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Kinotrip "Enter the Void": Volle Dröhnung in der Daseinslücke

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Einfach treiben lassen: In seinem verstörenden Film "Enter the Void" lässt der französische Extremregisseur Gaspar Noé eine sterbende Seele über Tokios Neonlichtern und einem tragischen Geschwisterschicksal kreisen. Ein alptraumhafter, visuell faszinierender Drogentrip.

"Enter the Void": Mut zum Rausch Fotos
Capelight Pictures

Im Kino des französischen Regisseurs Gaspar Noé gibt es keine Regeln, also ist es nur folgerichtig, dass der Zuschauer in "Enter the Void" die meiste Zeit haltlos über die nächtliche, neonfarben illuminierte Metropole Tokio schwebt. Die Hauptfigur des Films, durch dessen Augen man blickt, ist längst tot, erschossen im Klo eines schäbigen Nachtclubs. Aber die Seele des jungen Drogendealers Oscar findet keine Ruhe, sie levitiert erst über seiner Leiche und irrt dann über der Stadt umher, sucht nach Erlösung und findet doch nur unerfüllte Sehnsüchte und erschütternde Erinnerungen.

Zu Beginn des dritten Spielfilms des in Argentinien geborenen Noé sieht man Oscar (Nathaniel Brown) in seinem Apartment, wie er sich eine Crackpfeife, geladen mit der Droge DMT, anzündet und minutenlang auf einen psychedelischen Trip aus Farben und ineinander mäandernden Formen abdriftet, der wie eine alptraumhafte Version des letzten Akts von "2001 - Odyssee im Weltraum" wirkt. Kubricks Selbsterfahrungstrip im All, der mit Walzerklängen und visueller Wucht vom Zusammenhang zwischen Leben, Tod und Zeit und der Nichtigkeit des Menschen erzählt - bei Noé wird er zurück auf die Erde geholt. Genauer gesagt in die Gosse der wohl künstlichsten, aufs Wesentliche des Kapitalismus-Zeitalters reduzierten Großstadt, die es gibt, in die Schatten der pulsierenden Neonschilder, auf denen meterhohe Schlagworte blinken: "Sex", "Money", "Power". Dort fristen prekarisierte Existenzen wie Oscar und seine jüngere Schwester Linda (Paz De La Huerta), die als Stripperin arbeitet, ein zielloses Dasein.

Extremist des neuen französischen Kinos

Ein Trip also, eine Visualisierung der halluzinogenen Wirkung einer südamerikanischen Droge namens Ayahuasca, das war es, was Noé mit "Enter the Void" umsetzen wollte, wie er in zahlreichen Interviews erklärte. Herausgekommen ist eine gleichermaßen verstörende wie faszinierende Kinoerfahrung, die einen trotz greller, manchmal allzu plakativer Bilder und irritierend assoziativer Erzählführung in ihren Bann zu schlagen vermag; vielleicht einfach deshalb, weil sich seit langer Zeit niemand mehr getraut hat, so radikal mit Bildern, Eindrücken, Zeichen und Zumutungen umzugehen.

Seinen Ruf als Extremist des neuen französischen Kinos begründete Noé vor acht Jahren mit seinem zweiten Film "Irréversible", einer brachial-brutalen, rasant rückwärts erzählten Rache-Phantasie, in deren Zentrum eine knapp zehnminütige, mit regloser Kamera beobachtete Vergewaltigungsszene in einer U-Bahn-Unterführung stand. Der Film wurde zum Skandal, und Noé handelte sich den Ruf ein, ein Menschenhasser zu sein, der seine Figuren verachtet und seinen Nihilismus mit einem groben Moral-Raster aus Rache-, Schuld- und Katharsis-Motiven übertüncht. Dazu mag man stehen, wie man will: Ethisch angreifbar ist das, was "Irréversible" und nun auch "Enter the Void" an Menschen- und Gesellschaftsbildern transportiert, allemal. Ästhetisch jedoch kommt es seinen Vorbildern, Kubrick, Godard, Lynch, ziemlich nahe, wenn Noé sie nicht in manchen Momenten sogar überflügelt.

Vom Rectum in die totale Leere

Die Leere des Daseins, der Abgrund der menschlichen Existenz, die sinnlose Suche nach dem Sinn sind seine Grundthemen. Seine Charaktere, ob der im Koksrausch agierende Marcus in "Irréversible" oder Oscar in "Enter the Void", versuchen diese Leerstelle mit chemischen Mitteln zu füllen - und gleiten dabei nur noch tiefer in einen Strudel unkontrollierbarer Ereignisse hinab. Sie sind zwar am Leben, aber in Wahrheit haben sie längst aufgegeben, Menschen zu sein. Ihnen ist etwas elementar Humanes abhandengekommen, sie sind, salopp gesagt, im Arsch. Folgerichtig hieß der Nachtclub, in dem sich der finale Gewaltakt von "Irréversible" entlädt, Le Rectum. Und auch in Noés neuem Film spielt sich eine zentrale Szene in einem Club ab, er heißt The Void, das bezeichnet im Englischen so viel wie eine klaffende Lücke, wenn nicht gar totale Leere. Dort wird Oscar, der Dealer, von einem rachsüchtigen Freund in eine Razzia gelockt und auf der Toilette von der Polizei erschossen, als er hektisch versucht, die Drogen herunterzuspülen.

Man muss das blutüberströmte Zusammensacken des Körpers in der siffigen Latrine gleich mehrmals ertragen, weil Oscars Seele im Verlauf ihres langsamen Hinübergleitens ins Jenseits oft zu diesem Erlebnis zurückkehrt, ungläubig und schockiert, als wollte sie fragen: Wie, das war's jetzt? Das kann doch nicht sein! Die Kamera löst sich aus der Perspektive Oscars, gleitet hinauf an die Decke der Kabine, hält kurz inne, betrachtet den zurückgelassenen Körper, verfängt sich im diffusen Licht der Deckenlampe, das minutenlang pulsierend und wabernd die Leinwand füllt wie eine schmuddelige Version jenes gleißenden Lichts, von dem Menschen nach Nahtod-Erfahrungen berichten. Dann wird die Sichtweise wieder subjektiv, und man saust mit Oscars Seele über die Dächer Tokios, auf der Suche nach Linda.

Kein Sinn, keine Katharsis

Mit seiner Schwester verbindet Oscar ein besonders inniges Verhältnis, seit beide als kleine Kinder auf dem Rücksitz miterleben mussten, wie ihre Eltern bei einem Frontalzusammenstoß mit einem Lastwagen ums Leben kamen. Der grausame Unfall ereignet sich, wie die ähnlich traumatisierende Vergewaltigung in "Irréversible", in einem Tunnel - Oscars und Lindas Leben werden nachhaltig aus der Bahn geworfen. Die Kinder schließen einen Pakt, sich gegenseitig niemals allein zu lassen. Dennoch werden sie getrennt, als sie zu unterschiedlichen Pflegefamilien geschickt werden. Um sein Versprechen doch noch einzulösen, lockt Oscar seine Schwester mit dem Geld aus seinen Drogendeals nach Tokio, wo sie alsbald ins Rotlichtmilieu abgleitet. Während Oscar sein Trauma durch eine drogeninduzierte Flucht nach Innen bewältigen will, sucht Linda ihr Heil im Exhibitionismus. Hilflos sind sie beide.

Noé deutet nicht nur an, dass das Verhältnis der Geschwister nicht ganz keusch ist, er stößt den Zuschauer geradezu mit der Nase darauf, als er Oscars Seele voyeuristisch beim Sex mit dem Besitzer des Stripclubs, in dem sie auftritt, zuschauen lässt. Erst danach erfährt sie vom Tod ihres Bruders, durch Oscars Freund Alex (Cyril Roy), der am Ende des Films zum Bindeglied wird, das die Geschwister wieder vereint. In einem surrealen letzten Akt erlebt Oscar seine eigene Wiedergeburt, als Linda von jenem Freund im Liebesakt befruchtet wird.

Die wiederum an Kubricks Odyssee gelehnte Sequenz, in der das Spermium die Eizelle erreicht, die Zellwand durchdringt und einen Embryo erzeugt, in den Oscars Geist Einzug hält, wurde im Mai vergangenen Jahres beim Filmfestival in Cannes teils hysterisch verlacht, teils mit Buhrufen quittiert. Und tatsächlich ist das verheißungsvolle helle Glühen, das Noé auf die Unterleibe der kopulierenden Körper projiziert, ein lächerlich naives Bild für den Akt der Empfängnis, das trotz aller Wärme, die es ausstrahlt, nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass der Blick des Regisseurs auch hier zynisch und kalt bleibt: Die Liebe zwischen Oscar und Linda, hier zerfällt sie in eine Inzest-Phantasie und die Reduktion des menschlichen Körpers auf die motorische Lustbefriedigung einer Reproduktionsökonomie.

Wieder kein Sinn, keine Katharsis, noch nicht einmal eine Moral, kein Halt, nirgends. Man muss sich trauen, in diese schreckliche, grellbunt inszenierte Leere Gaspar Noés vorzustoßen, die mit atemberaubenden Kameraflügen und -Perspektiven Leben vorgaukelt. Die Belohnung für das Durchhalten dieses zweieinhalb Stunden dauernden Nekrologs ist immerhin eines der radikalsten Kinoerlebnisse seit langem. Andere, wie Hollywood-Regisseur Christopher Nolan, inszenieren so einen Exkurs in die Zwischenwelten des Bewusstseins als formal strenge Logelei, als clever verschachtelten Thriller über Traumdiebe. Bei "Enter the Void" geht es nicht darum, zu verstehen, was auf der Leinwand passiert. Im Gegenteil! Wie bei jedem guten Drogentrip muss man auch hier Mut zum Rausch beweisen.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. huiuiui
carrion, 27.08.2010
Hui, deutsche Medien die sich mit der "New French Extremity" befassen? Da steht man im freundlichen Medienparadies Deutschland doch üblicherweise schon mit einem Bein im Knast. Danke dafür! Noé als enfant terrible darzustellen ist aber lächerlich. Es gibt genug französische Regisseure, die mindestens ebenso "radikal" sind: Grandieux, Chereau, Breillart und Carax fallen mir spontan ein, da gibt's aber noch einige mehr.
2. Frage;
Neinsowas 27.08.2010
Hat sich der gute Mann etwa der Anthroposophie Steiner´s bemüht?
3. Tokio?
Ein netter Netter 27.08.2010
"Genauer gesagt in die Gosse der wohl künstlichsten, aufs Wesentliche des Kapitalismus-Zeitalters reduzierten Großstadt, die es gibt, in die Schatten der pulsierenden Neonschilder, auf denen meterhohe Schlagworte blinken: "Sex", "Money", "Power"" Tokio ist wohl die lebenswerteste Großstadt, die es gibt, und Neonschilder mit "Sex", "Money", oder "Power" wird man dort auch nicht antreffen. Kann man Deutschen über Japan eigentlich wirklich alles erzählen?
4. Zynischer als der Regisseur
TouchingTheVoid 27.08.2010
Ich hatte das Glück, dieses außerordentliche Werk auf seiner Deutschlandpremiere in Berlin erleben zu dürfen. In Großteilen stimme ich dem Rezensenten zu, habe jedoch gelegentlich den Eindruck, also könne dieser nicht über seinen gesellschaftspsychologisch konditionierten Schatten springen. Da glaubt er doch tatsächlich, die Protagonisten als “präkarisierte Existenzen” titulieren zu müssen. Was hat deren gesellschaftliche Schicht für die existenzialistischen Fragestellungen des Films für eine Bedeutung? Wird hier etwa geglaubt, dass die im Film dargestellten Traumata, das Gefühl von Verlorensein und Verzweiflung nicht gesellschaftsübergreifend sind? Wird da jedwede menschliche Existenz sofort im mentalen Gesellschaftskalkulator bequem kathegorisiert, um etwaige Identifikationsmechanismen möglichst weit von sich wegzuschieben? Es ist mir unbegreiflich... Dennoch, auch wenn ich die letzendliche Wiedergeburt Oscars weder als “motorische Lustbefriedigung”, noch als “Reproduktionsökonomie” sehe, möchte ich dem Rezensenten herzlich dafür danken, das er diesem unglaublichen Film im Großen und Ganzen wohlgesinnt zu sein scheint. Von den deutschen Medien hatte ich da, ehrlich gesagt, etwa anderes erwartet. Herzliche Grüße.
5. .
keyzer 27.08.2010
auf den film freue ich mich sehr. irreversible fand ich unglaublich. natürlich sehr verstörend, aber grade das macht den film aus. die schonungslos dargestellte realität. enter the void? enter the kino! ;)
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Enter The Void

F/D/I 2009

Regie: Gaspar Noé

Drehbuch: Gaspar Noé

Produktion: Essential Filmproduktion, Fidélité Films, Wild Bunch, Bim Distribuzione

Verleih: Wild Bunch

Länge: 162 Minuten

Start: 26. August 2010

Offizielle Website zum Film



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