Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kinski-Doku "Jesus Christus Erlöser": Dem Publikum in die Fresse

Von

Wenn der Heiland spricht, halten seine Jünger die Schnauze: So oder so ähnlich muss Klaus Kinski sich das vorgestellt haben, als er 1971 mit seinem Messias-Monolog auf eine Berliner Bühne trat. Doch dann kam alles ganz anders.

Kinski am 20. November 1971 in Berlin: Jesus liebt Dich - wenn Du die Schnauze hältst Zur Großansicht
Edition Salzgeber

Kinski am 20. November 1971 in Berlin: Jesus liebt Dich - wenn Du die Schnauze hältst

Die Bühne ist leer und dunkel, im schmalen Scheinwerferspot steht ein einsamer Mann, Typ Hippie, mit schulterlangem Zauselhaar, in lilablauer Schlaghose und Blümchenhemd. Es ist der 21. November 1971, und es wird ein denkwürdiger Abend werden in der Berliner Deutschlandhalle.

Der Schauspieler Klaus Kinski hat angekündigt, die "erregendste Geschichte der Menschheit" zu erzählen, die Geschichte von einem der "furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen". Der Titel "Jesus Christus Erlöser".

Geschrieben hat Kinski diese Geschichte selbst, auf 30 Schreibmaschinenseiten: eine Kompilation aus Bibelzitaten und eigenen Interpretationen, die den offiziellen Kirchen-Jesus verflucht und ihn stattdessen als Sozialrevolutionär und zornigen Aufrührer beschwört, mindestens so zornig wie der Egomane Kinski selbst. Und so soll der Abend in der Deutschlandhalle nicht nur zum Versuch werden, über Jesus als Hippie zu dozieren, sondern auf der Bühne auch in die Rolle dieses Jesus' zu schlüpfen. Und er soll der Auftakt werden für eine Welttournee; geplant sind 100 Auftritte.

Am Ende bleibt es bei zwei Abenden: einem in Düsseldorf, der ungestört verläuft, und eben diesem Premierenabend in Berlin, der Kinski und mehreren tausend Zuschauern um die Ohren fliegt.

Aufreizend langsam, still, bedeutungshubernd

Um den Auftritt zum Mythos werden zu lassen, haben die knappen Ausschnitte genügt, mit denen Werner Herzog einst sein Kinski-Psychogramm "Mein liebster Feind" eröffnet hat; nun hat Kinskis Nachlassverwalter Peter Geyer eine 84-minütige Dokumentation des Abends vorgelegt. 2008 lief sie auf der Berlinale und in viel zu wenigen Kinos, seit kurzem ist sie auf DVD erhältlich.

Kinski startet aufreizend langsam, still, bedeutungshubernd, mit Predigermiene, das Mikro starr in der Hand. "Gesucht wird Jesus Christus", sagt er und lässt einen Steckbrief folgen: "Angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen, Verschwörungen gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen ..." Kaum hat er losgelegt, kommen Zwischenrufe: "Der onaniert doch ständig in die Luft!", ätzt einer. "Der hat ja schon seine Million vom Film!", ein anderer.

Kinski modifiziert seinen Steckbrief-Text, richtet ihn gegen die Störer: "Jesus trägt nie Uniform - und er hat nie eine große Schnauze." Dennoch keine Ruhe. Kinski schweigt, steckt das Mikro in den Ständer zurück. Immer noch keine Ruhe. Er tritt den Ständer um. Es hilft nichts. "Sagt mal, passt mal auf!", hebt er nun an, und dann pickt er sich einen Störenfried heraus: "Vor allen Dingen komm du jetzt hierher, der du so ein großes Maul hast!"

"Du dumme Sau!"

Was man nicht für möglich hält: Er kommt tatsächlich. Und was noch unwahrscheinlicher erscheint: Kinski drischt ihn nicht zusammen, er lässt ihn reden. "Leute", sagt der Mann, "ich bin kein großer Redner, und es ist vielleicht möglich, dass von euch welche Christus suchen. Aber ich glaube, er ist es nicht, denn Christus war duldsam, so viel ich weiß. Und wenn ihm einer widersprochen hat, dann hat er versucht, ihn zu überzeugen. Er hat nicht gesagt: Halt die Schnauze!" Es klingt vernünftig - und es ist in dieser Situation mit diesem Gegenüber wahnsinnig naiv. "Nein, er hat nicht gesagt: Halt deine Schnauze!", schreit Kinski, "er hat eine Peitsche genommen und ihm in die Fresse gehauen! Das hat er gemacht, du dumme Sau!"

