Kinski-Dokumentation: Jesus Christ Superarsch

Von Birgit Glombitza

Vielleicht war es die Rolle seines Lebens: Auf der Bühne wollte Klaus Kinski vom Leiden des Messias sprechen. Der Film "Jesus Christus Erlöser" dokumentiert das skandalöse Theater-Happening - und zeigt den genialischen Schauspieler als Heiland unter Ungläubigen.

1971, Deutschlandhalle, Berlin. Kinski stellt sich in den Lichtspot auf der Bühne - sanft fallende lange Haare, ein Patchwork-Hemd aus unterschiedlichen Blümchenstoffen, lila Nicki-Hose mit Schlag - um die "erregendste Geschichte der Menschheit" zu erzählen. "Gesucht wird Jesus Christus, angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen, Verschwörung gegen die Staatsgewalt: Deckname: Menschensohn, Friedensbringer, Erlöser."

So stellt er seine Bühnenfigur, seine Existenzform für die nächsten Stunden, aus denen eine ganze durchquälte Nacht werden soll, im Steckbrief vor. Er beginnt langsam, mit leiser, scharfkantiger Stimme. Dazu dieses Gesicht, in dem alles ein bisschen zu groß, zu angespannt, alles etwas unsymmetrisch ist. Allein dieser Anblick ist schon so intensiv, das es manchem den Atem verschlagen mag. Die ersten hüsteln. Die ersten Räusperer.

"Du säst Hass!"

Ein Schauspieler und sein Text. Nichts weiter und doch reicht es an diesem Abend für eine ungeheure Provokation. Sprechend findet Kinski hinein in diesen Jesus, in seinen Jesus. Das kann zärtlich klingen, dann wieder berstend vor Aggression gegen das Heer der Philister, damals wie heute. Er wird unterbrochen, geht von der Bühne, kehrt mit in die Hüften gestemmten Ellebogen zurück. "Phrasendrescher!", ruft einer. "Du säst Hass!", ein anderer. Schließlich: "Arschloch!"

"Jesus Christus Erlöser" von Kinskis Biograph, Nachlassverwalter und seinem vielleicht größten Fan Peter Geyer dokumentiert jenen legendären Theater-Abend, der zum skandalösen Happening mit Hausverboten und Räumungskommandos eskalierte und den die meisten bislang wohl nur als Hörstück kennen. Geyer hat das Material von vier Kameras ausgewertet um diesen Abend zu rekonstruieren. Bis hin zu jenem kleinen andächtigen Menschenhaufen, der am Ende zu später Stunde noch im Saal bleiben durfte, um einem immer wieder von vorne beginnenden, sichtlich erledigten Kinski und seinem Evangelium zuzuhören. Endlich. Endlich scheint sich Kinskis Obsession, sein "wichtigster Vortrag", zu erfüllen.

Exhibitionismus, Exaltiertheit, Maßlosigkeit

Nikolaus Karl Günther Nakszynski, geboren 1926 im deutschen Niemandsland Zoppot suchte immer die Ekstase. Die große Geste für die noch größere Empfindung, die nur ein Ausersehener verspüren kann. Als Klaus Kinski nahm der Exhibitionismus, die Exaltiertheit und die Maßlosigkeit Gestalt an. Es sollte um alles gehen. Und zwar in jeder Sekunde, auf der Bühne, vor der Linse und privat. Um Leben und Tod, Liebe und Verrat.

Morddrohungen gingen ihm ebenso flott über die Lippen, wie Liebeschwüre. Zuneigung gab es nur als Vergötterung, Sex nur als Apotheose - vorausgesetzt, man glaubt den autobiographischen Enthüllungen ("Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund").

Er war Paganini, Villon, Dostojewskijs "Idiot", Edgar Allan Poe, Marquis de Sade, Nosferatu, Jack the Ripper. Und weil er es nicht kleiner hatte, weil method acting nur etwas für "amerikanische Wichtigtuer" war, bemühte er für diese Scharaden gerne die Wunder der Seelenwanderung. Er erklärte sich zur Reinkarnation seiner Helden.

Kinskis Erlöser sieht sich als Jesus unter Ungläubigen. Unverstanden, bespuckt, gedemütigt. Scheiternd am Palaver- und Diskutierzwang der 68er, an einer Generation, die Kinskis Darbietung als autoritäre Anmaßung missverstehen musste. "Das ist ja wie vor 2000 Jahren. Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben", schimpft er später. Das Publikum begriff nichts von Kinskis live durchexerzierter Selbstauflösung, nichts von seinen symbiotischen Rollenspielen, seinem Authentizitätswahn und der missionarischen Wucht, mit der er seine Eschatologie von einem anarchischen, individualistischen Jesus in die Welt brüllte.

Deutsche Export-Visage

Für dieses Publikum blieb er die debile Karikatur des Erwählten mit übermenschlich großer Mission, des genialischen Wesens oder zumindest dessen, was sich das Bildungsbürgertum seit der Romantik darauf zusammenreimte. Und als solcher jagte er den Braven im Publikum eine Heidenangst ein, die Revoluzzer und Debattierer dagegen machte er aggressiv und übergriffig.

Sie mögen in Kinski vor allem das "deutsche Grauen" gesehen haben, wie Georg Seeßlen nach Kinskis Tod im Jahr 1991 notierte. Die deutsche Export-Visage, für die er der Filmindustrie seinen Preis nennen konnte.

Als Fratze des Bösen aus dem Land der Übermenschen, der den Nazi noch in die kleinsten Halunkenrolle hineinschillern lassen sollte, wurde er gebucht. Der Leinwandmythos des hässlichen Deutschen, der sich vernichtet, indem er alles verwüstet. Das kahle Geschöpf mit schlechter Durchblutung, das in "Nosferatu" an zuwenig Liebe und zuviel Tageslicht zerbricht. Der flüsternde Kopfgeldjäger vor unüberschaubarer Landschaft oder die Exekutive des Allmächtigen. "Ich bin der Zorn Gottes", droht Kinskis als "Aguirre", schnappt sich eines von hundert Äffchen, glotzt ihm bösartig in die Augen und schmeißt es in den Fluss.

Doch die Menschen in der Deutschlandhalle sind keine handlichen Äffchen. Am Ende bekommt er sie doch in den Griff. Die wenigen, die geblieben sind und ihm wie eine Schar Jünger im Halbdunkel lauschen. "Ich fühle meinen Körper nicht mehr", heißt es in Kinskis Biographie. "Um zwei Uhr ist alles zu Ende".

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