieht der Erpel aus wie ein zu groß geratenes Küken mit Kindchenschema-Glubschern. Dabei ist Howard ein erwachsenes Tier, das sich erregt die Entenbrüste im "Playduck"-Magazine ansieht und enthemmt gurrt, als sich seine (menschliche) Freundin Beverly (Lea Thompson) halbnackt auf dem Bett rekelt.

Zur Sodomie kommt es dann aber nicht, dafür schielte Universal damals zu sehr auf die kindliche Zielgruppe. Aber immerhin stellt Howard seine "Quack-Fu"-Fähigkeiten gegen einen "Dark Overlord" unter Beweis und tritt mit Bürzelwackler und Duck-Walk als Rock'n'Roller auf. Das wirkt so sexy und wild, als würde ein Meerschweinchen die Zähne fletschen. Und genau darin liegt der Terror der hässlichen Ente: Kuscheltiere kopulieren nicht, sie knuddeln.

Angst und Schrecken jagte Howard the Duck - übrigens unter anderem gespielt von Chucky-Darsteller Ed Gale - auch dem Studio ein. Der Film gilt bis heute als eines der größten künstlerischen und kommerziellen Desaster. Regisseur Willard Huyck drehte nie wieder einen Film. (bor)

Der manisch-depressive Büro-Bär: der Misery Bear der BBC

Misery Bear: Bär mit unstillbarer Sehnsucht Zur Großansicht
YouTube/ BBCComedy

Misery Bear: Bär mit unstillbarer Sehnsucht

Geburt, Arbeit, Tod: So kompakt wie der Misery Bear hat den tristen Dreisatz der Existenz noch keiner auf den Punkt gebracht. Kaum zweieinhalb Minuten lang sind die Filmchen, die die BBC mit ihrem flauschigen Antihelden seit 2009 auf ihre Webseite stellt. Und doch zeigen sie eindringlich, weshalb man angesichts des Nine-to-Five-Daseins in der britischen Dienstleistungsgesellschaft eigentlich nur zur Waffe greifen kann: Der Stapel der zu bearbeitenden Eingänge wächst, die Selbstachtung schrumpft, der einzige Freund des Pelzträgers heißt Jack Daniel's.

In dem beliebtesten Spot vom Misery Bear, der auf YouTube bereits weit über eine Million Mal geklickt wurde, sieht man den alkoholkranken und suizidgefährdeten Bären beim Büro-Alltag: Wie er gewalttätige Skizzen malt, aus Verzweiflung seinen Kopf auf den Kopierer legt und voller kranker Sehnsucht YouTube-Videos guckt, in denen echte wilde Bären miteinander raufen. Das zeigt in einem Bild, was der Misery Bear ist: ein manisch-depressiver Schatten seiner Spezies. (cbu)

Knuddelding mit Killerinstinkt: Gizmo von den Gremlins

Zum Gremlin mutierter Mogwai (in "Gremlins II"): Niemals nie nach Mitternacht füttern! Zur Großansicht
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Zum Gremlin mutierter Mogwai (in "Gremlins II"): Niemals nie nach Mitternacht füttern!

Steven Spielberg ist ja der große Pädagoge des Kinos. Drei Jahre nach E.T., in dem eine Gruppe Kids auf einen hilflosen Außerirdischen mit langen Fingern und großen Augen aufpassen musste, vertiefte er das Thema "Verantwortung für haustierähnliche Wesen" als Produzent. "Gremlins" hieß 1984 der von Joe Dante gedrehte Kinoerfolg, der mit allerlei Schockeffekten drei Regeln über den Umgang mit flauschigen Tierchen lehrte: 1. Setze sie niemals dem Sonnenlicht aus, das bringt sie um; 2. Lass sie niemals nass werden, sonst vermehren sie sich; 3. Niemals füttere sie nach Mitternacht!

Natürlich bezog sich die Litanei nur auf den niedlichen Mogwai Gizmo, den der ahnungslose Billy in Chinatown als exotisches Haustier erwirbt. Und ebenso natürlich werden alsbald alle drei Regeln auf turbulente Weise gebrochen. Das Chaos, was die von Kuschelbärchen zu Killern mit Reißzähnen mutierten Mogwais anrichten, sitzt noch heute jedem in den Knochen, der jemals "Gremlins" im Kino sah. Spielberg, mächtig, wie er ist, ließ damals wegen der allzu expliziten Gewaltszenen sogar die Jugendschutz-Regeln der zuständigen US-Organisation MPAA lockern.

Man erinnere sich nur an die Szene, in der sich Billys Mutter in ihrer Küche mit Messer, Mixer und Mikrowelle gegen die Biester zur Wehr setzt: Ein Splatter-Schocker ist nichts dagegen. Gizmo allerdings bleibt die ganze Zeit das hilflose, schützenswerte Knuddelding, was das Spektakel aber nur noch gruseliger macht. Denn durch das achtlos über ihm ausgekippte Glas Wasser gebiert er ja das lichtscheue Gremlin-Gesindel erst, das an den Grundfesten der bürgerlichen Ordnung rüttelt. Also, liebe Kinder, gebt fein Acht: Haustiere behandele man immer mit Bedacht! (bor)

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1.
Andr.e 30.07.2012
Zitat von sysopUniversal Pictures/ Tippett StudioEr hat Kulleraugen, einen Killerinstinkt und eine Mega-Potenz: Der Held der neuen Kino-Zote "Ted" ist ein Plüschtier, das koitieren und nicht kuscheln will. Der triebstarke Teddy steht in einer langen Reihe von berühmten Kinderpuppen in Film und Fernsehen, die sich als echte Monster erweisen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,844245,00.html
So ein pubertäres Geplänkel in eine Reihe mit Charakteren aus Toy Story oder Chucky zu stellen, fällt auch nur den Schreiberlingen aus der SPON-Kinderabteilung* ein. * = nicht despektierlich gegenüber Kindern
2.
Andr.e 30.07.2012
Zitat von sysopUniversal Pictures/ Tippett StudioEr hat Kulleraugen, einen Killerinstinkt und eine Mega-Potenz: Der Held der neuen Kino-Zote "Ted" ist ein Plüschtier, das koitieren und nicht kuscheln will. Der triebstarke Teddy steht in einer langen Reihe von berühmten Kinderpuppen in Film und Fernsehen, die sich als echte Monster erweisen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,844245,00.html
Nachtrag: Jetzt hab ich mir mal angeschaut, wer auf den Artikel losgelassen wurde - OK, nehme meinen vorherigen Beitrag zurück. Der Lebenslauf lässt drauf schließen: Sie können nicht anders.
3. Ted?
Markenfetischist 30.07.2012
Wilfred! Komisch das Verhalten der beiden gleicht ziemlich dem von Wilfred und Ryan. "Wilfred" (2011) (http://www.imdb.com/title/tt1703925/combined)
4. Da fehlt jemand ..
Gallandor 30.07.2012
in der Aufzählung: Mr. Fluffy aus "Auf Schlimmer und Ewig" .. ;)
5.
elroq 30.07.2012
Zitat: "Vielmehr dürften die Zuschauer eher hormongeplagte Jungs sein, für die der Steiftier-Stenz eine Art Ventil für die eigene Verklemmtheit ist." Spricht da jemand aus Erfahrung? Genau, denn man kann es auch übertreiben. Manche der Zuschauer - ob jung oder alt - wollen eventuell einfach nur ein wenig unkonventionellen Spaß haben, fernab des üblichen pc-kompatiblen Hollywood Klamauks. Oder - eine ganz gewagte Behauptung - es sind Fans von "Family Guy" - Macher MacFarlane, die seine Art des Humors schätzen. Deshalb gleich sexuelle Defizite zu vermuten, scheint mir doch sehr weit hergeholt.
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