In dem Stil geht es nun weiter: Kinski poltert und zetert, Kinski droht mit Abbruch und verlässt die Bühne, Kinski poltert und zetert weiter. Den Saal bekommt er dennoch kaum in den Griff, denn die Zuschauer sind nicht ehrfürchtig erstarrt wie in einem Stadttheater, sie behandeln das Bühnenprogramm nicht als hohe Kunst, nicht als Schauspiel, sondern als religiöse Predigt und politische Rede.

Das mag auf einem Missverständnis beruht haben, sicher war es auch dem antiautoritären Zeitgeist um 1968 geschuldet, aber wann, bitteschön, ist Theater heute so lebendig? Wann glüht ein Schauspieler so wie Kinski? Und wann entzündet sich ein Publikum so wie seines? Was für ein Abend!

Kinski ignoriert die Widerreden nicht etwa, sondern schlägt zusätzliche Funken aus ihnen; die sogenannte vierte Wand, die Bühne und Zuschauersaal sonst so sauber trennt, bricht zusammen. Und so werden die Momente des Scheiterns zu den Momenten des größten Gelingens - wie so häufig, wenn in der Live-Kunst Theater etwas aus dem Ruder läuft.

Kinski sah das natürlich anders. In seiner Autobiografie "Ich brauche Liebe" hat er die Zuschauer auch nachträglich noch angemacht: "Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben."


DVD Klaus Kinski: Jesus Christus Erlöser, Deutsche Grammophon Literatur, Laufzeit etwa 84 Minuten, 22,90 Euro.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. göttlich
L0k3 08.10.2009
Wie Kinski mit dem offensichtlich nur zum stören gekommenden Teil des Publikums umspringt ist einfach nur großes Kino. Ich finde es allerdings immer noch beschähment wie man einen so begnadeten Mann absichtlich mit dussligen Fragen und Zwischenkommentaren reizt. Das zeugt von dem mangelndes Respekt des Publikums. Eine Schande was für geistig Arme da unterwegs wahren.
2. Selig die, ...
sam clemens, 08.10.2009
... die da geistig arm sind. Jesus jedenfalls wollte sein "Publikum" überzeugen, "mitnehmen", erlösen. Kinski dagegen hat den Leuten die Pharisäerrolle untergeschoben und sich dann - absichtlich! - dagegen profiliert. Das war billig.
3. Ndr
ChriDDel 08.10.2009
Kinski war immer billig und pollternd. Meine lieblings Szenen sind aus der NDR Talkshow. Die Moderatorin hatte Schilder mit Kinski beleidigungen gemacht. Immer wenn er sie mit einem dieser texte bedacht hat, kam das Schild mit dem gleichen Satz. Da hat sie ihn so vorgeführt.
4. ach ja
spassamarbeiten 08.10.2009
die gute alte zeit. da haben sich leute noch danebenbenommen in talkshows, die ein happening waren, und nicht nur pr-kacke und weichgespueltes geseier, und es gab eben diesen kinski an dem man sich ganz bestimmt hat reiben koennen, aber er war so hochintelligent in dem was er sagte und machte, dafuer muss man schon ein paar zellen mitbringen. Brot & Spiele fuer die Welt , aber lasst uns unseren Kinski. Schade das uns heute so jmd. nicht erloest vom kommerz-kack
5. Ein Großer
Mo2 08.10.2009
Kinski war ein einmaliger Mensch und Schauspieler, nicht in seinem Broterwerbs-Schmonz (Edgar Wallace...) aber vor um so mehr in den Herzog-Filmen. Immer hart am Rande des Wahnsinns und frei von jeglicher Diplomatie, herrlich, solche Typen kann es nicht genug geben. Zwangsläufig, dass sich Biedermänner und Spießer dann aufregen, das gehört dazu. Es gibt (oder gab?) übrigens einen CD-Mitschnitt der Jesus-Premiere, sehr zu empfehlen! Und alle, die Kinski interessant finden, müssen Herzogs "Mein liebster Feind" sehen, eine angemessene und sehr berührende filmische Biografie.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: