Was für ein Gesicht: Nicht mehr ausgezehrt, wie damals, als Noomi Rapace die soziophobe Hackerin Lisbeth Salander in den schwedischen Stieg-Larsson-Verfilmungen spielte. Sondern glatt und klar, mit der guten Haut einer gelernten Kosmetikerin - wenn nur die dicken roten Narben nicht wären. Sie ziehen ein Muster über eine Gesichtshälfte von Beatrice, so als wohnten auch zwei Seelen in ihrem Körper, eine unbefleckte und eine zutiefst verletzte. Beatrice lächelt nicht gerne, das tut ihr weh.
Man kann die Metaphorik plump finden, mit der Niels Arden Oplev, der Regisseur der ersten Larsson-Adaption "Verblendung" mit Rapace, die weibliche Hauptfigur in "Dead Man Down" (Drehbuch: J.H. Wyman) zeichnet. Aber der französische Künstlername Rapace bedeutet nun einmal Raubvogel. Und was wären Rapaces Rollen ohne das Ambivalente, Lauernde, latent Bedrohliche, das sich in ihren harten Zügen versteckt?
Ihre Beatrice ist eine französische Einwanderin in zweiter Generation, doch Amerika wurde für sie zum Alptraum. Nach einem schweren Unfall ist sie entstellt, ihren Beruf kann und will sie nicht mehr ausüben, die Kinder auf der Straße misshandeln sie und nennen sie Monster. Mit ihrer Mutter - ein Part, für den die große Isabelle Huppert ein wenig verschenkt ist - lebt Beatrice auf einer Seite einer Straßenschlucht in einem graubraunen New York, einem Moloch aus Beton, Asphalt, zerstörten Träumen und Rachehunger.
Femme fatale gegen schwachen Mann?
Im anonymen Hochhausblock gegenüber wohnt Victor (Colin Farrell), dem Beatrice eines Tages zuwinkt. Die beiden verabreden sich zum Essen, aber man weiß längst, dass dieser Victor ein Gangster ist, denn zu Beginn des Films hat er in einer wilden Schießerei mitgeholfen, eine rivalisierende Bande nahezu auszulöschen. Doch auch der gebürtige Ungar trägt eine seltsame Traurigkeit mit sich herum.
Ein existenzialistisches Melodram womöglich, eine Reflexion über Schuld und Sühne. Vielleicht hatte Niels Arden Oplev, der mit "Dead Man Down" sein US-Kinodebüt gibt, auch eine Gangster- und Liebesgeschichte im Einwanderermilieu im Sinn? Ein Mob-Porträt, angelehnt an die großen Filme von Martin Scorsese? Oder einen Neo-Noir, in dem die femme fatale den schwachen Mann erst um den Finger wickelt, um ihn dann gnadenlos auszunutzen und ins Verderben zu stürzen?
Hysterie und Zerstörungswut
Nach dem Abendessen, das eine schweigsame Angelegenheit ist, lässt Beatrice sich jedenfalls zu dem Haus des Mannes fahren, der damals ihren Unfall verursacht hat. Victor soll ihn töten, er kann das doch, Beatrice hat gesehen, wie er einen Eindringling in seinem Apartment um die Ecke gebracht hat. Diese Wendung verleiht der Handlung plötzlich Tempo, sie erfrischt, gerade weil sie so abrupt jeden zarten Hauch von Romanze, der sich eingestellt haben mag, mit eisigem Wind davonweht.
Doch dann verlässt Niels Arden Oplev nach und nach der Einfallsreichtum. Dass Victor einen eigenen Plan verfolgt, der mit seiner ebenso traurigen Vergangenheit zusammenhängt, ist schnell klar, entfaltet sich vor dem Zuschauer aber in unnötiger Behutsamkeit. Der Showdown ist umgekehrt von einer Hysterie und Zerstörungswut, dass er in der sorgsam gesetzten Atmosphäre des Films beinahe unfreiwillig lächerlich wirkt. Und so richtig überrascht einen, je weiter das Unvermeidliche voranschreitet, auch keine Zwirbelung der Handlung mehr.
In "Dead Man Down" stecken also viele bessere Filme, ein schlüssiges Ganzes hat Niels Arden Oplev aber nicht hinbekommen. Dafür gibt es großartig inszenierte Einzelmomente der Stille und Bedrohlichkeit zu sehen - etwa zwischen Victor und Terrence Howards Gangsterboss Alphonse, die in einer leeren dunklen Büroetage vor einer Glasfensterfront in scheinbarer Seelenruhe ein Fast-Food-Häppchen futtern, während man sich fragt, ob dies nun Victors Henkersmahlzeit sein wird.
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